Das tägliche Massaker des Hungers

Falter und Arbeiterkammer Wien luden am 23. März 2006 zum Wiener
Stadtgespräch
in das Bildungszentrum der Wiener Arbeiterkammer. Erster
Gast dieser neuen Veranstaltungsreihe war Jean Ziegler,
UN-Sonderbotschafter für das Recht auf Nahrung.
Die Kausalitäten, die zum Hunger in der Welt führen, seien vieldeutig und kompliziert, die Auswirkungen jedoch überall dieselben – mit der aufrüttelnden Beschreibung des Todes durch Verhungern leitet Jean Ziegler die Bestandsaufnahme eines "täglichen Massakers" ein:

"Der Körper braucht zuerst die Zucker-, dann die Fettreserven auf. Dann setzt der Zerfall des Immunsystems ein [], die Person wird lethargisch. Dann kommen die Durchfälle, die Auszehrung, die Mundparasiten, die Infektionen der Mundpartien, der Atemwege. Das verursacht dann ganz schreckliche Schmerzen. Dann beginnt der Raubbau an den Muskeln. Und dann kommt der Tod. Das ist absolut eindeutig – von Bangladesh nach Honduras, von Haiti in die Mongolei."

Obwohl die moderne Landwirtschaft laut World Food Report 2005 problemlos zwölf Milliarden Menschen ernähren könnte, verdoppelte sich die Zahl der unterernährten Menschen in Afrika von 1995 bis 2005. Weiterhin sterben täglich 100.000 Menschen an den Folgen der weltweiten Ungleichverteilung. Ziegler: "Ein Kind, das heute am Hunger stirbt, das wird ermordet."

Wer sind die Mörder?

Während sich die "Goldberge der Kosmokraten" türmten, ließen Hunger, Epidemien, von Wirtschaftsinteressen induzierte Kriege, verseuchtes Wasser und andere Aspekte der so genannten Unterentwicklung die Leichenberge wachsen.

An den Pranger stellt Jean Ziegler die extremen Auswirkungen der Auslandsverschuldung, die den Entwicklungsländern keinen Raum für soziale Investitionen gewähren. Ebenso mörderisch wirke die von Produktions- und Transportsubventionen dominierte Agrarpolitik der OECD-Länder beispielsweise werde europäisches Gemüse auf dem Markt in Dakar (Senegal) billiger verkauft als einheimisches. Darüber hinaus sei die Mehrheit der afrikanischen Staaten auf den Zukauf von Nahrungsmitteln angewiesen. Diese unterlägen börsentechnischen Preisschwankungen. Hohe Preise auf dem Weltmarkt verursachen eine unzureichende Versorgung mit Grundnahrungsmitteln: "Da töten sieben große multinationale Gesellschaften und Bankhäuser, die den commodity-stock-exchange von Chicago beherrschen."

Als Rechtfertigung für diese Ungleichverteilung dienten oft scheinbar einleuchtende Gründe, etwa die Tatsache, dass die ertragreichsten Anbauflächen der Welt in der nördlichen Hemisphäre liegen. Ziegler spricht solchen und ähnlichen Aussagen jegliche Objektivität ab. Vielmehr handle es sich um ein Problem der Investitionen und der Mittelverteilung, also um "menschengemachte Massaker".

Absurde Weltordnung

Als die Rechte auf "Leben", "Freiheit" und "Streben nach Glück" Eingang in die erste Menschenrechtserklärung fanden, wurde damit vor allem auf die Befriedigung materieller Bedürfnisse abgezielt. Da die verfügbaren Güter zu diesem Zeitpunkt objektiv nicht ausreichten, um die gesamte Menschheit zu versorgen, handelte es sich dabei um utopische Bestrebungen.

Heute jedoch seien wir aus diesem "Zeitalter der Notwendigkeit" aus- und in das "Reich des Überflusses" eingetreten. Seit dem Zusammenbruch der bipolaren Systemkonfrontation und dem damit einhergehenden Eroberungszug internationalen Finanzkapitals verdoppelte sich das Weltbruttosozialprodukt. 52 Prozent davon lägen in den Händen von lediglich 500 transnationalen Konzernen. Ziegler spricht hier von einer "Monopolisierung des Reichtums", die den Konzernherren eine Macht verleihe "wie sie in der Geschichte der Menschheit nie ein Papst, nie ein König, nie ein Kaiser besessen hat".

Im Widerspruch zur Aufklärung

Die "neoliberale Wahnidee" geistere jedoch nicht nur durch die Köpfe dieser "Kosmokraten", sondern hat, untermauert von wissenschaftlicher Literatur, das kollektive Bewusstsein der Massen geprägt. Wirtschaftliche Vorgänge werden zum Naturgeschehen erklärt. Für Jean Ziegler ist die Vorstellung einer "unsichtbaren Hand, die über allen anderen Willensbildungsmechanismen steht und die Welt regiert" absolut irrational. Der "Raubtier- oder Dschungelkapitalismus" stehe in Opposition zu den Werten der Aufklärung und bedinge den Zerfall der Normativkraft des Nationalstaats:

"Frau Merkel, Herr Schüssel, Blair, Chirac – am Morgen erwachen sie und das erste, was sie tun, ist die Börsendaten von New York, Tokio, Frankfurt ansehen, um zu wissen, wie viel millimeterbreiten Freiraum sie noch haben […] für ihre Fiskalpolitik, Investitionspolitik, Arbeitsbeschaffungspolitik usw."

Das Recht auf Nahrung als universelles Menschenrecht durchsetzen zu wollen, scheint angesichts der geballten Macht des internationalen Finanzkapitals einer naiven Weltsicht zu entspringen.

Keine Ausrede!

"In einer Demokratie gibt es keine Ausrede zum Nichtstun" – durch die aktive öffentliche Ablehnung von Menschenrechtsverletzungen könne sich eine "planetarische Zivilgesellschaft" formieren. Hier spiele die "Power of Shame" eine bedeutende Rolle. Darunter versteht Jean Ziegler die Macht jener Schande, die Menschen angesichts offensichtlichen Unrechts empfinden und die gegen die mörderische Weltordnung mobilisiert werden müsse. Obwohl Ziegler die "Schizophrenie" der Vereinten Nationen angreift – Maßnahmen der Bretton-Woods-Institutionen ("Weltbank" und Internationaler Währungsfond) machen die Erfolge der UN-Spezialinstitutionen wieder zunichte – gäbe es doch Grund zur Hoffnung. So sei erst kürzlich die Gründung des UNO-Menschenrechtsrates, der erstmals über ein Interventionsrecht beim Sicherheitsrat verfüge, gegen den Willen der USA durchgesetzt worden. Nun beanspruche auch das Menschenrecht auf Nahrung universelle Gültigkeit. Die Stärke dieses neuen Instrumentes hänge jedoch maßgeblich von der öffentlichen Unterstützung ab.

In diesem Sinne appelliert Jean Ziegler mit aufrüttelnder Eindringlichkeit: "Es gibt Siege, die möglich sind alles was es braucht, sind Wille und Geduld!"


Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.