Die Imperiale Lebensweise als Entwicklungsmodell im Globalen Süden.

Um den ressourcenintensiven Wohlstand des globalen Nordens zu sichern, werden durch die so genannte imperiale Lebensweise soziale und ökologische Kosten externalisiert. Diese Verlagerung – sowohl in den globalen Süden, als auch innerhalb der nationalen Gesellschaften – vollzieht sich entlang von Klassen-, Geschlechter- und „Rassen“-Grenzen. Trotz zahlreicher sozialer Konflikte und des Widerstands gegen die Auswirkungen der imperialen Lebensweise wurde diese zum dominierenden Entwicklungsmodell in Lateinamerika, so die These der Autor*innen der Schwerpunktausgabe 2021-4/2022-1 des Journals für Entwicklungspolitik  (JEP).

Die doppelbändige Publikation geht der Frage nach, wie sich die imperiale Lebensweise trotz ihrer vielfältigen Widersprüche auch im globalen Süden durchsetzen konnte. Ausgewählte Autor*innen der beiden Bände, Felix Malte Dorn (Universität Innsbruck), Jakob Graf (Friedrich-Schiller-Universität Jena) und Teresa Millesi (Universität Innsbruck), diskutierten bei dieser JEP-Präsentation das Zusammenspiel von Alltagshandeln und gesellschaftlichen Strukturen, das die Reproduktion der imperialen Lebensweise im Globalen Süden ermöglicht und unterstützt.

Die vielfältigen Dimensionen der imperialen Lebensweise.

Die Politikwissenschafterin Anna Preiser stellte am Beginn der Veranstaltung allgemeinen theoretischen Überlegungen aus ihrem – zusammen mit Mathias Krams verfassten – einleitenden Beitrag vor. Sie erläuterte dabei, dass die unterschiedlichen Dimensionen der imperialen Lebensweise, wie Nord-Süd-Abhängigkeit, Klassenbeziehungen, aber auch Strukturen der Ausbeutung eng miteinander verbunden sind. Außerdem spiele die Kolonialität von Macht, Wissen und Natur eine wichtige Rolle in der Aufrechterhaltung der imperialen Lebensweise. Als „Kolonialität“ wird das Wesen von Prozessen und Strukturen verstanden, die aus kolonialen Verhältnissen hervorgehen, und trotz der formalen Abschaffung des Kolonialismus in den Gesellschaften des globalen Südens fortbestehen. Diese Kolonialität äußert sich auch im Zugang zu und in der Nutzung von natürlichen Ressourcen, und ist eng mit einem fortwährenden Prozess kolonialer Subjektivierung verbunden. „Subjektivierung“ bedeutet in diesem Zusammenhang einen Vorgang, bei dem koloniale Ideen und Praxen herrschender Klassen in das Verhalten jedes*r Einzelnen eigeschrieben werden. Wie sich Menschen heute die Natur aneignen, hängt demnach mit kolonialen Strukturen und deren Hierarchien zusammen.

Eine fortlaufende Eroberung- Auseinandersetzung mit der Expansion des Kapitalismus in indigenen Dokumentarfilmen.

Teresa Millesis Beitrag für die Schwerpunktausgabe untersucht die Beziehung zwischen indigenem Filmschaffen und Konflikten aufgrund der expandierenden ausbeuterischen Rohstoffindustrie in Lateinamerika. Im Rahmen der Präsentation erklärte sie, dass sie das Potenzial des Dokumentarfilms darin sieht, ein neues Verständnis für lokale Situationen in den globalen Zentren zu schaffen. Ihre Arbeit befasst sich insbesondere mit zwei indigenen Dokumentarfilmen, die sich mit aktuellen territorialen Konflikten und Umweltungerechtigkeit auseinandersetzen: Júba Wajiín – Resistencia en la Montaña de Guerrero (2018) und Sangre y Tierra (2016). Millesi argumentiert, dass diese Filme eine aktivistische Konfrontation mit der Expansion des Kapitalismus als einen Prozess der zunehmenden Zerstörung erlauben. Sie ermöglichen eine kritische Hinterfragung der imperialen Lebensweise und zeigen zugleich Alternativen auf. In der anschließenden Diskussion zu ihrem Artikel unterstrich die Autorin, dass die untersuchten Filme etablierte Narrative von „Entwicklung“ vermeiden und sich insbesondere der Verknüpfung von Kommodifizierung und „Entwicklung“ verweigern würden.

Territoriale Macht und periphere imperiale Lebensweise – Internalisierungsmechanismen in der chilenischen Bergbaustadt Tierra Amarilla.

