Der nächste Irrweg: Pflanzentreibstoffe schaffen mehr Probleme als sie lösen (II)

In einer dreiteiligen Artikelserie analysiert die Autorin die Folgen
einer von großen Konzernen gesteuerten Energiepolitik, die nur dem
Anschein nach Klimaschutz als oberstes Ziel verfolgt. Teil II: Kritik
an Großkonzernen.
Kurz vor dem UN-Klimagipfel in Bali rief das African Biodiversity Network zu einem Moratorium auf, das die Entwicklung von Agrartreibstoffen auf dem Kontinent untersagt. Auch die Beimischungsverordnungen in Europa und Asien sollen aufgehoben werden. Das Netzwerk ist nicht das erste, das mit dieser Forderung auftritt. INFORSE-Europe, ein Zusammenschluss von EnergieexpertInnen, forderte im Oktober 2007 einen sofortigen Stopp aller politischen Instrumente, die Anreize zur Ausweitung der Plantagenwirtschaft für die Pflanzenspritbranche schaffen. Weltweit häufen sich Proteste von Bauernverbänden, Indigenen, Landlosenbewegungen, Gewerkschaften und Umweltorganisationen. Ihnen zufolge stellen die Auswirkungen der »Biofuelrevolution« eine soziale und ökologische Katastrophe dar: Die Vergabe von Land an global agierende Unternehmen führt zu Vertreibungen.

Die Arbeitsbedingungen auf den für die Treibstoffproduktion angelegten Zuckerrohr- und Palmölplantagen erinnern an koloniale Verhältnisse. Die Lebensmittelpreise steigen, Landschaften und Wälder werden zerstört, der Einsatz von Pestiziden wird erhöht und Wasser verschmutzt. Statt der versprochenen »Bioenergierevolution« kündigt sich ein Revival der »Grünen Revolution« an.

Die KritikerInnen bemängeln zudem, dass der Gewinn für das Klima in Anbetracht der Rodung von Wäldern, dem Einsatz von Dünger und der langen Transportwege nicht ersichtlich ist. Je nach Herkunft und Anbauweise, Transport und Gewinnung des Ethanols oder des Biodiesels schwankt der Ausstoß von Klimagasen pro gefahrenem Kilometer erheblich. Berechnungen des Chemie-Nobelpreisträgers Paul Crutzen zufolge liegen die Emissionen sogar bis 170 Prozent höher als bei fossilen Treibstoffen das Klima also leidet zusätzlich. Hinzu kommt die Belastung durch Stickoxide aus der Düngung, die bis zu 300-mal klimaschädlicher sind als Kohlendioxid. Für eine einzige Kilokalorie aus Ethanol müssen 10 bis15 Kilokalorien in seine Produktion investiert werden. Weltweit gehen bereits jetzt 18 Prozent der Treibhausgase auf die fortschreitende Waldzerstörung auch infolge des Anbaus von Energiepflanzen und 14 Prozent auf die Landwirtschaft zurück.

Glaubhafte KlimaschutzpolitikerInnen sollten eigentlich glücklich darüber sein, dass derzeit nur ein Prozent allen Treibstoffs auf dem Acker wächst und jedes Wachstumsszenario politisch unterbinden. Zudem sind die angeblichen Emissionseinsparungen sehr teuer: selbst wenn man von einer fiktiven ökoeffizienten Ethanolherstellung mit Produktionskosten von 60 Cent pro Liter und einer Einsparung von 1,5 Kilogramm CO2 ausgeht (was höchstens möglich ist, wenn die Pflanzenmasse in direkter Nähe zur Raffinerie wächst und das Ethanol nicht erst über den halben Globus bis zu den EndverbraucherInnen transportiert wird), dann kostet jede eingesparte Tonne CO2 400 Euro. Emissionsreduktionen wären auf andere Weise billiger zu haben. Offensichtlich sind also andere Interessen mit im Spiel.

Survival of the quickest

Im November 2007 blockierten die EU und die USA gemeinsam einen Vorstoß Brasiliens bei der Welthandelsorganisation WTO, Agrartreibstoffe als »umweltfreundliche Produkte« auszuweisen. Damit wollte Brasilien eine Abschaffung der Einfuhrzölle erwirken, die auf bestimmte landwirtschaftliche Erzeugnisse nach wie vor zulässig sind. Die europäischen und nordamerikanischen Bauern können nur solange Mais und Zuckerrüben als Rohstoff für die Ethanolgewinnung anbauen, wie das in der Herstellung wesentlich billigere brasilianische Zuckerrohrethanol dank hoher Importzölle den Markt im Norden nicht »überschwemmt«. Wenn sich Brasilien mit seinem Vorschlag durchsetzt, würde sich die Illusion, das »Bauernsterben« in Europa und den USA dank der Agrartreibstoffe zu verhindern, schnell in Luft auflösen. Brasilien und die USA liefern sich bei der Ethanolherstellung mit jeweils rund 45 Prozent der weltweiten Produktion ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Beide Länder fördern diesen Sektor seit den 1970er Jahren gezielt durch Steuererleichterungen, Subventionen und Einfuhrbeschränkungen.

An diesem Agrarprotektionismus der EU und der USA zeigt sich ebenso wie an den Ambitionen Brasiliens, dass es um Absatzmärkte für die nationale Energiewirtschaft geht und nicht um klimapolitische Ziele. Doch wie sicher gehen, dass der Boom nicht zur Blase wird? Die optimistischen PrognostikerInnen bescheren sich ihren eigenen Umsatz, indem sie ihre Statistiken als Dienstleistung anbieten. So verkauft die Firma Soyatech den Soyatech-Biofuels-Index im Vierteljahresabonnement für 995 US-Dollar. Mithilfe ihrer Analysen können die AbonnentInnen weltweite Entwicklungen industrieller Kapazitäten zur Herstellung von Agrarkraftstoffen aus Soja einholen und so Diskrepanzen in Angebot und Nachfrage ermitteln, um das Risiko eigener Investitionen abschätzen. Zum KundInnenkreis gehören HändlerInnen, HerstellerInnen und InvestorInnen des Agrarspritsektors: Saatgutfirmen, Erdölunternehmen, Investmentbanken, Energieunternehmen, Logistikunternehmen, Agrarchemielieferanten und so weiter.

Bioenergiefabriken im Norden wie im Süden haben großes Interesse am exklusiven Zugang zu einem möglichst billigen Rohstoff. Niedere Rohstoffpreise lassen sich dort erzielen, wo Arbeitskraft und Flächen billig (oder staatlich subventioniert) sind, Wasser wenig kostet und Umweltauflagen oder Arbeitsrechte nicht angewendet werden. Dieser Logik folgend hat der Wettlauf um weitere Flächen zu einem beispiellosen Vormarsch der Monokulturen geführt. Betroffen sind insbesondere Regionen, die bisher nur marginal in der globalen Verwertungskette von transnationalen Unternehmen kapitalisiert werden konnten: von Kleinbauern und -bäuerinnen bewirtschaftete Flächen sowie extensiv genutzte Weidegebiete oder Regenwälder vor allem in Ländern, die zugleich extrem billige Arbeitskraft zur Verfügung stellen.

Lesen Sie in Teil III: Gewinnspannen und asymmetrische Machtbeziehungen

Die Artikel dieser Serie erschienen zuerst als ein Beitrag in der Zeitschrift iz3w (Nr 305, März/April 2008) unter dem Schwerpunkt "Klimadebatte".

Die Autorin ist Mitarbeiterin im iz3w – informationszentrum 3. welt (Freiburg).

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.