Mehr als 600 Menschen aus 34 europäischen Ländern kamen heuer von 16. bis 21. August 2011 in Krems zum ersten Europäischen Forum für Ernährungssouveränität zusammen. Diskutiert wurde, wie ernährungs-souveräne Lebenspraxen gestaltet und wie das Konzept der Ernährungs-souveränität auf politisch-institutioneller Ebene verankert werden können.
Welches Nahrungssystem haben wir?

Zu Beginn dieses Jahrzehnts hungert weltweit etwa eine Milliarde Menschen. Die meisten davon befinden sich in ländlichen Gebieten, dort wo Nahrung produziert wird. Strukturelle Ursachen für Ernährungsunsicherheit verdeutlichen sich bei der Analyse des vorherrschenden globalen Lebensmittel- und Agrarsystems, welches dem Kapitalismus entwachsen an dessen Entwicklungen und Krisen (Energie-, Finanz-, Umwelt-, Ernährungskrise) gebunden ist. Die letzten drei Dekaden rekapitulierend kann eine dezidiert neoliberale Ausrichtung des weltweiten Nahrungssystems festgestellt werden.
Bei der Organisierung des globalen Nahrungsmittelmarktes durch transnationale Lebensmittelkonzerne und Handelsketten stehen Profitorientierung und ökonomisches Wachstum, nicht aber die Ernährung der Menschen, im Mittelpunkt. Dem Lebensmittel- und Agrarsystem sind zudem Akkumulationsstrategien eigen, die vielerorts mit der Enteignung bzw. Entmächtigung von bereits strukturell Marginalisierten, z.B. Kleinbäuerinnen und Kleinbauern, einhergehen. Insbesondere die derzeitigen Produktions- wie auch Konsumtionsweisen von Nahrungsmitteln verdeutlichen die ökologischen sowie sozialen Grenzen dieses Systems: Das dominante industrielle Landwirtschaftsmodell basiert auf fossilen Brennstoffen, dem Einsatz von Chemie und von Gentechnik sowie der extensiven Ausbeutung wie auch der massiv ungleichen Verteilung von Ressourcen. Die gemeinsame Agrar- und Lebensmittelpolitik der EU (GAP) spiegelt diese Entwicklungen wider und reproduziert dieses Modell. Von einer Nord-Süd Perspektive aus betrachtet müssen im europäischen Kontext insbesondere zwei Entwicklungen genannt werden: Zum einen findet unsere imperiale Lebensweise in einem destruktiven Ressourcenhunger ihren Ausdruck, und zum anderen resultiert aus dem Zusammenwirken europäischer Produktions- sowie Handelsstrategien ein Dumping, welches in der Verzerrung der Agrarmärkte und in der Zerstörung lokaler Produktion im globalen Süden mündet.
Ernährungssouveränität einfordern!
Als Fundament des Forums in Krems gilt das erste nach einer malischen Bäuerin benannte Nyéléni-Forum, das im Februar 2007 in Sélingué, Mali, stattfand. Dieses baut auf dem Konzept der Ernährungssouveränität auf, welches das Recht der Menschen einfordert, selbstbestimmt über die Art und Weise der Produktion, der Konsumtion sowie der Verteilung von Lebensmitteln entscheiden zu können.

In fünf inhaltlichen Arbeitsgruppen (Produktionsweisen innerhalb des Nahrungssystems; Markt und Organisation von Nahrungsketten und Nahrungsmittelnetzwerken; Arbeitsbedingungen und soziale Aspekte; Zugang zu Land und anderen Ressourcen; Policies) fanden mehrere hundert Delegierte in Krems den Raum für Austausch und Diskussion über ein anderes Lebensmittel- und Agrarsystem. Auf den Ergebnissen der Arbeitsgruppen aufbauend fordert die Nyélénibewegung in der Abschlussdeklaration von Krems ein ökologisches, kleinbäuerliches Landwirtschaftsmodell, das eine lokale sowie nachhaltige Produktion impliziert und somit dem industriellen Modell diametral gegenübersteht. In dem von der Bewegung angestrebten System haben ausbeuterische und erniedrigende Arbeitsverhältnisse, wie sie aktuell in multipler Form etwa im Nahrungsmittelanbau oder im Handel omnipräsent sind, keinen Platz. Als wichtige Schritte dorthin werden eine Dezentralisierung der Lebensmittelversorgung und eine daran gebundene Förderung von vielfältigen Märkten, basierend auf Solidarität sowie auf einer engeren Beziehung zwischen KonsumentInnen und ProduzentInnen, gesehen. Land, Saatgut, Wasser, landwirtschaftliches Wissen etc. müssen aus dem Kommerzialisierungsprozess herausgenommen, zurückerobert und als Gemeingüter eingefordert werden. Nur so kann das Recht der Menschen auf diese Güter gewährleistet werden. Um weitreichende Veränderungen der politökonomischen Strukturen herbeizuführen, dürfen ernährungssouveräne Praktiken nicht auf die individuelle Ebene beschränkt bleiben. Es braucht eine Abänderung jener Landwirtschafts-, Lebensmittel-, Saatgut-, Energie- und Handelspolitiken, die die Rahmenbedingungen für das oben skizzierte vorherrschende Agrar- und Nahrungssystem stellen. Als Fundament soll hierbei das Menschenrecht auf Nahrung dienen, das Staaten in ihre Verantwortung und Pflicht nimmt.
Ein buntes Miteinander während der gemeinsamen Tage in Krems ermöglichte eine Stärkung, Erweiterung und Dynamisierung der Bewegung für Ernährungssouveränität. Insbesondere junge Menschen, Frauen, und Bäuerinnen und Bauern zeigten in allen Bereichen des Forums sei es bei der Organisierung und Gestaltung, bei der Verpflegung oder in den Delegationen ihre Bereitschaft, aktiv an einer notwendigen Demokratisierung des Lebensmittel- und Agrarsystems und damit bei der Umgestaltung gesellschaftlicher Verhältnisse mitwirken zu wollen.
Der Autor ist Student der Politikwissenschaft und der Internationalen Entwicklung und in der Nyélénibewegung aktiv.