Development als Zombie – nicht tot, aber auch nicht lebendig

Am 23. Mai 2013 stellten die mitwirkenden Autoren Aram Ziai und Sebastian Hilf in Wien die vierte Ausgabe des 28. Jahrgangs des „Journal für Entwicklungspolitik“ (JEP 4/2012) vor. Unter dem Titel „Post-Development: Empirische Befunde“ wirft dieses Fragen um den Stand der Entwicklungszusammenarbeit zwanzig Jahre nach dem Aufkommen der Kritik des Post-Development auf.
Pr__sentation_JEP_post_development_Praxis__9a_.JPGWie Aram Ziai, „Senior Researcher“ am Bonner Zentrum für Entwicklungsforschung, darlegte, sei der Nachruf auf Entwicklung der 1980er aus den Reihen der Post-Development-KritikerInnen zwar wahrgenommen worden, aber nicht wirklich im Zentrum angekommen. Nach der Krise der 1990er seien in den letzten Jahren gar wieder zunehmende Aktivitäten der Entwicklungszusammenarbeit (EZA) festzustellen. Nicht zuletzt die Millenniumsziele der Vereinten Nationen hätten dem Sektor Auftrieb verliehen und Debatten um seine Zukunft wieder in den Vordergrund gerückt. Gleichzeitig habe Post-Development-Kritik das Feld bearbeitet und ihre Spuren hinterlassen. Entsprechend sei der Gedanke der Entwicklung heute zwar nicht begraben, keineswegs tot, aber eben auch nicht mehr am Leben. Vielmehr sei er durch die Post-Development-Linse gegenwärtig eine Art Zombie-Kategorie. Und am Tod wie am Leben der Untoten werde weiterhin und aus vielen Ecken gearbeitet.

Entsprechend umfasst das aktuelle JEP fünf Beiträge, die sich aus Post-Development-Perspektiven mit verschiedenen regionalen oder thematischen Schwerpunkten Fragen nach Notwendigkeit und Mängeln der jüngeren EZA kritisch annähern. Den AutorInnen ist dabei gemein, dass sie durch das Sichtbarmachen von Ist-Zuständen utopische Perspektiven auf das Weltgeschehen und die Weltwirtschaft aufzeigen möchten, um durch Brüche in der gegenwärtigen EZA zeigen zu können, wie man in der Welt mehr Miteinander und Füreinander, statt Nebeneinander oder Gegeneinander tun könnte.

Die Menschen im Süden gehen eigene Entwicklungspfade

Im ersten Beitrag „Lieber autonom als entwickelt?“ reflektieren Dominik Gilgenbach und Bettina Moser, inwieweit die Zapatista-Bewegung im Süden Mexikos als empirische Stütze für akademische Post-Development-Debatten fungieren kann. Dazu resümieren sie, dass diese Bewegung zwar für eine Wiederaneignung des Politischen, der Solidarökonomie und des lokalen Wissens eintrete, dies jedoch nicht im Sinne einer engen Auslegung des Post-Development verstanden werden könne. Im Gegenteil wollten die Zapatista keineswegs in der Vormoderne verhaftet bleiben, sondern würden durchaus für Entwicklung arbeiten – nach ihren eigenen Vorstellungen.

Pr__sentation_JEP_post_development_Praxis__15a_.JPGDer zweite Beitrag „Alternativen in der Stadt“ von Alice Hamdi, Sebastian Hilf und Katharina Schmidt analysiert Kämpfe um selbstbestimmtere Lebensräume der Sem-Teto-HausbesetzerInnenszene in Rio de Janeiro. Sie schließen, dass Stadtentwicklung oft unter denselben Prämissen wie Entwicklung betrieben werde und es so immer mehr zu einer Entpolitisierung der Stadtentwicklung und einer einhergehenden Verschleierung hintergründiger Interessensbeziehungen komme. Einerseits berichtete Sebastian Hilf am Podium von einer Aufwertung lokaler Ebenen im Staat, andererseits sei die BesetzerInnenbewegung stets von der Staatsmacht bedroht und ihre Besetzungen bereits weitgehend geräumt. Gleichzeitig werde über Entwicklung zunehmend in der Stadt entschieden, weshalb urbane Armut als zukünftig bedeutendere Analyse- und AkteurInnenkategorie verstanden werden könne.

Kann der Norden Vorbild sein?

Im dritten Beitrag „Das Licht und die Flasche“ setzt sich Mirjam Tutzer kritisch mit Entwicklung anhand einer Veränderung im Slum Kibera in Nairobi, Kenia, auseinander: Dort bringen Jugendliche nach asiatischem Vorbild Sonnenlicht in ihre Hütten, indem sie Wasserflaschen in die Dächer einarbeiten, die die Sonnenstrahlen in die sonst dunklen Räume spiegeln. Mirjam Tutzer reflektiert anhand dieses Beispiels, wie EZA oft als Besserwisserin auftrete, die lokales Wissen ignoriere oder unterordne, obwohl es meist besser für die lokalen Verhältnisse adaptiert sei. Priorität vor Entwicklung nach westlichem ExpertInnenwissen muss für sie immer die Einbeziehung lokalen Wissens und lokaler Interessen haben.

Im vierten Beitrag schreibt Friederike Habermann über die „Abwicklung des Nordens“, hin zu einer Gesellschaft ohne Wirtschaftswachstum. Theorie der Stunde sei im Norden nicht Post-Development sondern Post-Wachstum. Freiwilligkeit, Erfahrungswissen, Gemeingüter, Besitz statt Eigentum sowie Teilen und Tauschen sieht sie als Grundpfeiler eines erstrebenswerteren Gesellschaftsentwurfes.

Im fünften und letzten Beitrag zu „HIV as a Blind Spot of Post-Development Theory“ diskutiert Moritz Hunsmann am Beispiel Tansania, inwieweit EZA teilweise eben doch notwendig sein könne, um Gesellschaft aufrechtzuerhalten und Leben aus akuter Bedrohung zu retten. Anschließend erörtert er, dass EZA-Mittel manchmal drogenartig auf Nehmerstaaten wirken können, indem eine zugestandene Finanzspritze weitere Zuschüsse oft erst erforderlich mache. Deshalb stellt Hunsmann – im Gegensatz zu zentralen Post-Development-TheoretikerInnen – Entwicklung nicht grundsätzlich in Frage, sondern möchte nach Alternativen zu gängigen Entwicklungspfaden suchen.

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Sebastian Hilf, Clemens Pfeffer (Moderation), Aram Ziai, Hanna Hacker (v.l.)

Im Westen nichts Neues

Für Hanna Hacker, Professorin für sozial- und kulturwissenschaftliche Entwicklungsforschung an der Universität Wien und als „kritische Stimme“ zur Diskussion des neuen JEP aufs Podium geladen, handle es sich bei den Beiträgen weniger um eine Darstellung von Alternativen zu Entwicklung, als vielmehr um den Versuch einer Bestandsaufnahme von Entwicklungszusammenhängen in der Welt im Jahr 2013. Während die einzelnen ForscherInnen unterschiedlichste Zugänge zu Post-Development nutzten, seien die gezeichneten Beispiele für eine gleichberechtigte, solidarische Gesellschaft durchaus klassisch, bekannt aus der ursprünglichen Kritik der 80er und 90er Jahre. Eine gegenwartsbezogene Weiterentwicklung des Post-Development sei, so Hacker, deshalb dringend notwendig.

Der Autor ist Praktikant im Paulo Freire Zentrum und studiert Internationale Entwicklung an der Universität Wien. Fotos: Shila Auer. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.