Ein verworrener, gewaltsamer, langatmiger und scheinbar unlösbarer Konflikt: Die Beziehung zwischen dem indigenen Volk der Mapuche und dem chilenischen Staat ist seit mehr als 200 Jahren von ständigen Spannungen und Auseinandersetzungen geprägt. Der Frage, wie der Konflikt trotz allem konstruktiv bearbeitet werden kann, widmet sich diese Artikelserie in vier Teilen.“Besser wir diskutieren nicht über den Konflikt, das bringt nur ewige Probleme und führt auf jeden Fall zum Chaos.“ Die junge Studentin aus Temuco im Süden Chiles bezieht sich auf den Konflikt zwischen dem Volk der Mapuche und dem chilenischen Staat. Für sie und viele andere sind die gewaltsamen Auseinandersetzungen in dem südamerikanischen Land inzwischen zum Alltag und „unlösbar“ geworden. Der aktuelle Konflikt, der jetzt rund 15 Jahre andauert, dessen Wurzeln aber weit in die Geschichte zurückreichen, wurde im Laufe der Zeit immer komplexer, was seine Bearbeitung scheinbar unmöglich macht.
Das Volk der Mapuche in Chile
Die Mapuche sind die größte ethnische Minderheit und indigene Gruppe in Chile. Heute leben noch ca. 600.000 Angehörige vorwiegend im Süden des Landes, in der Region „La Araucanía“. Als eines der wenigen Völker Südamerikas, das sich im 17. und 18. Jahrhundert erfolgreich gegen die spanischen Eroberer wehren konnte, haben sie eine lange Geschichte des Widerstands hinter sich. Seit Gründung der Republik Chile im Jahr 1818, im Zuge neoliberaler Wirtschaftsstrategien und im Namen der Schaffung eines einheitlichen Nationalstaates werden aber bis heute indigene Ländereien enteignet, an private Unternehmen vergeben und ausgebeutet. Zudem leiden die Mapuche in der chilenischen Gesellschaft unter ständiger Diskriminierung und fehlender politischer Anerkennung.
Der Widerstand der Mapuche ist deshalb aktueller denn je. In Form von Landbesetzungen, Brandstiftungen, Streiks und Protesten machen sie ihrem Unmut Luft und kämpfen verbittert für ihre Rechte. Die privaten Unternehmen, Zielscheibe dieser Aktionen, werden vom chilenischen Staat geschützt, die Demonstrationen teilweise gewaltsam niedergeschlagen. Durch monatelange Hungerstreiks von Mapuche-Gefangenen auf der einen und die Behandlung der Mapuche-AktivistInnen vor dem Gesetz als TerroristInnen auf der anderen Seite, erhielt der Konflikt auch international immer mehr Aufmerksamkeit.
Ein „unlösbarer“ Konflikt?
Obwohl der Auslöser für den aktuellen Konflikt die nach wie vor ungelöste Landfrage ist, sind die Probleme nicht nur ökonomischer Natur. Seine Komplexität zeigt sich in den verschiedensten Dimensionen: politisch, ökonomisch, historisch, sozial sowie kulturell. Heute geht es vor allem um die soziale und politische Kontrolle des Landes und damit zusammen¬hängend um die Anerkennung der indigenen Lebensformen, Wahrung der Identität und Tradition. Als Konsequenz ihrer langen Geschichte von Diskriminierung, sozialer Exklusion und forcierter Anpassung sind die Mapuche heute statistisch gesehen die ärmste Bevölkerungsgruppe Chiles und leben großteils unter prekären Bedingungen. Maßnahmen des chilenischen Staates zur Veränderung dieser Situation fallen jedoch spärlich aus. Zwar gibt es inzwischen zum Beispiel spezielle Stipendien für indigene Studierende, die strukturellen Ursachen für deren Armut werden jedoch nicht behandelt. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist in Chile im weltweiten Vergleich extrem groß und wird durch das neoliberale System noch verstärkt.
Diese vielseitigen Probleme machen Angst. Deshalb wundert es kaum, dass viele ChilenInnen lieber nicht darüber nachdenken, geschweige denn darüber diskutieren. Der Konflikt wird gemeinhin als zerstörerisch, gewaltsam und gefährlich gesehen. Wie kann dieser negative Zugang nun überwunden werden? Wie kann eine Basis entstehen, auf der sich die chilenische Gesellschaft konstruktiv mit dem Konflikt auseinandersetzt? Was braucht es, um eine friedliche und respektvolle Beziehung zwischen Mapuche und Nicht-Mapuche aufzubauen?
Interkultureller Dialog als Konfliktbearbeitung
Die Antwort auf diese Fragen muss bei den Menschen ansetzen. Dafür habe ich im Rahmen meines Studiums der Internationalen Entwicklung eine Feldforschung an chilenischen Universitäten und Interviews mit Mapuche und Nicht-Mapuche, Studierenden und Lehrenden durchgeführt. Die Universität als geschützter Raum für Reflexion und Kritik hat sich in diesem Zusammenhang als fruchtbarer Boden für neue Ideen erwiesen. So gibt es einige Initiativen, die sich für einen Dialog zwischen Mapuche und Nicht-Mapuche einsetzen: ein Institut für indigene Studien, eine Studienrichtung für interkulturelle, bilinguale Pädagogik im Mapuche-Kontext, ein Zentrum zur Unterstützung von Mapuche-StudentInnen sowie diverse interkulturelle Veranstaltungen am Universitätscampus.
Nur scheint mir, dass viele der Projekte nicht über eine oberflächliche Auseinandersetzung mit Kultur hinausgehen. Ein Buffet mit traditionellen Mapuche-Speisen und chilenischem Wein schafft sicherlich eine gemütliche Atmosphäre, über politische und kulturelle Spannungen wird dort aber meist nicht gesprochen. Es sind gerade die „ungemütlichen“ Themen, wie Differenzen, Konflikte, Uneinigkeiten, die eine intensivere Auseinandersetzung brauchen. Außerdem fehlt es in Chile grundsätzlich an einer breiteren Verankerung der Initiativen, sodass sie über kurz oder lang meist im Sumpf der festgefahrenen Strukturen versinken.
Gleichzeitig wäre in Chile dringend eine konstruktivere Auseinandersetzung mit Konflikten im Allgemeinen vonnöten. Konflikte sind meistens spannungsgeladen, müssen deshalb aber nicht per se negativ sein. Im Gegenteil, sie sind wichtige Bestandteile jeder sozialen Interaktion und haben als solche gesellschaftsveränderndes Potential. Ob dieses genutzt wird oder nicht, hängt mit der Form der Bearbeitung zusammen. Ein interkultureller Dialog zwischen Mapuche und Nicht-Mapuche, der genau dieses Potential, ebenso wie die damit verbundenen Spannungen zum Thema macht, könnte schließlich doch zu einer Lösung oder Transformation des Konflikts führen.
Den zweiten Teil der Artikelserie finden Sie hier.
Seit dem Abschluss ihres Studiums der Internationalen Entwicklung arbeitet die Autorin im Paulo Freire Zentrum. Diese Artikelserie basiert auf ihrer im Akademikerverlag veröffentlichten Diplomarbeit „Dialog im Konflikt“, für die sie einige Monate in Chile geforscht hat. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.