Wie kann man nun an diesen komplexen und vielschichtigen Konflikt in Chile herangehen? Was braucht es, um die so belastete Beziehung zwischen dem indigenen Volk der Mapuche und den Nicht-Mapuche bzw. dem chilenischen Staat zu erleichtern? Wie kann der Konflikt konstruktiv bearbeitet werden?In meiner Feldforschung an zwei Universitäten in Temuco, im Süden Chiles, stellte ich mir die Frage, welche Bedingungen für eine konstruktive Bearbeitung des Konflikts zwischen dem Volk der Mapuche und dem chilenischen Staat gegeben sein müssen. Gleich zu Beginn zeigte sich, dass die fehlende Kommunikation zwischen Mapuche und Nicht-Mapuche ein entscheidendes Hindernis ist. Erst wenn beide Konfliktparteien bereit sind, sich miteinander und vor allem auch mit dem Konflikt auseinanderzusetzen, kann überhaupt mit einer Konfliktbearbeitung begonnen werden.
Einseitige Probleme und Lösungen
In den staatlichen chilenischen Medien wird der Konflikt meist sehr einseitig dargestellt, beispielsweise wenn vom „Mapuche-Konflikt“ die Rede ist und die Ma¬puche als UnruhestifterInnen und Kriminelle dargestellt werden. Auf diese Weise wird kommuniziert, dass das Problem die Mapuche seien; der Staat sieht sich demnach selbst nicht als Konfliktakteur. Viele Indigene betonen auf der anderen Seite, dass der chilenische Staat den Konflikt verursacht habe und deshalb auch für eine Lösung verantwortlich sei. Im Rahmen dieses Diskurses ziehen sich die Mapuche selbst aus der Verantwortung einer Konfliktlösung und drängen sich in eine passive, untergeordnete Opferrolle.
Wenn man die staatlichen „interkulturellen“ Programme als eine Form der Konfliktlösung beobachtet, fällt schnell auf, dass diese fast nur an Mapuche gerichtet sind. Es wird darin bewusst „deren Kultur“ gefördert, die aber scheinbar nichts mit den „ChilenInnen“ zu tun hat. Ein interkultureller Dialog ist so aber nicht möglich; die Konfliktparteien distanzieren sich dadurch nur noch mehr voneinander und Vorurteile werden geschürt. Außerdem werden die Indigenen weder in die Definition der Ziele noch in die Planung der Projekte einbezogen. Der Staat entscheidet und definiert, was die Indigenen brauchen, um „besser zu leben“ oder wie Kultur auszu¬sehen hat. „Die Mapuche“, so ein Professor in Temuco, „wollen nicht mehr über Interkulturalität diskutieren, weil es sich dabei immer um ein aufgezwungenes Modell vom Staat handelt.“
Anerkennung von kulturellen Differenzen
Grundsätzlich werden die Mapuche auf legaler, institutioneller Ebene ebenso wie in der als „offiziell“ gelehrten Geschichte nicht als Volk Chiles anerkannt. Im Sinne der Konstruktion eines einheitlichen Nationalstaates fördert die staatliche Politik in erster Linie den Universalismus und die kulturelle Homogenisierung, darüber gehen jedoch unterschiedliche Wertesysteme oder Weltanschau¬ungen, eben die Anerkennung der Differenzen und der partikulären Identität meist verloren. Dies führt auch auf Seiten der Mapuche oft zu einer Geringschätzung der chilenischen Kultur, was in Aussagen über die „Verschmutzung“ der indigenen Lebens¬weise durch okzidentale Einflüsse besonders deutlich wird.
Mut zur Disharmonie
Soziale Konflikte werden laut der Konfliktforscherin Silvia Michal-Misak erst dann zum Problem, „wenn diese als störend, beängstigend, ja sogar als bedrohlich empfunden werden. Dies beeinflusst entscheidend den Umgang mit Konflikten und kann zu Verdrängungsmechanismen oder zu destruktiven, in vielen Fällen gewaltsamen, Lösungsstrategien führen.“ (Michal-Misak, Silvia 2001: Mediationsverfahren als Beispiel ziviler Konfliktbearbeitung. In: Hazdra, Peter / Gruber, Petra (Hg.): Friede im 21. Jahrhundert. Eine entwicklungspolitische Herausforderung? Wien: Institut für Umwelt – Friede – Entwicklung / Institut für Internationale Friedenssicherung der Landesverteidigungsakademie.)
Im Rahmen meiner Feldforschung beobachtete ich, dass es für meine InterviewpartnerInnen oft sehr unangenehm war, über den Konflikt zu sprechen. Sie wollten sich nicht mit solch „problematischen und negativen“ Angelegenheiten beschäftigen. Dass ein Konflikt an sich nicht unbedingt destruktiv sein muss, sondern auch Potential für positive Veränderungen in der Gesellschaft haben kann, war für die meisten unvorstellbar. Eine konstruktive und friedliche Auseinandersetzung mit dem Konflikt wird oft nicht einmal in Betracht gezogen. Stattdessen entscheiden sich viele Mapuche dazu, Steine zu werfen oder Brände zu stiften und der Staat „löst“ den Konflikt unter anderem durch gewaltsame Repression.
Aufbruch asymmetrischer Machtverhältnisse
Um den Konflikt konstruktiv zu bearbeiten braucht es demnach zunächst einen grundsätzlich positiven Zugang zu Konflikten in der chilenischen Gesellschaft. Die Bereitschaft beider Parteien, sich miteinander und mit den tieferliegenden Problemen ihrer Beziehung auseinanderzusetzen, ist ein weiterer zentraler Ausgangspunkt. Letztlich ist es wichtig, dass sich Mapuche sowie Nicht-Mapuche selbst als verantwortliche Akteure im Konflikt sehen. Nur so können die bisher gut gestützten asymmetrischen Machtverhältnisse ins Schwanken geraten und ein interkultureller Dialog auf gleicher Augenhöhe ermöglicht werden.
An einigen chilenischen Universitäten gibt es immer mehr kleine Initiativen, die sich mit politischen Aspekten und Fragen der Macht in der Beziehung zwischen Mapuche und Nicht-Mapuche beschäftigen. Damit wird versucht, zumindest im akademischen Rahmen eine Form des interkulturellen Dialogs zu finden, die die Auseinandersetzung mit konfliktiven Themen zum Ziel hat. Inwieweit diese Projekte Früchte tragen und ob sie gesellschaftsveränderndes Potential haben, ist Thema des vierten und letzten Teils dieser Artikelserie.
Seit dem Abschluss ihres Studiums der Internationalen Entwicklung arbeitet die Autorin im Paulo Freire Zentrum. Diese Artikelserie basiert auf ihrer im Akademikerverlag veröffentlichten Diplomarbeit „Dialog im Konflikt“, für die sie einige Monate in Chile geforscht hat. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.