Der blinde Fleck

Der Ansatz der dialogischen Bildung als Praxis der Befreiung von Paulo Freire hat viele  VertreterInnen der kritischen Pädagogik beeinflusst. Sucht man in Freires Texten nach feministischen Anknüpfungspunkten, scheint es jedoch zunächst keine expliziten Bezüge zu geben. bell hooks, eine der wichtigsten VertreterInnen des Black Feminism, hat sich mit dem Fehlen feministischer Belange in Freires Arbeit auseinandergesetzt.

Verschiedene Formen der Unterdrückung

In „Pädagogik der Unterdrückten“ (1973) beschreibt Freire sein Konzept der dialogischen Bildung. Dieses könne dazu verhelfen, dass Menschen ihre eigene marginalisierte Position gegenüber Machthabenden erkennen und sich über die conscientização (Bewusstseinsbildung) selbstermächtigend aus der Unterdrückung befreien.

Das Verständnis von Unterdrückung in Freires frühen Schriften, insbesondere der „Pädagogik der Unterdrückten“, sei jedoch zu universal und undifferenziert, lautet die Kritik von feministischer Seite. Das Erlebnis von Unterdrückung habe stattdessen verschiedene Dimensionen. Ein für diesen Umstand oft gebrachtes Beispiel ist, dass etwa Menschen dunklerer Hautfarbe sich Diskriminierungen gegenüber sehen, eine dunkelhäutige Frau es aber womöglich auf Grund ihres sozialen Geschlechts und patriarchalen Strukturen ungleich schwerer hat. Weiters wurde Freire einer sexistischen Sprache bezichtigt, die z.B. das Männliche als Normalfall darstellt.

bell hooks (die Kleinschreibung ihres Pseudonyms ist von der Autorin gewollt) schrieb ebenfalls Bücher zu kritischer Pädagogik und ist darin stark von Freire beeinflusst. Auch sie lehnt das Bankiers-Konzept der Erziehung, nachdem SchülerInnen wie ein Depot betrachtet werden, in das LehrerInnen „Einlagen“ in Form von Wissen geben, als dominierend und unterdrückend ab. Sie selbst erlebte ihre höhere Bildung in Zeiten der De-Segregation der 1970er Jahre als rassistisch unterwandert und autoritär. Freire zu lesen, habe ihr Hoffnung gegeben und ihre Hingabe für das Lernen bestärkt. Zuerst hatte hooks Schwierigkeiten, Freires Ausführungen mit ihren feministischen Ansprüchen zu vereinen. Trotzdem plädiert sie dafür, deswegen Freires Werke nicht völlig zu verwerfen. In ihrem Buch „Teaching to Transgress“ (1994) entwirft sie einen fiktiven Dialog mit sich selbst, in dem sie sich über den Einfluss Freires auf sich selbst unterhält. Das Erlebnis, wie hooks zum ersten Mal Freire traf, beschreibt sie dort mit einer Analogie: Man müsse sich seine Texte wie Wasser vorstellen, indem ein wenig Schmutz ist. Wenn man (wissens-)durstig sei, so wie hooks es war, trinke man dieses Wasser trotz der Verunreinigung. Ein „blinder Fleck“ in einer Theorie müsse also nicht heißen, dass aus den restlichen Ausführungen keine wertvollen Erkenntnisse geschöpft werden können oder dass ein Ansatz kein Potential zur Weiterentwicklung hat.

Freire lernt dazu

hooks wendet ein, dass diese Kritik eher nur auf die früheren Arbeiten anzuwenden sei und Freire sich bereit gezeigt hätte, die Einwände von feministischer Seite zu verarbeiten. In einem Interview mit Donaldo Macedo (1993), einem seiner Co-AutorInnen, bringt Freire dies selbst zum Ausdruck. Er beschreibt sich dort als Produkt einer patriarchalen Gesellschaft. Deswegen habe er den Fokus in seinen Ausführungen über Unterdrückung zunächst auf rassistische und Klassendiskriminierung gelegt. Die Vorstöße der feministischen Bewegung hätten jedoch seinen Blick geschärft, sodass z.B. die Sprache in seinen späteren Werken sexistische Muster vermeide. Ohne eine Entschuldigung für seine damalige Ausdrucksweise oder die Blindheit für sexistische Diskriminierung geben zu wollen, fordert Freire im Interview mit Macedo die LeserInnen dazu auf, seine Schriften in den jeweiligen historischen Kontext zu setzen. So sieht Freire selbst, dass er als Teil einer sexistischen Kultur derlei Muster (wenn auch ohne Intention) in seine frühen Texte eingearbeitet habe. Mit der Zeit hat sich Freire jedoch mit der feministischen Kritik auseinandergesetzt und darauf reagiert. Im Interview mit Macedo betont er, dass für die Abschaffung von sexistischer und patriarchaler Unterdrückung Frauen und Männer gleichermaßen verantwortlich seien.

Indem sich Freire offen für Kritik zeigt, wendet er sein Konzept der dialogischen Bildung auf sich selbst an und eröffnet für sich und seine LeserInnen den Weg zur Weiterentwicklung seiner Ideen und Ideale.

Anknüpfungspunkte für eine differenzierte kritische Pädagogik

Für bell hooks bot die Auseinandersetzung mit Freires Texten die Möglichkeit, ihre eigene marginalisierte Position als „schwarze“ Frau in einer Gesellschaft, in der trotz Bürgerrechtsbewegung Rassismus noch an der Tagesordnung war, zu thematisieren. Der überwiegend „weiß“ und bürgerlich geprägte Feminismus der 1960er und 70er Jahre bot noch keine Identifikationsmöglichkeiten für Frauen wie hooks. Sie fand sich daher trotz der universalen Konzeption von Unterdrückung eher in den von Freire beschriebenen marginalisierten Gruppen wieder.

Wo bieten sich also Anknüpfungspunkte für eine Pädagogik der Befreiung, die auch z.B.  feministische und antirassistische Aspekte enthält? Freires Ansatz müsste zunächst durch eine differenzierte Betrachtung von verschiedenen Unterdrückungsmechanismen ergänzt werden. Daraus können schließlich konkrete Vorgehensweisen abgeleitet werden:

Freire selbst betont, dass es wichtig ist, die Lebensrealitäten der SchülerInnen einzubeziehen. Für hooks bedeutet dies, das Curriculum entsprechend sensibel hinsichtlich Anti-Diskriminierung zu gestalten und ein demokratisches Umfeld für das gemeinsame Lernen zu schaffen. Alle SchülerInnen müssten ungeachtet ihrer ethnischen Zugehörigkeit, des sozialen Geschlechts, der sexuellen Orientierung usw. gleichermaßen die Möglichkeit haben, sich zu äußern.

Freire bezieht sich in seinen Ausführungen zwar vorrangig auf Erwachsenenbildung und auch hooks lehrt an einer Universität. Das Konzept der dialogischen Pädagogik, wie beide es verteidigen, ist jedoch auf alle Arten von Bildung anwendbar.



Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.


Literaturhinweise:

Freire, Paulo; Macedo, Donaldo (1993): A Dialogue with Paulo Freire. In: McLaren, Peter; Leonard, Peter (Hg.): Paulo Freire. A Critical Encounter. London und New York: Routledge. S. 169 – 176.

hooks, bell (1994): Paulo Freire. In: dies.: Teaching to Transgress. Education as the Practice of Freedom. London und New York: Routledge. S. 45 – 58.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.