In einer dreiteiligen Artikelserie analysiert die Autorin die Folgen
einer von großen Konzernen gesteuerten Energiepolitik, die nur dem
Anschein nach den Klimaschutz als oberstes Ziel verfolgt. Teil III:
Gewinnspannen und asymmetrische Machtbeziehungen.
Oft werden die Anbauprojekte dort realisiert, wo die Energiepreise hoch sind, Fabriken schließen mussten oder nur wenige Haushalte an das Stromnetz angeschlossen sind. Gerade in abgelegenen ländlichen Regionen, wo eine dezentrale Energieversorgung durch kleine Biomassekraftwerke und angepasste Technologien nötig wäre, droht das globale »Biofuel«-Geschäft diese Option zunichte zu machen. Beispiel Äthiopien (1): Die dortige Regierung erklärte eine Fläche von 15 Prozent des Landes zur potenziellen Energieanbaufläche. 200.000 Hektar sind bereits an europäische und israelische Firmen vergeben. Das Münchener Unternehmen Flora EcoPower (FEP) kooperiert beim Rizinusanbau mit äthiopischen Bauernkollektiven und verkauft das Rizinusöl an europäische Raffinerien. In Äthiopien gibt es keine Raffinerie, die es zu Pflanzendiesel veredeln und so eine lokale Nutzung garantieren könnte.
Aktiv ist FEP in einer Region des Landes, in dem Nahrungsmittel knapp und Ernten unsicher sind. Rund 4.000 Kleinbauern und -bäuerinnen wollen für FEP Rizinus anbauen. Im Oktober 2007 konnte das Unternehmen an der Frankfurter Börse neue Aktien im Wert von 5,78 Millionen Euro erfolgreich platzieren, während das Einkommen der VertragslandwirtInnen die bisherigen Einnahmen durch Nahrungspflanzen kaum übersteigt. In einer Region, wo Nahrungsmittel knapp sind, liegt die Gefährdung der Ernährungssicherheit auf der Hand. Die Konkurrenz zwischen Nahrung und Treibstoffen ist denn auch einer der Hauptkritikpunkte am Agrartreibstoffbusiness. Längst nimmt sie globale Dimensionen an.
Oft verfolgen die Firmen eine Doppelstrategie: neben eigenen Plantagen binden sie Kleinbauern über langfristige Verträge an sich. Neben vielen kleinen Unternehmen sind auch die Giganten unter den transnationalen Konzernen auf dem Biomassemarkt aktiv. Sie verfolgen verschiedene Strategien gleichzeitig, um ihr Risiko zu minimieren. Agrarmultis wie Cargill entscheiden je nach Rohstoffpreis, ob sie »ihre« Sojaernte zu Viehfutter oder Pflanzendiesel veredeln. Raffinerien und Kraftwerke können je nach Preisentwicklung zwischen verschiedenen Energiepflanzen und Lieferanten wählen.
Kleinbauern und -bäuerinnen, die sich nur den Anbau einer einzigen Pflanze leisten können, sind hingegen besonders verwundbar. Oft müssen sie sich verschulden, um die nötigen Investitionen tätigen zu können. Der Zugang zu Mikrokrediten ist oft denen vorbehalten, die sich durch einen Vertrag mit einem Agrarunternehmen verpflichten, deren Hochleistungssorten und Düngemethoden anzuwenden. Durch entsprechende Auflagen in ihren Mikrokreditprogrammen fördern die Weltbank und andere Entwicklungsinstitutionen diese monokulturelle Energiewirtschaft der Multis mitsamt ihrer Komplettpakete aus Saatgut, Setzlingen, Kunstdünger und Pestiziden. Eine betriebswirtschaftliche sinnvolle Entscheidung über den eigenen Acker ist dann für die Bauern und Bäuerinnen kaum mehr möglich.
