In einer Zeit ökonomischer und sozialer Umbrüche werden Fragen nach den Möglichkeiten und Grenzen nachhaltiger Entwicklung immer präsenter. Die Vorveranstaltung „Development in Transition“ zur 6. Österreichischen Entwicklungstagung widmete sich aktuellen sozio-ökologischen Herausforderungen.Ziel der Konferenz war die Auseinandersetzung mit und Verbindung von sozialen und ökologischen Problemfeldern. Das Paulo Freire Zentrum organisierte die Veranstaltung in Zusammenarbeit mit dem Institut für Regional- und Umweltwirtschaft (WU Wien), dem Masterprogramm Socioecological Economics and Policy (SEEP) und dem Kompetenzzentrum für Nachhaltigkeit (WU Wien). Weitere PartnerInnen waren die Arbeiterkammer Wien, die Österreichischen Forschungsstiftung für international Entwicklung (ÖFSE), die Grüne Bildungswerkstatt, der Mattersburger Kreis für Entwicklungspolitik an österreichischen Hochschulen und die Dreikönigsaktion (DKA).
Towards a Great Transformation
Nach der Eröffnung der Konferenz durch Silvia Angelo (Arbeiterkammer Wien, Universitätsrat WU) und Andreas Novy (WU, Grüne Bildungswerkstatt), hielt Imme Scholz (Deutsches Institut für Entwicklungspolitik, DIE) die Auftaktrede zum Thema „Development in Transition“. Scholz sprach von zwei Zielen nachhaltiger Entwicklung, die es miteinander zu vereinbaren gelte: hohe menschliche Entwicklung zu fördern, ohne damit die Belastungsgrenzen der Erde zu überschreiten. Das hieße, Wohlstand durch wirtschaftliches Wachstum soll ökologisch nachhaltigen Umgang mit der Umwelt nicht ausschließen. Für das Messen dieser beiden Ziele zog Scholz den Human Development Index (HDI) und den ökologischen Fußabdruck heran. Der Human Development Index eines Landes erschließt sich aus den Indikatoren Lebenserwartung, Bildung und Lebensstandard. Der ökologische Fußabdruck hingegen bezeichnet die Fläche der Erde, die ein Mensch zum Leben braucht. Darunter fallen neben der individuellen Wohnfläche auch Produktionsflächen für Kleidung, Lebensmittel oder Gebrauchsgegenstände. „Im Ländervergleich wird ersichtlich, dass viele europäische, asiatische und nordamerikanische Staaten einen großen ökologischen Fußabdruck bei hoher Entwicklung aufweisen. Im Gegensatz dazu stehen viele afrikanische Länder, die bei geringer Entwicklung einen sehr kleinen ökologischen Fußabdruck hinterlassen“, erläuterte Scholz. Als Beispiel für eine positive Entwicklung führte sie Nepal an. Das Land habe seinen HDI verbessert und gleichzeitig seinen ökologischen Fußabdruck verkleinert.
Um die Belastungsgrenzen der weltweiten Ökosysteme nicht zu überschreiten, müsse es, laut Scholz, zu radikalen Veränderungen in Produktion und Konsum kommen. Es werden neue Konzepte von Wachstum und Wohlstand gebraucht, um den schonenden Umgang mit natürlichen Ressourcen langfristig etablieren zu können.
Neue Akteure bedeuten neue Herausforderungen
Aufbauend auf Karl Polanyis Überlegungen aus seinem Buch „The Great Transformation“ beschrieb Imme Scholz, wie sich die Rahmenbedingungen für nachhaltige Entwicklung seit Erscheinen von Polanyis Werk im Jahr 1944 verändert haben. Als Beispiel führte sie die Einbindung von OECD-Mitgliedsstaaten und Nichtmitgliedsstaaten in den Welthandel an. Wurden im Jahr 2000 erst 40 Prozent des weltweiten Handels von Nichtmitgliedsstaaten betrieben, seien es heute bereits 49 Prozent. Im Jahr 2030 sollen es laut Hochrechnungen der OECD rund 57 Prozent sein, so Scholz. Auch die Ungleichheit zwischen Ländern gemessen am Pro-Kopf-Einkommen habe sich verkleinert. Gleichzeitig sei die Ungleichheit innerhalb vieler Länder aber gestiegen. Was bedeutet das nun für die jeweiligen Staaten und die Weltgemeinschaft? Ohne eine zentrale Hegemonialmacht könne heute von einer multipolaren Weltordnung gesprochen werden, die sich durch eine neue Vielfalt an Akteuren auszeichnet. Mit dieser Entwicklung gehe die Zerstreuung und die Umverteilung von Machtverhältnissen einher. Die Rolle der G7 als führende Industrienationen verliere durch den wirtschaftlichen Aufschwung der sogenannten BRICS (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika) zunehmend an Bedeutung. Dieser Wandel sei durchaus zu begrüßen, stelle die Weltgemeinschaft aber vor neue Herausforderungen. „Die zunehmende Diversität der handelnden Akteure macht Entscheidungsfindungsprozesse immer komplexer. Wer trifft Entscheidungen und auf welcher Basis?“ Mit dem Hinweis auf diese neue Art von Herausforderungen schloss Scholl ihren Vortrag.
Umweltschutz und Wachstum – Zwei konträre Konzepte?
Nach Imme Scholz‘ Vortrag wurden die KonferenzteilnehmerInnen gebeten, sich für einen der drei angebotenen Workshops zu entscheiden. Unter der Anleitung von je zwei SEEP-Studierenden wurde in Kleingruppen zu den Themen Socio-ecological Transition, Development Cooperation in Transition und Economics in Transition gearbeitet. Pro Workshop gab es je zwei ReferentInnen, die thematische Inputs zur Diskussion lieferten. Im Anschluss präsentierten drei SEEP-Studierende die Ergebnisse des jeweiligen Workshops, um daraufhin die Diskussion für das Plenum zu öffnen. Die Debatte kreiste um die Frage nach der Vereinbarkeit von wirtschaftlichen Wachstum und dem Schutz der Umwelt.
Andreas Novy hielt einige offene Fragen fest, die auch bei der kommenden Entwicklungstagung im November diskutiert werden sollen: Wie kann mit neuen Akteuren und sich verändernden Strukturen umgegangen werden? Individualismus, Konsum und Materialismus seien Bestandteile von neoklassischer Ökonomie – wie können diese Muster aufgebrochen werden? Und welche Konzepte können helfen, mit sozio-ökologischen Problemen fertig zu werden?
Verschiedene Ansichten, die wirtschaftliches Wachstum oder Umweltprobleme als das jeweils drängendere Problem sehen, seien dabei oft schwer auf einen Nenner zu bringen. Doch genau diese Verbindung müsse geschaffen werden, um nachhaltigen Wandel in Gesellschaft und Umwelt in Zukunft gewährleisten zu können, so Novy.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.