Diagnostiker des Untergangs. Elmar Altvaters „Der große Krach“

Elmar Altvater hat mit „Der große Krach“ ein lautes Buch vorgelegt. Es geht um die mehrfachen Krisen, denen die Menschheit derzeit ausgesetzt ist: Finanz- und Wirtschaftskrise, Hunger- und Klimakrise. Für Altvater steht fest: Es wird einen großen Krach geben, und es hat auch schon ordentlich gekracht.In Sachen Krise ist ein Buch schnell überholt. Es vergehen kaum drei Monate, und wir haben es mit einer neuen Krise zu tun, zumindest scheinbar. Die Weltwirtschaftskrise gilt als überstanden, zu schaffen machen der Europäischen Union derzeit Griechenland und Portugal, Spanien und Irland. Aber sonst geht es uns eh ganz gut, tönt es durch die Wirtschaftsseiten der Tagespresse. Altvater entlarvt solche Vorstellungen als trügerisch und führt dem/der LeserIn eine Krise nach der anderen vor. Dabei betont er die inneren Zusammenhänge der verschiedenen Krisen, die nicht länger einzeln gelöst werden können. Altvater ist dabei erbarmungslos, denn ein scharfer Denker wie er kann in all den in den letzten Jahren aufgewendeten Maßnahmen nichts anderes erkennen, als Versuche, das bestehende System zu retten.

Hebeln für Finanzmarktspekulation

Es ist ja tatsächlich erschreckend: Ein Bruchteil des Geldes, das für die Rettung der großen Banken aufgewendet wurde, hätte gereicht, um sich in Kopenhagen auf einigermaßen vernünftige Klimaziele zu einigen. Die Zentralbanken halten die Zinsen niedrig, in der Hoffnung, damit die Konjunktur anzukurbeln. De facto aber ermöglichen sie damit vor allem den großen Spekulanten, auf den Finanzmärkten mit billigen Krediten zu operieren. So lernte ich den Begriff „leverage effect“ neu kennen: Finanzmarkt-Investoren mit geringem Eigenkapital holen sich von den Banken das billige Zentralbankgeld ab, um mit maximaler Hebelwirkung Profite aus Kursgewinnen auf den Finanzmärkten zu holen. Das wilde Spekulieren ging nach der Krise weiter wie vorher. lessons learned? De facto null. Bezahlt wird dies aber mit Kürzungen der Staatshaushalte, bei Bildung und Sozialem, in Österreich auch bei der Entwicklungszusammenarbeit.

Wie Altvater die Griechenlandkrise von 2010 beschreibt, ist ein großartiger Wegweiser, die Griechenlandkrise von 2011 zu verstehen. Deutsche (und österreichische) Leistungsbilanzüberschüsse machen die Ökonomien Südeuropas kaputt. Jetzt aber kommt die Stunde der deutschen Konzerne, sich günstig griechisches Staatseigentum anzueignen. Was nun für das deutsche Kapital gut ausgeht, muss auf längere Sicht zwangsläufig in eine Verschärfung der Krise führen, da Leistungsbilanzüberschüsse einseitig auf Dauer nicht zu erzielen sind, denn irgendwann fehlt auf der anderen Seite das Geld, um die deutschen und österreichischen Waren einzukaufen.

Politische Ökologie des Untergangs

Altvaters Buch über die mehrfache Jahrhundertkrise ist dabei auch eine kompakte Einführung ins marxistische Denken und speziell in politische Ökonomie. Ohne den Doppelcharakter der Ware im Kapitalismus zu kennen, der jede Ware von einem Gebrauchsgut auch zu einem Tauschgut und damit potentiell zu Geld macht, lässt sich die gewaltige Dynamik des aktuellen Kapitalismus nicht verstehen. Kapitalismus braucht Wachstum, denn sonst wird Kapital stumpf. Doch Wachstum stößt heute nicht nur an die ökonomische Grenze, da es kaum mehr ein Feld gibt, das noch nicht profitabel gemacht wurde, sondern an die harten Grenzen der Natur: Es ist nur ein Globus, mit dem wir auskommen müssen, auf dem die Menschen, „als Kugelfläche, … sich nicht ins Unendliche zerstreuen können, sondern endlich sich doch neben einander dulden müssen“, zitiert Altvater mehrfach Immanuel Kants Schrift „Zum ewigen Frieden“.

Doch zurzeit steuert der Planet Erde und die Menschheit auf ihm auf einen „peak everything“ zu auch dies ein neuer Begriff in meinem Wortschatz. Es hat sich schon etwas herumgesprochen, dass wir vor einem „peak oil“ stehen oder diesen bereits überschritten haben jenen Zeitpunkt, an dem der Höhepunkt der möglichen Erdölförderung erreicht wird und wo die geförderte Menge nur mehr zurückgehen kann. Doch auch Kohle- und Uran-Vorräte, ebenso wie seltene Metalle und andere Rohstoffe nähern sich ihrer Erschöpfung. Obwohl auch offizielle Stelle diese Diagnosen teilen, erfolgt keine Kursanpassung.

Politik gegen die Krise

Diese Darstellung macht deutlich, weshalb eine Krisenlösung wie in den 1930er Jahren heute nicht mehr möglich ist. Abgesehen davon, dass es vor allem der Zweite Weltkrieg und weniger der Keynesianismus war, der die Wirtschaftskrise beendete, kann heute nicht so bedenkenlos auf Expansion und Wirtschaftswachstum gesetzt werden.

Wohin soll wir uns also wenden? Altvater deutet seine Vision am Ende des Buches nur an und spricht dort vom solaren Sozialismus. Dieser werde auf solare anstelle der fossilen Energie setzen. Wie dieser Sozialismus aber funktionieren solle, wie der Übergang des krisengeschüttelten Kapitalismus zum solaren Sozialismus ablaufen könne, bleibt in diesem Buch offen. Altvater führt Solidar- und Gemeinwohlökonomie als wegweisend an, doch große Systementwürfe stellen diese nicht dar. Regionalisierung statt Globalisierung müsste da wohl die Folge sein. Ohnehin müsse man weg von dem Automobilismus, damit wohl auch von Flugzeugen und anderen extrem energiebedürftigen Transportmitteln. Das wird die Globalisierung gewiss einschränken.

Altvater bewährt sich, wie bereits in seinem Buch „Das Ende des Kapitalismus wie wir ihn kennen“ (2005), als Diagnostiker des Untergangs. Er zeichnet diesen so anschaulich, dass mich der Wunsch überkommt, ihn widerlegt zu sehen. Nicht, weil er mich nicht überzeugt hätte, sondern um des Planeten Erde und seiner Zukunft willen.


Elmar Altvater (2010): Der große Krach oder die Jahrhundertkrise von Wirtschaft und Finanzen, von Politik und Natur. Münster: Westfälisches Dampfboot. 261 S.

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