Die Dynamik von Gesellschaftsveränderung in Lateinamerika

Alternatives Wirtschaften, linke Staatsprojekte und Eigeninitiativen: Möglichkeiten emanzipatorischer Gesellschaftsgestaltung in
Lateinamerika? Der Mattersburger Kreis lud im Rahmen des
Alternativengipfels zu einem Workshop.
Als der Workshop am Donnerstag, 11. Mai 2006, um Punkt 9:00 Uhr in der Stadthalle begann, war noch nicht abzusehen, dass sich der anfangs eher leere Saal innerhalb einer halben Stunde füllen würde. Nachdem sich die ReferentInnen, Johannes Jäger (Mattersburger Kreis), Barbara Nothegger (Journalistin), Bernhard Leubolt (Österreichische HochschülerInnenschaft), Bettina Köhler (Journal für Entwicklungspolitik) und Markus Auinger (Paulo Freire Zentrum) vorgestellt hatten, berichteten alle Anwesenden von ihrem Interesse für dieses bzw. ihrem persönlichen Zugang zu diesem Thema.

Keine Universallösung für Gesellschaftsveränderung

Die Intention der Veranstaltung war, die Breite der Alternativen aufzuzeigen: Johannes Jäger betonte, dass es ihm nicht darum gehe, eine bestimmte Richtung als einzig mögliche darzustellen, sondern die Vielfalt der seit Ende der 1950er/Anfang der 1960er Jahre entstandenen sozialen Bewegungen in Lateinamerika zu beleuchten. Hugo Chávez sei ein singuläres Phänomen, ihm liege jedoch eine soziale Bewegung zugrunde, die in Venezuela nie gestoppt worden sei, wie etwa in Chile. Ihn interessierten sowohl die Potentiale wie auch die Beschränkungen und historischen Determinanten dieser Alternativen.

Leben in autonomen, rebellischen Landkreisen

Als Beispiel für eine solche Protestartikulation berichtete Barbara Nothegger von ihren Erfahrungen in mexikanischen Gemeinden, die sich solidarisch mit den Zapatistas erklärt hatten. In Folge der Inkraftsetzung des NAFTA-Vertrages 1994 hatten diese die Gebiete als autonome, rebellische Landkreise ausgerufen. Erst seit diesem Zeitpunkt sei dort Infrastruktur, wie Krankenhäuser, Schulen und Radiosender, eingerichtet worden, es musste alles selbst aufgebaut werden; zuvor sei die Region in den Bergen von Chiapas extrem marginalisiert gewesen. Im Zuge von Friedensverhandlungen mit dem Staat sei die Regierung auf keine ihrer Forderungen eingegangen. In ihren revolutionären Gesetzen orientierten sich die Zapatistas sehr an indigenen Vorstellungen einer demokratisch organisierten Gesellschaftsordnung.

Kampf um Ressourcen: Strukturelle Veränderungen oder alles beim Alten?

Bettina Köhler sprach von Ressourcen- und Umweltkonflikten als Bereiche, in denen sich auf spezifische Weise neoliberale Konzepte artikuliert hätten. Dabei sei es eine verkürzte Sicht, Probleme auf das "Stichwort Privatisierung" zu reduzieren, vielmehr gelte es, die Frage nach Kontrolle und Zugang ganz generell zu stellen: Es dränge sich vielfach die Frage auf, wie öffentliche Betriebe ausgestaltet seien. Der Umgang mit Ressourcen sei schon immer ein konfliktträchtiges Verhältnis gewesen, in dem sich Machtverhältnisse zeigten, jetzt nehme es vor dem Hintergrund neoliberaler Verhältnisse spezifische Formen an. Es gehe etwa nicht nur um den "Kampf um Wasser", sondern um gesellschaftliche Strukturen, die derzeit transformiert würden: Wer kann Kontrolle ausüben, wer hat die Macht, Zugang zu gestalten?

Das Süppchen selbst brauen

Markus Auinger gab den TeilnehmerInnen einen kurzen Einblick in Arbeitsverhältnisse, Solidarökonomie und Tauschkreise in Brasilien. Heute gebe es Kennzahlen über die aus dem forcierten (Neo)Liberalismus entstandenen sozialen Krisen. Er berichtete von einer wachsenden Anzahl von solidarischen Selbsthilfeprojekten auf demokratischer Basis: ArbeiterInnen würden ihre Probleme zunehmend selbst lösen, indem sie etwa bankrotte Betriebe oder Krankenhäuser reaktivieren. Solche Prozesse seien nicht neu, Unterstützung komme aber neuerdings von der Regierung, die die Alternativen auf die nationale Ebene ausweiten wolle. Probleme stellten die Rechtsverhältnisse sowie die geringen Chancen auf Kredite dar.

Lichtblicke und Diskussion

Bernhard Leubolt widmete seinen Beitrag der Frage nach dem Potenzial links-orientierter PräsidentInnen Lateinamerikas. Die sozialen Bewegungen seien während der Demokratisierung der Militärdiktaturen in den 1980er Jahren zwar zahlreicher und aktiver gewesen, heute zeige sich jedoch eine anti-(neo)liberale Bewegung, die auf einer Verbindung zwischen Staat und Institutionen basiere. Verhinderung weiterer Privatisierungen, Verstaatlichungen staatliche Unterstützung von Solidarökonomie seien erste konkrete Projekte. Zum Schluss sprach Leubolt an, welche Veränderungen Europa durch den (Neo)Liberalismus erfahren habe und konstatierte, dass man in Europa viel von lateinamerikanischen Alternativen lernen könne.

In den anschließenden Wortmeldungen wurden unterschiedliche Themen angeschnitten, nicht selten handelte es sich dabei um konkrete Entwicklungen in den Herkunftsländern der jeweiligen DiskutantInnen. Einige brachten ihre Sehnsucht nach einem Ende bewaffneter Konflikte zum Ausdruck: Die Aktionen mancher Guerilla-Gruppen spielten der Rechten nur in die Hände. Andere sprachen die Rolle der US-Handelspolitik gegenüber Lateinamerika sowie ihre Eindrücke vom Weltsozialforum in Porto Alegre an und unterstrichen die Bedeutung des Bewusstseinswandels im Bereich Wasser- und Umweltschutz.

Der Workshop widmete sich einem Thema von zentraler Bedeutung und bot eine vielseitige Behandlung unterschiedlicher Protestartikulationen, die in den letzten Jahren die Aufmerksamkeit auf Lateinamerika gezogen haben. Aufgrund von Übersetzungsschwierigkeiten entschloss man sich nach der Hälfte der Zeit, die Veranstaltung auf Spanisch fortzusetzen, da ein Austausch mit den anwesenden Gästen aus Lateinamerika andernfalls kaum realisierbar schien. Dies hatte zur Folge, dass Personen, die dieser Sprache nicht mächtig waren, der weiteren Veranstaltung nur mühsam folgen konnten. Eine wirkliche Diskussion kam leider aufgrund der überlangen Beiträge mancher TeilnehmerInnen nicht in die Gänge. Dennoch war die Atmosphäre während der Veranstaltung sehr positiv und vom gemeinsamen Wunsch nach Veränderung getragen.

Sonja Buchberger studiert Arabistik und Internationale Entwicklung, Julia Mundl ist Studentin der Internationalen Entwicklung.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.