Ganz zufällig wurde Michaela, Studentin der Internationalen Entwicklung, auf die JEP Präsentation zum Thema Think-Tanks und Entwicklung am 23. November aufmerksam.
Sie befand sich gerade in der C3 Bibliothek, als sie bemerkte, dass im Alois Wagner Saal kurz vor 19 Uhr alles vorbereitet wurde. Aus dem Studium bekannte Namen in der Einladung, wie Karin Fischer von der Abteilung für Politik- und Entwicklungsforschung der Uni Linz und Dieter Plehwe vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, weckten ihr Interesse.
JEP-Entstehung
Unter Internationale Entwicklung-Insidern sind das schon bekannte Größen. Es war daher nicht verwunderlich, dass bei der Veranstaltung mit anschließender Diskussion mit Alexandra Strickner von attac Österreich verhältnismäßig viele ihrer StudienkollegInnen im Publikum saßen. So wie es sich in diesen Kreisen gehört, trudelten in der akademischen Viertelstunde noch die meisten der BesucherInnen ein. Michaela setzte sich gleich in die vorderen Reihen und packte ihren Notizblock aus, um die wichtigsten Informationen schriftlich festzuhalten. Sie hatte schon zuvor vom neuen JEP gehört, dessen Schwerpunktredaktion Dieter Plehwe, Gastprofessor des voriges Semesters, inne hatte. Michaela hatte seine Lehrveranstaltung, in der schon ein Grundstein für das entstandene JEP gelegt wurde, auch besucht.
Denkfabriken vs. staatliche Forschung
Bei der Buchpräsentation drehte sich alles um die ominösen Think-Tanks. Was genau ist darunter zu verstehen? Wo sind sie zu finden und wer steht dahinter? Auf Deutsch übersetzt würde man Denkfabrik dazu sagen, meist wird aber die englische Bezeichnung verwendet. Immer öfter fällt das Wort in verschiedenen Zusammenhängen aber wer weiß nun wirklich was dahinter steckt? Das präsentierte Buch sollte diesbezüglich Abhilfe schaffen und zumindest im entwicklungspolitischen Bereich auf die Existenz von Think-Tanks hinweisen. Laut Karin Fischer habe ab den 1990ern ein Wachstum von privaten Forschungseinrichtungen stattgefunden, die in verschiedene wirtschaftspolitische Richtungen ausgelegt seien. Im kritischen Blickfeld der DiskutantInnen standen natürlich die neoliberalen Institute, die sich finanzielle Unterstützung von Unternehmen holen, um für diese in eine bestimmte Richtung zu lobbyieren.
Dieter Plehwe, Karin Fischer, Alexandra Strickner.
Think-Tanks kommen wie Pilze aus dem Boden
Startschuss bzw. Ansporn für die Entstehung von Think-Tanks war die Initiative der Weltbank, die eine neue globale Wissensordnung proklamierte. Dies führte dazu, dass die Bedeutung von Think-Tanks auch im entwicklungspolitischen Bereich stetig zunimmt. Der eher theoretische Beitrag von Dieter Plehwe dazu wurde anschließend von Karin Fischers Ausführungen zur Situation in Chile aufgelockert. Dort hätten sich neoliberale marktradikale Kräfte gut auf die bevorstehende Demokratisierung vorbereitet. Zahlreiche neoliberale Institute seien gegründet worden, die medial präsent waren und Abgeordnete zeitgerecht berieten. Im Gegensatz dazu hätten soziale Parteien diese Entwicklung verschlafen, so Fischer. Die neoliberalen Think-Tanks hingegen würden professionell agieren und immer mehr Einfluss im politischen Feld gewinnen. Durch das Angebot von Beratung, Seminaren, Workshops, Awards und Grants für StudentInnen sollen auch die Führungskräfte von Morgen auf ihre Seite gezogen werden.
Entwertung der echten Forschung
Auch Plehwe konstatierte den Bedeutungszuwachs von Think-Tanks. Seiner Meinung nach werde die Rolle von Think-Tanks im entwicklungspolitischen Kontext bisher viel zu wenig beachtet. Die Bedeutung des Begriffs Think-Tanks sei immer noch nicht gesellschaftlich verbreitet und klar definiert, obwohl die Anzahl dieser getarnten Lobby-Agenturen kontinuierlich steige. Laut Plehwe würden diese Think Tanks in Legitimationsphasen entscheidende Rollen im internationalen Politikfeld einnehmen. Eine wohl sehr kritisch zu betrachtende Entwicklung sei durch die Publikation von pseudo-wissenschaftlichen Studien gegeben. Diese würden zum Teil von großen Konzernen gefördert werden, um echte Forschung zu entwerten. Plehwe erwähnte in diesem Zusammenhang die Klimawandelforschung, die immer wieder durch Publikationen im Sinne vieler Konzerne, die das drohende Ausmaß des Klimawandels beschönigen oder abstreiten, blockiert werde. Mit diesem Buch sollte Agenda Setting betrieben werden, sodass der Begriff Think-Tanks geläufiger wird und die hinter den politischen Kulissen einwirkenden Interessen verstanden werden. Aus diesem Grund sieht Plehwe den Bedarf, diese Think-Tanks in der kritischen Forschung stärker zu fokussieren. Die kritische Forschung sollte vor allem die neoliberalen und kapitalistischen Think-Tanks untersuchen.
Einblicke in die Welt der Think-Tanks
Im Gegensatz zu den beiden anderen PodiumsdiskutantInnen konnte Alexandra Strickner von ihrer früheren Tätigkeit in einem Think-Tank berichten. Sie versuchte sich jedoch vehement vom Begriff Lobbying zu distanzieren, denn in der Organisation, Our world ist not for sale, in der sie tätig war, sei das nie gemacht worden. Doch wo sei dann der Unterschied zu den anderen neoliberalenThink-Tanks gewesen, fragte ein kritischer Besucher. Die Organisation von Strickner sei auf Beratung, kritische Analysen und das Zur-Verfügung-stellen von Expertise spezialisiert gewesen. Dass nun auch diese kritischen Analysen meinungsbildend sein können, um eine Widerstand aufzubauen, wurde im Plenum noch genauer diskutiert.
Ob diese JEP Ausgabe tatsächlich zum Agenda Setting vom Begriff Think-Tank führt, sei dahingestellt. Für manche offen blieb auch die Frage, in welchen Bereichen von Lobbying gesprochen werden kann. Michaela und ihre KollegInnen hat die Präsentation und Diskussion jedenfalls zum Nachdenken angeregt. Eventuell werden schon bald einige IE-StudentInnen ihre Diplomarbeit zu diesem Thema schreiben.

Mattersburgerkreis für Entwicklungspolitik (2010): Think Tanks und Entwicklung, Mandelbaum Edition Südwind, JEP vol.XXVI 2-2010.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum und studiert internationale Entwicklung und Bildungswissenschaften an der Universität Wien.