Crash. Gedanken im und zum Treibhaus (II)

Der Zwang zu Wachstum geht einher mit weitreichender Naturzerstörung.
Der Autor analysiert in zwei Teilen diesen Widerspruch im
kapitalistischen Gesellschaftssystem.
Charakteristisch für die fetischistische Gesellschaft ist die ideologische Entwicklung der Grünbewegung: Einstmals als WachstumskritikerInnen angetreten, ist bis auf kleine Restbestände auch bei den Grünen Wirtschaftswachstum angesagt. Und das in einer Zeit, in der selbst für Laien die Zeichen des ökologische Kollaps zunehmend sichtbar werden. (1) So heißt es in einem von Glawischnig und Korschil namens der Grünen verfassten Papier:

"Nur durch eine absolute Entkoppelung von Wirtschaftswachstum und Energieverbrauch kann es langfristig gelingen, die Trendwende im Klimaschutz zu schaffen."

Andreas Exner und Ernst Schriefl haben das durchkalkuliert:

"Nehmen wir eine jährliche Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts von 2 Prozent an; das ist eine durchaus moderate Wachstumsrate, bei der WirtschaftsforscherInnen gerade noch nicht von Rezessionsgefahr sprechen. Nach 50 Jahren wäre unter dieser Annahme das BIP auf das etwa 2,7- fache, nach 100 Jahren auf das 7-fache, nach 200 Jahren auf das 52-fache, nach 300 Jahren auf das 380-fache des Ausgangsniveaus gestiegen. Das ist die Dynamik exponentiellen Wachstums.

Soll der Verbrauch an nicht erneuerbaren Ressourcen durch Effizienzsteigerungen auf z.B. 10 Prozent des Ausgangsniveaus sinken und konstant gehalten werden, dann müsste die Ressourceneffizienz jeweils um das Zehnfache der oben genannten Werte des BIP-Wachstums steigen – also nach 50 Jahren um das 27-fache, nach 100 Jahren um das 70-fache, nach 200 Jahren um das 520-fache, nach 300 Jahren um das 3800- fache.

Schwindelerregende Werte. Es ist sehr schwer vorstellbar, dass solche Effizienzsteigerungen, bezogen auf den gesamten wirtschaftlichen Output, möglich sind. Bei sehr großem Optimismus könnte gerade noch ein Faktor 100 realistisch erscheinen.

Wobei bereits zweifelhaft ist, ob eine Effizienzsteigerung um einen Faktor 10 (der in weiten Teilen der Nachhaltigkeitsszene kursiert) erreichbar ist, insbesondere wenn es sich um rein technologische Effizienzsteigerungen handelt und die gesamte Wirtschaft betrachtet wird. Die Hoffnung auf die "Effizienzrevolution" wird bislang von erfolgreichen Beispielen einzelner Produkte oder Dienstleistungen genährt, wo – bezogen auf den jeweiligen Betrachtungsausschnitt – tatsächlich beachtliche Effizienzverbesserungen erzielt werden konnten, wie etwa die Bücher "Faktor 4" oder "Öko-Kapitalismus" dokumentieren. Dass diese partiellen Effizienzgewinne sich auf die makroökonomische Ebene verallgemeinern lassen, darf bezweifelt werden." (2)

An dieser Stelle ist zu betonen: Die Wende der Grünen zum Wirtschaftswachstum ist kein "Verrat", sondern die Übernahme der herrschenden wirtschaftlichen "Vernunft" bzw. der "Einsicht in die Notwendigkeit" DIESER Gesellschaft, die eben tatsächlich nur funktioniert, wenn ES (das Kapital / der Wert) wächst!

Nun sind die Grünen überhaupt nicht alleine mit ihrer "Einsicht", Greenpeace etwa übertitelt ein aktuelles Papier überhaupt gleich mit "Wirtschaftswachstum ohne Klimazerstörung" . Und das ist das Absurde: Eigentlich vertreten Grüne, Greenpeace etc. die gleiche Meinung hinsichtlich des Kapitalismus wie etwa ich als einer, der das System grundlegend kritisiert: Dieses System kann nur mit dauerndem Wachstum funktionieren! Wie man sieht, können daraus aber unterschiedliche Schlüsse gezogen werden.

Während grundlegende KritikerInnen eine Umkehr einmahnen, gilt für die Verwalter des Bestehenden: Es kann nicht sein, was nicht sein darf – die Realität wird zurechtgebogen und zurechtgelogen:

Dauerndes Wachstum sei ökologisch möglich! Das ist der Fetischismus, der uns mit den BewohnerInnen der Osterinsel eint. Und darum ist die Wahrheit viel unbequemer, als selbst Al Gore es meint: Wir haben innerhalb des Systems gar nicht die Instrumente für ein adäquates Reagieren auf die sich anbahnende ökologische Katastrophe. Und genau darum ist es nicht "bloß" eine ökologische Krise, sondern eine grundlegende Systemkrise, eine Zivilisationskrise nach Elmar Altvater! (3)

Um überhaupt "das Ganze sehen zu können", um über "Entschleunigung" nachdenken zu können, um darüber nachdenken zu können, welche Art der Effizienz wir brauchen …., um also die Kriterien der Nachhhaltigkeit fundiert denken zu können, ist ein Bruch mit der Systemlogik vonnöten. Statt der Übernahme der herrschenden wirtschaftlichen "Vernunft" bzw. der "Einsicht in die Notwendigkeit" (Hegel) bedarf es einer anderen Einsicht, nämlich der, dass die Not zu wenden ist! (siehe dazu "Das erkenntnisleitende Interesse")


1 Stellvertretend für viele Texte der Artikel Klimaschutz auf der Grünen Homepage, gefunden unter https://www.gruene.at/umwelt/klimaschutz/: "Neben positiven Auswirkungen auf die Umwelt und den vorsorgenden Hochwasserschutz bringt dieses Programm auch neue Impulse für die Wirtschaft und schafft Tausende Arbeitsplätze. … Ökosoziale Steuerreform für Zehntausende neue Arbeitsplätze".

2 Ernst Schriefl und Andreas Exner, Nachhaltiger Kapitalismus? 1.Teil: Über den Zusammenhang von Wirtschaftswachstum und ökologischer Nachhaltigkeit. In: Streifzüge 3/2003. Im Netz nachzulesen unter https://www.streifzuege.org

3 Elmar Altvater: Die Zukunft des Marktes. Ein Essay über die Regulation von Geld und Natur nach dem Scheitern des "real existierenden Sozialismus". Münster, 1991, 63ff.Der Beitrag erschien zuerst auf https://www.kaernoel.at.

Der Autor ist Erwachsenenbildner beim Bündnis für eine Welt und Beiratsmitglied des Paulo Freire Zentrums.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.