Jakob Graf postulierte in seiner Präsentation, dass die Internalisierung externer sozialökologischer Kosten in den Ländern des Globalen Südens durch ‚Internalisierungsmechanismen‘ aktiv aufrechterhalten werden müsse. Anhand des Fallbeispiels der Kleinstadt Tierra Amarilla in Chile illustrierte der Autor, wie das dort tätige Bergbauunternehmen seine territoriale Macht vor dem Hintergrund eines breit propagierten Teilhabeversprechens an der ‚peripheren imperialen Lebensweise‘ etablieren konnte. Zugleich weist Graf auf Brüche im Entwicklungsnarrativ hin und beschreibt den Widerstand, der sich insbesondere bei jenen formiert, die aus der Teilhabe an der imperialen Lebens- und Produktionsweise ausgeschlossen werden.

Anhand der Massenprotesten in Chile 2019, bei denen Würde, soziale Gerechtigkeit und ein fundamentales ökologisches Umsteuern gefordert wurden, zeige sich, dass Internalisierungsmechanismen immer weniger greifen würden. Als Herausforderung der Widerstands- und Protestbewegungen sieht der Autor den Umstand, dass die Folgen naturzerstörerischer Handlungen nur langsam eintreten und sich folglich auch ein Großteil der Probleme nicht in manifesten, sondern in latenten Konflikten widerspiegelt. Für eine wirksamen Eindämmung der ökologischen Krise müssten die latenten Konflikte in manifeste Konflikte umschlagen. In Chile ist der Spielraum progressiver Gegenbewegungen zudem durch eine veraltete Verfassung eingeschränkt, die noch aus der Pinochet-Diktatur stammt. Viele notwendige Gesetzesentwürfe der linken Regierung, so Graf, sind Gefahr durch die alte Verfassung gestoppt zu werden.

Ungleichheiten in ressourcenbasierten globalen Produktionsnetzwerken: Widerstand gegen den Lithiumabbau in Argentinien  und Portugal.

Felix Malte Dorn beschäftigt sich in seinem Artikel mit den Herausforderungen der Nachhaltigkeitswende. Von Regierungen westlicher Staaten und internationalen Organisationen wird Lithium häufig mit „nachhaltigen“ technologischen Innovationen verknüpft. Die Elektromobilität soll eine – immer noch markt- und wachstumsorientierte – Antwort auf die ökologischen Auswirkungen des kapitalistischen Wirtschaftssystems sein. Dorn sieht in der starken Zunahme der weltweiten Lithiumabbau-Projekte ein bezeichnendes Beispiel für die Fortsetzung der imperialen Lebensweise. Am Beispiel der Fallstudien von Salinas Grandes (Jujuy, Argentinien) und Covas do Barroso (Região Norte, Portugal) analysiert sein Beitrag die Auswirkungen hegemonialer Entwicklungsdiskurse entlang globaler Produktionsnetzwerke. Zudem beschäftigt sich der Autor mit den Widerständen, die sich vielerorts gegen die Auswirkungen des Lithiumabbaus formieren.

Dorn konstatierte, dass sowohl im Globalen Süden als auch im Globalen Norden neue Ressourcenkonflikte entstehen würden. Letztere müssten im Kontext ausgeprägter Asymmetrien zwischen den urbanen Zentren und den Peripherien des Globalen Nordens gesehen werden. Die zunehmende Ungleichverteilung des Wohlstands und die unaufhaltsame Ausbreitung des Kapitalismus in ländliche Gebiete, einschließlich der Enteignung von Gemeingütern, hätten zu neuen innergesellschaftlichen Nord-Süd-Beziehungen geführt. Die von ihm erforschten Widerstandsbewegungen stellen die schrankenlose Kommodifizierung der Natur in Frage und könnten als einzelne Elemente einer größeren sozial-ökologischen Transformation gesehen werden.

Die Autorin ist Mitglied des Redaktionsteams. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Weiterführende Links:

Imperiale Lebensweise ‚at work’ in Lateinamerika – Heft 1 (JEP, Volume XXXVII • Issue 4 • 2021)
Imperiale Lebensweise ‚at work’ in Lateinamerika – Heft 2 (JEP, Volume XXXVIII • Issue 1 • 2022)
Mattersburger Kreis für Entwicklungspolitik

Titelbild © Bernard Hermant (2018), https://unsplash.com/photos/nHR XNv2qeDE

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik, Entwicklungsforschung, Globale Ungleichheiten, Sozial-ökologische Transformationen, Gutes Leben für Alle, Themen.