Das Freire-Zentrum dokumentiert den Beitrag der Autorin für "Eigentum anders" – Die Auftaktpressekonferenz.
In dem Beitrag soll – nachdem die Südafrikanerin Mama Darlina Tyawana
als eine der HauptreferentInnen der Entwicklungstagung 2005 eine
tragende Rolle bei der Veranstaltung einnehmen wird – auf die
Wichtigkeit von Partnerschaften mit Universitäten in Ländern des Südens
und internationalen Beziehungen eingegangen werden. Hierzu werden
exemplarisch einige Bereiche der JKU vorgestellt, in denen ersichtlich
wird, dass die Universität in ihren Auslandsbeziehungen nicht vor den
Grenzen der sog. Ersten Welt halt macht.
Die Relevanz von Partnerschaften mit Universitäten in Afrika:
An
der JKU findet sich im Bereich von Universitätspartnerschaften zwar
nach wie vor eine europäische Dominanz, die Aktivitäten in
Lateinamerika, Afrika und Asien sind in den letzten zehn Jahren jedoch
immens forciert worden. Neben zahlreichen Partnerschaften in Asien und
Lateinamerika existieren auch vier Partnerschaften mit Universitäten im
sub-saharischen Raum. Alle afrikanischen Partneruniversitäten befinden
sich in Ländern – Tanzania, Uganda und Südafrika – die zugleich auch
Schwerpunkt- bzw. Kooperationsländer der bilateralen, österreichischen
Entwicklungszusammenarbeit sind. Einer von ihnen kommt, sowohl aufgrund
der Herkunft der erwähnten Hauptreferentin Mama Darlina Tywana, als
auch aufgrund der Tatsache, dass das Land Oberösterreich mit der
Western Cape Province ein Partnerschaftsabkommen hat, besondere
Bedeutung zu.
Die im Jahr 1918 etablierte University of Cape Town
(UCT) ist die älteste Universität Südafrikas. Ein kurzer Blick auf die
Geschichte dieser Universität zeigt inwieweit diese in Afrika "anders"
als im europäischen oder nordamerikanischen Raum gestaltet sind. So war
in den Jahren von 1960 bis 1990 die UCT nur für "weiße" Studierende und
Lehrende geöffnet, die University of the Western Cape (UWC) war die
Universität der "coloured" Bevölkerung. Seit dem Ende der Apartheidzeit
und der ersten demokratischen Wahl in Südafrika 1994 hat die UCT enorme
Transformationsprozesse durchlebt. Sie hat nunmehr einen freien Zugang
für alle SüdafrikanerInnen – die aktuelle Zahl der Studierenden beträgt 18.000 – und mit Mamphele
Ramphela das erste Mal in ihrer Geschichte eine "schwarze"
Südafrikanerin als Vizerektorin gehabt. Die seit vielen Jahren
bestehenden Beziehungen zwischen MitarbeiterInnen der JKU und der UCT
wurden weiter ausgebaut. So wurde der Partnerschaftsvertrag zwischen
der JKU und der UCT bei einem Besuch einer vierköpfigen Delegation aus
Kapstadt am 21. September 2004 in Linz verlängert.
Forschung und
Lehre braucht heute mehr denn je den Blick über die Grenzen der eigenen
Disziplin, aber auch über die Grenzen der eigenen Universität, des
eigenen Landes und des europäischen Kontinents hinaus. Viele
Herausforderungen an die scientific community haben ein Gemeinsames
darin, dass Problemstellungen nicht lokal oder auch national begrenzt
sind. Globale Probleme können nur in einer sinnvollen Vernetzung
verschiedenster regionaler Forschungsressourcen analysiert werden,
daher sind Interdisziplinarität und Internationalität unverzichtbar
geworden. Von diesen Überlegungen angeleitet werden insbesondere im
Bereich der Entwicklungssoziologie bewusst Kooperationen mit
FachvertreterInnen anderer Wissenschaftsdisziplinen bzw.
WissenschafterInnen von Partneruniversitäten bzw.