Während die Arbeit auf den Feldern an Kleinbauern und -bäuerinnen, LandarbeiterInnen oder kleine Kollektive outgesourct wird, sichert sich das Agroenergie-Business durch die Kontrolle der gesamten Wertschöpfungskette gegen Risiken ab. Das funktioniert besonders gut durch strategische Kooperationen mit Ölfirmen, Raffinerien, Tankschiffen, InfrastrukturbetreiberInnen und den Biomasse-VerwerterInnen wie Raffinerien und Kraftwerken. Oft sind die Agrarmultis über finanzielle Teilhabe mit ihren PartnerInnen dicht verfilzt. Weltweit größter Ethanolhersteller und Raffinerieteilhaber ist der Agrarkonzern Archer Daniels Midland. Die Biotechfirma Du-Pont entwickelt zusammen mit British Petroleum (BP) Biobuthanol, Shell investiert in den Zellstoffplantagenanbau, der Stromkonzern E.On besitzt Biomassekraftwerke.(2)
Der aufstrebende Agrar-Erdöl-Auto-Wirtschaftskomplex stellt darüber hinaus die universitäre Forschung in seinen Dienst: BP investierte 2007 in die Gründung eines Forschungsinstituts an der Universität Berkeley. Daimler Chrysler unterstützt zusammen mit der Universität Hohenheim und einem indischen Forschungsinstitut sowie der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft den Anbau der ölhaltigen Energiepflanze Jatropha in Indien. Über neue Betätigungsfelder freut sich auch die Gentechnikbranche, nachdem sie in Europa und Afrika nur schwer Fuß fassen konnte. Gentechnisch erzeugte Trocken- und Pestizidresistenzen, so die Hoffnung, könnten die Ernteerträge bei den Treibstoffpflanzen steigern. BP wünscht sich daher eine genetische Verbesserung der Energiepflanzen. Unter BiochemikerInnen gelten insbesondere gentechnisch veränderte Pappeln als Rohstoff der Zukunft. Doch auch bisherige Nahrungspflanzen wie Mais, Soja und Sorghum sind die botanischen Labormäuse der Zukunft. BASF Plant Science experimentiert derzeit mit genverändertem Maniok.
Besiegeltes Geschäft
Euphorische Investoren stehen dramatischen Prognosen gegenüber. Selbst das Joint Research Centre der EU und das britische Parliament Environmental Audit Committee (EAC) äußerten unlängst hinsichtlich der ökologischen Auswirkungen von Agrartreibstoffen erhebliche Bedenken. Auch wurde prophezeit, dass auch die Agrartreibstoffe der zweiten Generation, die wesentlich ökoeffizienter werden sollen, keine grundlegende Lösung des Klimaproblems darstellen und fossile Treibstoffe keinesfalls ersetzen können. Die Gewinne allerdings sind so verlockend, dass trotz des schwankenden Erdölpreises, mit dem das Biomassegeschäft steigt und fällt, munter investiert wird.
Mitte März trafen sich große wie kleine AkteurInnen beim »World Biofuels Markets« in Brüssel. Wo letztes Jahr Al Gore vor über 1.300 TeilnehmerInnen aus 58 Ländern seinen großen Klimaschutzauftritt abhielt, erwog diesmal EU-Kommissarin für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung Mariann Fischer Boel im gewohnten Ton des Regulierungsoptimismus die Notwendigkeit einer Zertifizierung für Energiepflanzenimporte. Seit die Klimabilanz für Palmöl selbst von EU-Forschungsgremien nach unten korrigiert und die Zerstörung der Regenwälder bescheinigt wurde, sitzt die EU zusammen mit der Branche und Umweltschutzorganisationen wie dem WWF am Runden Tisch. Erörtert werden Biosprit-Zertifikate. Die von Lula proklamierte »Demokratisierung der Energiewirtschaft« findet also im exklusiven Rahmen statt. Die Agrarmultis haben bereits angemeldet, dass sie eine Kontrolle von Dünger- und Pestizideinsatz durch Zertifikate nicht unterstützen. Wenn für sie alles glatt läuft, werden zukünftig also sogar Monokulturen »besiegelt«.
1 Wolfgang Hees, Oliver Müller, Matthias Schüth (Hg.): Volle Tanks Leere Teller. Der Preis für Agrokraftstoffe: Hunger, Vertreibung, Umweltzerstörung. Freiburg im Breisgau, 2007.
2 Stoppt den Agrar-Energie Wahn!
https://www.grain.org
https://www.regenwald.org
Die Artikel dieser Serie erschienen zuerst als ein Beitrag in der Zeitschrift iz3w (Nr 305, März/April 2008) unter dem Schwerpunkt "Klimadebatte".
Die Autorin ist Mitarbeiterin im iz3w – informationszentrum 3. welt (Freiburg).