Das globalisierte Wachstum eine Ideologie ohne Zukunft

Urs P. Gasche widersetzt sich dem globalen Wachstumsparadigma indem er die zerstörerischen Folgen des Wirtschaftswachstums aufzeigt: Es verdammt uns zur permanenten Steigerung von Arbeit und Konsum, zerstört unsere Lebensgrundlage und vertieft die Gräben zwischen Arm und Reich.

Die Gesellschaft für Masse und Macht Forschung veranstaltete von 6. bis 9. November 2008 zum 21. Mal das Elias Canetti – Symposion in der Wiener Urania. Es stand diesmal unter dem Titel Die Globalisierung. Die hysterische Vermehrungsmeute. Folgender Artikel gibt den Inhalt des Eröffnungsvortrages Das globalisierte Wachstum eine Ideologie ohne Zukunft von Urs P. Gasche in verkürzter Form wider, welcher auf dem Buch Das Geschwätz vom Wachstum von Urs P. Gasche und Hanspeter Guggenbühl 2004 basiert.

Gasche begann seinen Vortrag mit Zitaten, mit denen wir tagtäglich bombardiert werden. Medien, Unternehmen, ÖkonomInnen und PolitikerInnen von rechts bis links präsentieren Wirtschaftswachstum als alleinige Universallösung gegen Arbeitslosigkeit, Armut und auch Umweltverschmutzung. Gasche widersetzt sich diesem Wachstumsdogma mit fundierten Argumenten.

Ein historischer Rückblick relativiert den gegenwärtigen Wachstumszwang. Erst seit ungefähr 200 Jahren ist starkes globales Wirtschaftswachstum durch technologischen Fortschritt und Ausbeutung von Kolonien, Menschen und fossilen Rohstoffen möglich. Gasche verdeutlicht weiters den Effekt von exponentiellem Wachstum. So bedeute ein eher gering veranschlagtes Wirtschaftswachstum von 2% eine Verdopplung von Produktion und Konsum in 35 Jahren.

Mehr Effizienz, weniger Arbeit?

Der Wirtschaftswissenschafter stellt fest, dass steigende Produktivität Wachstum zwar ermöglicht, aber nicht dazu zwingt. Produktivität ist die benötigte Arbeitszeit für die Herstellung einer gleichen Quantität und Qualität von Waren und Dienstleistungen. Die Verdopplung der Produktivität während der letzten 60 Jahre könnte also bedeuten, dass wir für das gleiche Produktionsniveau nur mehr halb so viel arbeiten müssten. Aber Produktivitätsfortschritte wurden in den letzten Jahrzehnten nur in sehr geringem Maße und nur in Form von Lohnerhöhungen an die Bevölkerung weitergegeben. Vielmehr spiegeln sie sich in den exorbitant gestiegenen Vermögen der UnternehmerInnen und KapitalbesitzerInnen. Arbeitslosigkeit ist also keine Frage des Wachstums, sondern des Umgangs mit der gestiegenen Produktivität und der Verteilung der Arbeit.  

Zwangswirtschaft

Wir sind Sträflinge, verurteilt zum Wachstum, zitierte Gasche seinen deutschen Kollegen Carl Christian von Weizsäcker. Dieser Wachstumszwang nehme uns die Freiheit, unser Leben selbst zu gestalten. Denn die Wahl eines Lebensstils, der nachhaltig ist, auf mehr Freizeit und weniger Arbeit und Konsum ausgerichtet ist, ist schwierig durchführbar, weil er schlecht für das System des Wachstums ist. Das Wachstumsdogma gilt universell, ohne zu unterscheiden, wann Wachstum nützlich oder schädlich ist. Dabei sollte die Frage nach dem Sinn und Ziel einer Wirtschaft im Vordergrund stehen. Gasche beantwortet diese Frage mit den Worten des Schweizer Ökonomen Bruno S. Frey. Ziel der Wirtschaft sei demnach, dass die Leute zufrieden und glücklich sind und ein gutes Leben führen können. Auch Robert Kennedy (US-Justizminister 1964) wusste schon: Das BIP misst alles, nur nicht das, was das Leben lebenswert macht.

Die geplünderte Natur

Der logische Zusammenhang zwischen Wirtschaft und ihrer endlichen natürlichen Grundlagen müsste seit 1972, als der Club of Rome The Limits to Growth veröffentlichte, bekannt sein. Spätestens heute, wo das Wachstum an wirtschaftliche und ökologische Grenzen stößt, sollte dieser Binsenweisheit auch Rechnung getragen werden. Doch noch immer werde paradoxerweise Wirtschaftswachstum mit Umweltschutz gerechtfertigt. Wachstum solle Innovationsmotor für Umwelt-Technologien sein. Dabei ist es das Wachstum selbst, dass uns in die ökologische Katastrophe treibt. So steigen die CO2-Emissionen trotz hehrer Klimaziele weiter an, weil Wirtschaftswachstum Energie benötigt, und die ist derzeit hauptsächlich fossil. Selbst wenn eine spektakuläre Effizienzrevolution gelänge, bliebe Wachstum stets an Ressourcen und Abfall gekoppelt. Die bereits stark gestiegene Energieeffizienz wurde bis jetzt durch das Wachstum mehr als wettgemacht.

Die Armutsfalle

Ein globales Wirtschaftswachstum brächte mehr Wohlstand für alle, so lautet die Verheißung für die Entwicklungsländer in Vergangenheit und Gegenwart. In den letzten sechzig Jahren habe sich das globale Bruttoinlandsprodukt versechzigfacht und der Welthandel verneunzigfacht. Der Tatsache, dass die Armut nun keineswegs beseitigt wurde, werde oft mit Hinweisen auf Bevölkerungswachstum und hinderlichen Handelsschranken entgegnet. Gasche erläuterte daraufhin die reale Ungerechtigkeit des freien Handels. So zwängen Weltbank und Internationaler Währungsfonds Entwicklungsländer zur Öffnung der Märkte, wodurch diese mit subventionierten Waren zu Dumpingpreisen aus Industrieländern überschwemmt werden. Der als Wachstumsmotor propagierte freie Welthandel treibe also massenhaft Menschen in den Hunger. Gasche unterstellte dem globalen Markt höchstgradig unlauteren Wettbewerb.

Die Sackgasse der Wachstumswirtschaft

Schließlich führe das globale Wachstum in eine globale Krise. Gasche prophezeite die Gefahr der Beschaffungskriminalität. Damit meint er den Krieg um Ressourcen, der bei einem Festhalten am derzeitigen Wirtschaftssystem und bei gleichzeitig knapper werdenden Rohstoffvorräten drohe. Die logische Folgerung einer Knappheit ist normalerweise die Sparsamkeit. Doch der Wachstumszwang veranlasse MachthaberInnen dazu, die Bevölkerung ständig zum Konsum aufzufordern. Gasche appellierte letztlich an die Anwesenden, sich gegen dieses System aufzulehnen, das zur Verschwendung zwingt.


Im Rahmen des Symposion hat Andreas Novy einen Vortrag zum Thema „Globalisierung als Elitenprojekt und die Angst vor der Masse“ gehalten.

 Vortrag_Andreas_Novy.pdf  (68.47 KB) 



Literaturhinweis:

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Gasche, Urs P. & Guggenbühl, Hanspeter (2004): Das Geschwätz vom Wachstum. Orell Füssli Verlag, Zürich.

 

Die Autorin ist Studentin der Internationalen Entwicklung und Praktikantin im Paulo Freire Zentrum.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.