Um eine konstruktive Konfliktbearbeitung zu ermöglichen, muss der Konflikt in Chile zuerst genauer untersucht und verstanden werden. Der zweite Teil dieser Artikelserie klärt seine aktuellen sowie strukturellen Ursachen und zeigt, dass es sich um einen mehrdimensionalen und insofern auch um einen interkulturellen Konflikt handelt.
Von Repression, Hungerstreiks und Landbesetzungen
Der aktuelle Konflikt zwischen dem Volk der Mapuche und dem chilenischen Staat dreht sich – wie in Teil 1 der Artikelserie bereits erläutert – in erster Linie um den Besitz und die Nutzung von fruchtbarem Boden für die Land- und Forstwirtschaft. Er wird vor allem in der Region „La Araucanía“ im Süden Chiles ausgetragen. Demon¬strationen, Proteste, Streiks und gewaltsame Auseinandersetzungen heizten den Konflikt in den letzten 15 Jahren immer mehr an.
Generell sind die natürlichen Ressourcen im Rahmen der chilenischen Exportwirtschaft von den Interessen trans- oder multinationaler Konzerne, privater nationaler Firmen und der Regierung geprägt. Diese stehen jedoch oft im Gegensatz zu den Bedürfnissen und den traditionellen Lebensformen der Indigenen und bedrohen nicht selten ihre Lebensgrundlage. Das führt zu wachsender Armut in der Region und zu immer mehr Frustration von Seiten der Indigenen, die sich in Protestaktionen gegen die Forstunternehmen entlädt. So wird beispielsweise von Landbesetzungen, aber auch von Brandstiftungen in den Waldplantagen oder Attacken auf Holztransportfahrzeuge berichtet. Die Demonstrationen werden schnell und teilweise brutal von der chilenischen Polizei, die die Unternehmen schützt, niedergeschlagen. Die Konfliktparteien haben sich inzwischen in zwei gegnerische Gruppen polarisiert und isoliert.
Strukturelle Ursachen des Konflikts
Die konfliktive Beziehung zwischen den Mapuche und dem chilenischen Staat existiert bereits seit über 200 Jahren. Immer wieder wird von einer „historischen Schuld“ des Staates gegenüber der Mapuche gesprochen. Im Rahmen der Konstruktion eines chilenischen Nationalstaates, unter anderem während der Militärdiktatur unter Augusto Pinochet (1973-1990), waren die Indigenen Opfer von Rassismus und Menschenrechtsverletzungen. Sie wurden von ihren Ländereien vertrieben, derer enteignet und systematisch unterdrückt. Der Prozess der Wiedergutmachung ist noch lange nicht abgeschlossen und die Mapuche erleben nach wie vor Diskriminierungen von den staatlichen Autoritäten.
Der fehlende Wille zur Auseinandersetzung mit den Indigenen und der eigenen Geschichte ist ein zentrales Problem in der Beziehung zwischen Mapuche und Nicht-Mapuche und bestimmt gleichzeitig das asymmetrische Machtverhältnis. In der bis dato fehlenden konstitutionellen Anerkennung der Mapuche als Volk (sie werden in der Verfassung als „ethnische Minderheit“ bezeichnet und haben dadurch relativ wenig politisches Mitspracherecht), wird diese Ignoranz schwarz auf weiß sichtbar. Aus der historisch gewachsenen Negation resultiert ein allgemeines Unwissen über die Indigenen in der chi¬lenischen Gesellschaft. Dieses wird einerseits durch ein homogenisierendes Bildungssystem generiert, das die Mapuche als Volk der Vergangenheit darstellt, das in der Gegenwart keine zentrale Rolle mehr spielt. Andererseits schwiegen auch die Medien lange Zeit beharrlich über indigene Themen.
Kultur im Konflikt
Obwohl auf den ersten Blick die Landproblematik dominiert, handelt es sich nicht allein um einen wirtschaftlichen Konflikt. Die Konfliktparteien befinden sich darüber hinaus in einem politischen Konflikt um Partizipation, in einem sozialen Konflikt um Integration und Gleichbehandlung, in einem historischen Konflikt um Aufarbeitung und Wiedergutmachung, in einem ökologischen Konflikt um die Nutzung der natürlichen Ressourcen sowie in einem kulturellen Konflikt um Identität und Anerkennung der indigenen Lebensformen.
Dass ethnische Identität ein Teil des Konflikts ist, zeigt sich vor allem in der starken Abgrenzung zwischen Mapuche und ChilenInnen. Im täglichen Sprachgebrauch wird stets klar zwischen den Gruppen („wir“ und „die anderen“) unterschieden. Vor allem die Indigenen betonen ihre Identität in Abgrenzung zu Nicht-Indigenen und versuchen, auf diesem Weg zu der ihr gebührenden Anerkennung zu gelangen. Auf der anderen Seite wird die Identität der Nicht-Mapuche von vielen als unklar und ignorant gegenüber der eigenen Geschichte und den eigenen indigenen Wurzeln empfunden. Ein chilenischer Student betont deshalb in einem Interview: „Für mich ist dies kein Konflikt der Mapuche gegen die Chilenen, sondern ein Konflikt der Chilenen gegen ihre eigene Identität.“ In den interkulturellen Programmen an den Universitäten geht es meist darum, die Identität der Mapuche zu stärken. Die Nicht-Mapuche haben damit scheinbar überhaupt nichts zu tun.
Einseitige Lösungen
Dadurch wird klar, dass sich die Konfliktparteien immer mehr voneinander entfernen und inzwischen zu polarisierten GegnerInnen geworden sind. Die friedliche Kommunikation zwischen den beiden Gruppen wird immer weniger, die gewaltsame Auseinandersetzung dafür immer mehr.
Generell kann beobachtet werden, dass der Konflikt in der Bearbeitung meist auf seine wirtschaftliche Dimension reduziert wird. Die Armut der indigenen Gemeinschaften und der geringe Landbesitz werden als zentrale Probleme identifi¬ziert, womit die Lösung in Form von Landvergaben und Entwicklungsprojekten oder durch Stipendien für Mapuche-StudentInnen naheliegt. Die Forderungen der Indigenen nach kultureller und politischer Anerkennung werden jedoch weitgehend ignoriert oder mit oberflächlich¬en, kurzfristigen Maßnahmen abgehandelt. Kultur wird in Chile generell nicht als relevanter Faktor in wirtschaftlichen, politischen oder sozialen Angelegenheiten gesehen. Vor allem wenn es um Lösungen für ein Problem geht, wird sie deshalb kaum berücksichtigt. Hier handelt es sich aber nun eindeutig auch um einen interkulturellen Konflikt, deshalb müssen Themen wie Identität und Anerkennung unbedingt Teil der Auseinandersetzung sein.
Lesen Sie auch den 3. Teil der Artikelserie!
Seit dem Abschluss ihres Studiums der Internationalen Entwicklung arbeitet die Autorin im Paulo Freire Zentrum. Diese Artikelserie basiert auf ihrer im Akademikerverlag veröffentlichten Diplomarbeit „Dialog im Konflikt“, für die sie einige Monate in Chile geforscht hat. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.