Die Reform des mexikanischen Ejido (II)

In einer vierteiligen Serie schreibt die Autorin über Geschichte und Reform der mexikanischen Ejidos. Teil II: Der Ejido im Weltmarktkontext.
Die Nachkriegsära lässt sich in zwei große Phasen unterteilen. Im Zeitraum 1940-70 überwog der Protektionismus, mit dem jedes Land seinen Nahrungsmittelmarkt schützte. Ein Welthandel der Nahrungsmittel war noch unbekannt. Der Welthandel der Nicht-Industriegüter bestand vor allem aus agrarischen Rohstoffen (z.B. Baumwolle, Kakao, Kaffee).

Entstehung des Welthandels mit Nahrungsmitteln

Anfang der 1970er Jahre änderte sich die Situation. Ab 1972 begann die Sowjetunion stetig steigende Volumina von Getreide aus den USA zu importieren. Als Folge der steigenden Nachfrage nach Getreide sowie des ersten Ölschocks von 1973 stiegen die Weltmarktpreise für agrarische Rohstoffe und Nahrungsmittel bis Ende des Jahrzehnts kontinuierlich an. Die USA steigerten ihre Erträge bis Ende der 1970er Jahre um 25%, ab 1976 trat die Europäische Gemeinschaft (EG) als große Weizenexporteurin in den Wettbewerb ein.

Die neue Weltagrarordnung, die sich ab den 1970er Jahren entwickelte, hat in Lateinamerika zur kapitalistischen Umstrukturierung in der Landwirtschaft geführt. Die Landwirtschaft verlor ihre Rolle als Lokomotive der lateinamerikanischen Volkswirtschaften und erlitt einen bleibenden Bedeutungsverlust. Die Mehrheit der Länder begann nun gezielt mit der Förderung des Exportsektors der Landwirtschaft. Die hochgradige Exportorientierung erfordert umfangreiche Anpassungen an den jeweiligen VerbraucherInnenmarkt: Logistik (Standortauswahl), Pflanzzeiten, Verpackung, Transport, Technologie (Biotechnologie, Biogenetik, Agrartechnologie) und Marketing werden für die just in time-Produktion zurechtgeschneidert.

Konsolidierung der neuen Agrarordnung

In den 1980er Jahren konsolidierte sich diese neue internationale Agrarordnung. Neu hinzu kam eine Revolution der Anbaumethoden und -technologien bedingt durch die Entwicklung von Biotechnologie und Gentechnologie. Dies führte im Ergebnis zu spektakulären Produktivitätsfortschritten, die nun zum entscheidenden Arsenal im weltweiten Kampf um neue Absatzmärkte zwischen den GroßanbieterInnen wurde. Die Phase der hohen Agrarpreise fand 1982 ein jähes Ende, als ein Jahrzehnt des Preisverfalls begann. Auf den sich verschärfenden Wettbewerb reagierten die großen Agrarexporteurinnen USA und EG mit steigenden Subventionen für die heimischen AgrarproduzentInnen, was einer Exportsubvention gleichkam. Der so geführte ruinöse Niedrigpreiskrieg auf dem Weltmarkt der Agrargüter führte zu erheblichen Überkapazitäten für einzelne Produkte (Getreide). 1992 fielen die Agrarpreise auf das niedrigste Niveau des Jahrhunderts.

Ab Anfang der 1980er Jahre führte die neoliberale Politik allgemein zum Rückzug des Staates. Im Kontext der IWF-Strukturanpassungsprogramme geht es im Kern stets darum, die Landwirtschaft dem "freien Spiel" der Marktkräfte zu überlassen. In der Folge fallen die ProduzentInnenpreise und gleichzeitig steigen alle Inputkosten der landwirtschaftlichen Produktion (Pestizide, Dünger, Kraftstoff, Saatgut). Die Landwirtschaft wird unrentabel.

Folgen der neuen Weltagrarordnung

In Lateinamerika lassen sich vier Ländergruppen unterscheiden, die je unterschiedlich auf die exogenen Veränderungen reagierten und eine je spezifische Variante der Weltmarkintegration erlebten.

I. Länder, die ihre Selbstversorgung mit Grundnahrungsmitteln aufrecht erhalten konnten und zusätzlich auf dem Weltmarkt als Exporteure von Getreide und Obst oder Gemüse auftreten. Dazu gehören Argentinien und Uruguay.
II. Länder, die ihre Nahrungsmittelsouveränität beibehalten und zusätzlich Exporteure von "neuen" Produkten, hauptsächlich Obst und Blumen, werden konnten. Dazu gehören Chile, Kolumbien, Ecuador, Paraguay.
III. Länder, die sich zwar in die neue internationale Arbeitsteilung als Exporteure der "neuen" Agrarprodukte integriert haben, aber gleichzeitig die Nahrungsmittelsouveränität für Grundnahrungsmittel verloren haben. Dazu gehören Mexiko, Brasilien, Costa Rica, Honduras, Guatemala.
IV. Eine große Gruppe lateinamerikanischer Länder exportiert weiterhin die traditionellen Agrarrohstoffe und hat sich nicht in die neue Agrarordnung integriert. Dazu gehören El Salvador, Dominikanische Republik, Haiti, Nicaragua, Peru, Bolivien, Panama. Diese Länder gehören zu den Marginalisierten der neuen Weltagrarordnung. In Gestalt dieser Ländergruppe kommt der ausschließende und selektive Charakter der Transformation der Weltmarktordnung zum Ausdruck.

Exportorientiertes Agrarmodell in Mexiko

Der Bedeutungsverlust der Landwirtschaft als strategischer Wirtschaftszweig für die Entwicklung des Landes verlief in Mexiko besonders dramatisch. Ab den 1980er Jahren wird es zunehmend schwieriger, ausländisches Kapital zur Investition in die Landwirtschaft zu bewegen. Dem Exportboom bei den neuen, rentableren Agrarprodukten standen steigende Importe von Grundnahrungsmitteln gegenüber. Auch der Rückzug des Staates aus dem Wirtschaftsgeschehen war in Mexiko radikaler als anderswo. Innerhalb von acht Jahren (1986-94) werden die Verhältnisse in der Landwirtschaft auf den Kopf gestellt. Hinzu kommt die abrupte Öffnung der Grenzen, die die einheimischen AgrarproduzentInnen mit der Konkurrenz der Billigimporte aus den USA konfrontierte.

Die institutionelle Anpassung der Landbesitzverhältnisse an die Markterfordernisse wird mit der Reform des Artikel 27 konkret. Der Schlussstein der neoliberalen Architektur ist die Unterzeichnung des nordamerikanischen Freihandelvertrags TLCAN (oder NAFTA engl.). Die in dem supranationalen Vertragswerk eingegangenen Verpflichtungen sollen den erreichten Stand der neoliberalen Liberalisierung irreversibel machen und somit den ausländischen InvestorInnen mehr Sicherheit bieten.

Gewidmet einem teuren Freund, dem Ejidatario und Gelehrten an der
Universität des Lebens Raúl González Vázquez, ermordet am 24. Januar
2000.

Lesen Sie am 6. Juni 2005 in Teil III: Das Privatisierungsprogramm PROCEDE.

Die Autorin ist Forscherin am European Trade Union Institute for Research, Education, and Health and Safety.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.