In einer vierteiligen Serie schreibt die Autorin über Geschichte und Reform der mexikanischen Ejidos. Teil I: Was ist ein Ejido?
Das Jahr 1992 markiert eine historische Wende in der mexikanischen Agrargeschichte. Der Artikel 27 der mexikanischen Verfassung wird reformiert und damit die "heilige Kuh" der MexikanerInnen, der Ejido, geschlachtet. Diese Reform des Ejido ist ein zentraler Baustein des neoliberalen Modernisierungsparadigmas auf dem Land. Das Ende der post-revolutionären Phase der Agrarreform wird damit offiziell besiegelt.
Errungenschaft der mexikanischen Revolution von 1910
Der Ejido als ein System des gemeinschaftlichen Landbesitzes von bäuerlichen Gemeinden – den Pueblos – hat präkolumbianische Wurzeln. Auf dem Territorium des heutigen Mexiko geht der gemeinschaftliche Landbesitz zurück auf eine Tradition der Azteken, ist aber im ganzen Subkontinent geläufig. Land und die Landfrage waren die zentralen Themen der mexikanischen Geschichte. Das 19. und 20. Jahrhundert hindurch haben Bauern/Bäuerinnen und indigene Gemeinden für ein Stück Land zum Leben gekämpft. Während der mexikanischen Revolution 1910-1917 ging es der Bauernschaft ganz wesentlich um die Wiederherstellung ihrer Landrechte, die sie durch die liberale Agrarpolitik im 19. Jahrhundert verloren hatte. Vor der Revolution von 1910 besaßen 92% der Landbevölkerung kein Land. Nur ein Prozent der LandbesitzerInnen kontrollierten 97% des Ackerlands.
Drei Arten des Landbesitzes
Die mexikanische Verfassung von 1917 anerkennt drei Arten des Landbesitzes: nationales Eigentum, gemeinschaftlichen und privaten Grundbesitz. Die verfassungsmäßige Verankerung des Ejido im Artikel 27 und somit die Gewährung staatlichen Schutzes war eine zentrale Errungenschaft der mexikanischen Revolution von 1910. 70 Jahre lang war die Agrarreform das wichtigste Thema der Politik, worauf der junge Nationalstaat seine Identität baute. Die revolutionäre Ideologie des agrarismo kommt in dem Schlachtruf zum Ausdruck: "La tierra a quien la trabaja" (dt.: Das Land gehört denjenigen, die es bearbeiten).
Ejidos und comunidades agrarias
Gleich von Anfang an unterscheidet die Verfassung von 1917 zwei Kategorien von Begünstigten der Agrarreform: a) die comunidades agrarias und b) die Ejidos.
Bei den comunidades agrarias handelt es sich um indianische Gemeinden, denen ihre Länder geraubt worden waren, die einen alten Besitztitel innehatten (oft noch aus Zeiten der spanischen Krone), der sie als rechtmäßige Eigentümerinnen der beanspruchten Ländereien auswies. Es ging hier lediglich um die Wiederherstellung der alten Landrechte, die Rückgabe von geraubtem Land und die Wiedergutmachung eines erlittenen Unrechts.
Bei den Ejidos handelte es sich um Neugründungen, die auf Antrag einer Gruppe von landlosen Bauern/Bäuerinnen erfolgte. Die antragsstellenden Gruppe erhielt eine vom Staatspräsidenten unterzeichnete Genehmigung zur Gründung eines Ejido. Der Staat (vertreten durch das Agrarministerium) bewerkstelligte die Enteignung von GroßgrundbesitzerInnen (mit finanzieller Entschädigung) oder sorgte für die Inwertsetzung von Brachland.
Der Großteil der Ejidos wurde ab Ende der 1920er bis Ende der 1960er Jahre gegründet.
Anfänglich ging die Landenteignung schleppend voran: 1923 besaßen zwei Prozent der privaten LandbesitzerInnen immer noch 82% des Ackerlands. 59% der Landbevölkerung besaß nur 0,8% des Ackerlands. Die zweite Welle der Landenteignung unter Präsident Cárdenas (1934-40) brachte die Wende. Gegen Ende seiner Amtszeit waren 50% des Ackerlands in Ejidobesitz. 1970 war 43% des Ackerlands auf 66% der Landbevölkerung verteilt worden, die alle größtenteils Ejidatarios waren.
Zwei Klassen von Landbevölkerung
Der VII. Agrarzensus von 1991 wies eine Gesamtzahl von 29.951 Ejidos und comunidades agrarias aus, die zusammen eine Fläche von 102.876.789 Hektar ausmachten, was ca. 53% des nationalen Territoriums entsprach. Der Ejido schuf zwei Klassen unter der Landbevölkerung: eine Minderheit von Berechtigten (1/3) und eine Mehrheit von Nicht-Berechtigten (2/3).
Über 70 Jahre lang (1923-2000) wurde Mexiko von der autoritären Einheitspartei PRI (Partido de la Revolución Institucional = Partei der institutionalisierten Revolution) regiert. Mit der Gründung des nationalen Bauernverbands CNC (Confederación Nacional Campesina), in dem alle Ejidatarios zusammengeschlossen waren, wurden die Ejidobauern und -bäurinnen zur politischen Klientel und tragenden Säule des PRI-Systems. Im Juli 2000 kam es dann zum Machtwechsel auch auf nationaler Ebene und mit Vincente Fox vom konservativen PAN (Partido Acción Nacional) wurde der erste Präsident gewählt, der einer Oppositionspartei angehörte.
Wie funktioniert ein Ejido?
Das Ejidoland besteht grundsätzlich aus zwei ungleichen Teilen: der größere Teil ist die Allmende und der kleinere Teil sind die Einzelparzellen. Jedes Ejidomitglied hat das individuelle Nutzrecht an seiner Parzelle, d.h. es besitzt einen ejidalen Landtitel, der es als Ejidatario ausweist und bebaut sein Land zu seinem eigenen Nutzen. Jede Parzelle und jedeR BesitzerIn wird in einem speziellen, ejidalen Landbesitzkataster geführt (Registro Agrario Nacional, R.A.N.). Die Allmende ist ein kollektives Eigentum und besteht in der Regel aus Weideland und/oder Wald. Sie steht allen Ejidomitgliedern zur gemeinschaftlichen Nutzung offen, dies gilt auch für Landlose, sofern sie in der Ejidoversammlung einen Antrag auf Landnutzung stellen. Wenn die Versammlung dem Antrag mehrheitlich zustimmt, bekommt der/die Landlose den Status comunero/-a und darf einen zugewiesenen Teil der Allmende bebauen. Die Ejidatarios wählen alle drei Jahre aus ihrer Mitte eine Ejidoleitung (comisariado ejidal), die für die Geschäftsführung zuständig ist. Es finden regelmäßig Ejidoversammlungen statt, auf denen allgemeine Belange besprochen werden.
Gewidmet einem teuren Freund, dem Ejidatario und Gelehrten an der Universität des Lebens Raúl González Vázquez, ermordet am 24. Januar 2000.
Lesen Sie in Teil II am 3. Juni 2005: Der Ejido im Weltmarktkontext.
Die Autorin ist Forscherin am European Trade Union Institute for Research, Education, and Health and Safety.