Dialog im Konflikt – die Situation der Mapuche in Chile: Teil IV

Bisher wurde klar, dass die Bedingungen für eine konstruktive Konfliktbearbeitung in Chile suboptimal sind. Dennoch lassen sich auch einige erfolgreiche Schritte in Richtung eines interkulturellen Dialogs finden, die für eine Annäherung zwischen Mapuche und Nicht-Mapuche sprechen.

Individuelle Initiativen schaffen interkulturelle Räume

Spezielle Diplomarbeiten, Forschungsprojekte, Foren oder Studierendenorganisationen, die die Beziehung zwischen Mapuche und Nicht-Mapuche zum Thema machen, gibt es in Temuco immer mehr. Dies ist auf das Engagement und aktive Interesse einzelner Studierender oder Lehrender zurückzuführen. An der „Universidad de la Frontera“ hat sich auf diese Weise inzwischen ein Forschungszentrum für indigene Studien („Instituto de Estudios Indígenas“) etabliert, das in drei Bereichen arbeitet: interkulturelle, bilinguale Erziehung, indigene Rechte und interkulturelle Gesundheitssysteme. Neben der Forschungstätigkeit werden auch Beratungen in den indigenen Gemeinschaften durchgeführt. Das Institut möchte indigene Studierende dabei unterstützen, in der Universität besser Fuß zu fassen und diese auch selbst aktiv mitzugestalten.

Diese und andere individuelle Initiativen kreieren immer mehr interkulturelle Räume. Private, aber auch einzelne staatliche Projekte zeigen, dass die KonfliktakteurInnen beginnen, sich mit dem Thema der Kultur auseinanderzusetzen, verbindende Orte zu schaffen und Lösungen auf diesem Weg zu suchen. Die Universität gilt in diesem Zusammenhang für viele InterviewpartnerInnen als geschützter demokratischer Raum, wo divergierende Meinungen, Debatten und neue Ideen mehr Platz haben als im „echten Leben“. Auch wenn die Initiativen aufgrund ihrer kurzen Reichweite bzw. schwachen politischen Wirkung vielfach kritisiert werden, sind es doch erste Schritte in Richtung einer Sensibilisierung für das Thema, die in Zukunft zu einer weiteren Annäherung führen könnten.

Die Herausforderungen wären es nun, die Projekte zu vergrößern, immer mehr institutionelle sowie zivilgesell¬schaftliche Partizipation zu erzielen und sie damit auf eine nationale oder auch internationale Bühne zu heben. Alejandro Herrera, der Direktor des „Instituto de Estudios Indígenas“ schlussfolgert: „Die Initiative eines einzelnen Professors reicht nicht aus und wahrscheinlich ebenso wenig die Entscheidung eines Dekans für seine Fakultät. Es muss eine politische, institutionelle Entscheidung geben!“

Interkulturalität eröffnet Handlungsspielräume

Ein tiefgehender interkultureller Dialog zwischen Mapuche und Nicht-Mapuche ist deshalb so wichtig, weil erst durch den Kontakt und die Auseinandersetzung mit „dem Anderen“ Fremdheit und Differenz thematisiert wird. Es wird deutlich, dass wir weder alle gleich sind, noch eine fixe, vorbestimmte Kultur besitzen. Dies ermöglicht eine ehrliche Anerkennung des Gegenübers. Außerdem wird das eigene Kulturverständnis möglicherweise hinterfragt und es wird bewusst, dass Kultur konstruiert ist und in alle Bereiche unseres Denkens und Handelns eindringt. Im Dialog werden Gesellschaftsstrukturen und vor allem auch die eigene Rolle darin zum Thema. Das ist die Basis, um diese zu kritisieren, zu verändern und um sie letztlich neu zu gestalten. Indem ein interkultureller Dialog Selbstreflexion oder die Kritik an der Gesellschaft als System auslöst, bietet er Ansatzpunkte für die Konfliktbearbeitung.

In den Interviews, die ich im Rahmen meiner Feldforschung in Chile mit Studierenden und Lehrenden an zwei Universitäten im Süden des Landes führte, konnte ich diese Potentiale des interkulturellen Dialogs beobachten. Indem meine GesprächspartnerInnen über Interkulturalität sprachen und sich auf interkulturelle Beziehungen einließen, begannen sie, über Kultur, Identität, Gesellschaft sowie die eigene Rolle darin zu reflektieren. Das damit verbundene Bewusstwerden von sozialen Strukturen kann Handlungsspielräume eröffnen und macht Platz für Neues.

Für ein Aufbrechen der verhärteten Konfliktpositionen

Über Interkulturalität nachzudenken, trägt im weiteren Sinne hoffentlich dazu bei, dass die strukturellen Hintergründe und Gewaltformen des Konflikts in Chile sowie die eigentlichen Probleme bewusst werden. Gleichzeitig ermöglicht es durch die gegenseitige Anerkennung der KonfliktakteurInnen und das Bewusstsein über Differenzen – ohne zu urteilen oder zu reduzieren -, dass sich diese für eine Auseinandersetzung öffnen. Sie werden so aus ihren starren Positionen und der damit verbundenen Handlungsblockade befreit. In solch neu entstandenen Räumen für Auseinandersetzung im Denken der Konfliktparteien, aber auch in realen Begegnungen, kann der Konflikt in einen Impuls zur Gesellschaftsveränderung transformiert werden.

Die Reflexionen, die ich in den Interviews beobachten konnte, sind zwar bisher rein individueller Natur, könnten sich aber in weiterer Folge auch auf der institutionellen und strukturellen, gesamtgesellschaftlichen Ebene widerspiegeln. Diese Entwicklung ist ein langfristiger und komplexer Prozess, in dem Chile erst am Anfang steht. Nichts desto trotz zeigen die individuellen Initiativen, dass ein utopisches Konzept wie die Interkulturalität in der Praxis erste kleine Veränderungen hervorrufen kann.

Seit dem Abschluss ihres Studiums der Internationalen Entwicklung arbeitet die Autorin im Paulo Freire Zentrum. Diese Artikelserie basiert auf ihrer im Akademikerverlag veröffentlichten Diplomarbeit „Dialog im Konflikt“, für die sie einige Monate in Chile geforscht hat. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.