Forschungseinrichtungen
in außereuropäischen Ländern ausgebaut. Die Intensivierung der
Kooperationen der JKU mit universitären und außeruniversitären
Bildungs- und Forschungseinrichtungen und die Förderung des
internationalen Austausches von Lehrenden und Studierenden mit
Partneruniversitäten in Ländern des Südens (Einbindung in
internationale Forschungsnetzwerke sowie Auslands- und internationale
Kooperationserfahrung) zeigt ihre Auswirkungen nicht zuletzt darin,
dass mit Mama Darlina Tyawana eine Vertreterin eines südafrikanischen
grassroots movements zur Entwicklungstagung kommt.
Exkursionen für Studierende mit entwicklungspolitischen Schwerpunktsetzungen als Teil der Ausbildung:
An
der JKU werden als Teil entwicklungssoziologischer Lehrveranstaltungen
immer wieder auch Exkursionen in Länder des Südens für Studierende
angeboten, so bspw. nach Uganda 2003 und nach Namibia 2004. Basierend
auf zentralen Problemstellungen einer sog. Entwicklungsgesellschaft
wurden Exkursionsprogramme entwickelt mit Hilfe dessen
verschiedene Aspekte von Entwicklungsprozessen innerhalb eines Landes
identifiziert wurden. Ziel von Exkursionen ist es Studierenden einen
Einblick in praktische entwicklungspolitische Arbeit vor Ort
gewinnen zu lassen. Es werden hierbei Projekte, die ein breites
Spektrum praktischer EZA-Tätigkeit (Bildungs- und Gesundheitssektor,
Gewerkschaftsarbeit, Kulturbereich, Arbeitswelt, Menschenrechte,
Gender-Aspekte etc.) widerspiegeln, besucht. Besonderes Augenmerk wird
auf unmittelbare Konfrontation der Studierenden mit der aktuellen
Situation und den damit verbundenen Problemen in sog.
Entwicklungsgesellschaften gelegt. Die TeilnehmerInnen können kritische
Einblicke in die sozio-ökonomische Lebenssituation von Menschen vor Ort
gewinnen. Die bei Exkursionen gewonnenen Kenntnisse werden in
Präsentationen dem österreichischen Publikum dargestellt, wobei
interkulturelle Erfahrungen der TeilnehmerInnen immer wieder eine
tragende Rolle einnehmen.
Interkulturalität der TeilnehmerInnen der Entwicklungstagung:
Bei
der Entwicklungstagung 2005 werden Dialoge zwischen Menschen
stattfinden, die von unterschiedlicher sozio-kultureller Herkunft sind
und in differenten sozio-ökonomischen Situationen leben. So sei an
dieser Stelle erwähnt, dass die Hauptreferentin Mama Darlina Tywana bis
vor in paar Tagen noch nicht im Besitz eines Reisepasses war.
Interkulturalität
– ob bei Tagungen mit internationalem Publikum, bei Studienaufenthalten
von Studierenden, bei Exkursionen oder bei Forschungsaufenthalten von
Lehrenden – ist in der Gegenwart eine wichtige Grundlage der
Lebensweltorientierung von Menschen geworden. Die Beschäftigung mit
entwicklungspolitischen Themenstellungen gewährleistet eine
zukunftsorientierte Wissenschaft in einer globalisierten Welt, in
welcher Akzentsetzungen für interkulturelle Tätigkeiten vermehrt einen
Stellenwert einnehmen werden. Die Fähigkeit des Reflektierens über
einzelne – von national gezogenen Grenzen gesetzte –
Gesellschaftssysteme wird nicht ausreichen, um Studierenden und
Lehrenden zugleich einen profunden Einblick in eine globalisierte Welt
zu gewähren.
Wissenschaftliche Auseinandersetzung mit
Interkulturalität, Nord-Südbeziehungen und nicht zuletzt mit
Gesellschaftssystemen der Peripherie stellen Herausforderungen der
Zukunft dar, welche kompetent bewältigt werden müssen. Die JKU leistet
hierzu sowohl durch ihre Partnerschaftsbeziehungen mit Universitäten in
Ländern des Südens, als auch durch ihre Rolle als Mitveranstalterin der
Entwicklungstagung 2005 einen wichtigen Beitrag.
Die Autorin ist Universitätsassistentin an der Abteilung für Politik und Entwicklungsforschung, Institut für Soziologie, J.K. Universität Linz