600 km2 Urwald und 40.000 Menschen müssen Belo Monte, dem drittgrößten Staudamm der Welt, weichen. Martin Keßler zeigt in seinem Dokumentarfilm, wie sich die brasilianische Bevölkerung seit zwei Jahren gegen das Bauprojekt, den staatseigenen Energiekonzern „Norte Energia“ und die Regierung zur Wehr setzt und wie die Zerstörung des Amazonasgebiets kein Ende findet.Der dritte Teil der Dokumentarreihe knüpft inhaltlich an die ersten beiden Filme an. Ausgangspunkt ist eine Straßenblockade im Jänner 2013, die von Angehörigen der brasilianischen Urbevölkerung errichtet wurde, um den Materialnachschub für das Kraftwerk Belo Monte zu verhindern. Der Konflikt um den Staudamm ist komplex. Durch die geplante und teilweise schon durchgeführte Umsiedelung der Menschen fühlen sich die Betroffenen hintergangen. Nur wenige Informationen dringen von der Regierung und vom staatseigenen Energiekonzern „Norte Energia“ bis zu ihnen durch. Viele Menschen müssen ihre gesamte Existenzgrundlage aufgeben und umsiedeln ohne zu wissen wohin. Der Regisseur Martin Keßler spricht von einer „Politik der vollendeten Tatsachen“. Die Regierung will von all den bestehenden Missständen nichts wissen und trifft Entscheidungen über die Köpfe der Bevölkerung hinweg.
Demonstrationen gegen Belo Monte
Beinahe im selben Atemzug mit dem Amtsantritt der brasilianischen Präsidentin Dilma Roussef im Jänner 2013 begannen die Bauarbeiten am Belo Monte. Die ersten Demonstrationen folgten unverzüglich, wurden aber von der Regierung nach kurzer Zeit niedergeschlagen. Seit zwei Jahren demonstrieren verschiedene Teile der Bevölkerung gegen den Staudamm und gegen die Regierung, die den Bau unterstützt. Darunter sind Indigene und FischerInnen, die ihre Arbeit, ihre Häuser und somit auch ihre Lebensgrundlage verlieren, ebenso wie ArbeiterInnen, die unter schlechten Verhältnissen am Belo Monte arbeiten müssen. Ihre Stimmen wollen aber nicht gehört werden. Die Versprechen, die der Energiekonzern und die Regierung den Betroffenen geben, werden gebrochen. Die alternativen Hilfsprojekte funktionieren nicht und das Leben von vielen Menschen wird zerstört.
Die Straßenblockade, die im Jänner 2013 errichtet wurde konnte die Schließung des Kofferdamms nicht verhindern. Der Belo Monte wird weiter gebaut und die extreme Umweltzerstörung schreitet fort.
Ein Alptraum für FischerInnen und Indigene
Der Fluss Xingu wird durch den Damm aufgestaut und verursacht die Zerstörung von Fischgründen. Die betroffenen FischerInnen verlieren ihre Arbeit und somit ihren Lebensunterhalt. Indigene Dörfer werden durch den Belo Monte von ihrer Umwelt abgekapselt. Aber was bleibt den Menschen aus diesen Dörfern übrig? „Aussiedeln“ – ist die Antwort der Regierung. Aber wohin? Viele Menschen flüchten nach Altamira. Die Stadt ist überfüllt, da Leute aus anderen Regionen Brasiliens zum Damm pilgern, um dort Arbeit zu suchen. Die lebenserhaltenden Kosten sind immens gestiegen und die Wohnungen werden geräumt, um Platz für die ArbeiterInnen, die am Bau des Belo Monte beteiligt sind, zu schaffen. Die bereits ausgesiedelten Personen müssen also erneut aussiedeln. Niemand weiß wohin. Die Regierung und „Norte Energia“ geben den Betroffenen keine Informationen und schränken somit die Rechte dieser Menschen ein.
Wie ist es so weit gekommen? Die Auswirkungen sowohl auf die Bevölkerung als auch auf die Umwelt sind bekannt. Die brasilianische Regierung schiebt die Schuld auf „Norte Energia“, gleichzeitig fördert sie den Bau des Mega-Staudamms mit der Begründung, dass der große Energiehunger Brasiliens gestillt werden muss. Aber nicht nur nationale Unternehmen profitieren von diesem Energiehunger.
Europäische Ignoranz
Europäische Konzerne wie Siemens, Andritz oder Voith verdienen ebenfalls an den Menschenrechtsverletzungen, die in Brasilien vonstattengehen, und tragen zu der fortschreitenden Zerstörung des Amazonasgebiets bei. Das Streben nach Profit, den die Lieferung von technischen Bauteilen an „Norte Energia“ einbringt, ist größer als das soziale Bewusstsein. Bei diversen Konfrontationen durch DemonstrantInnen lässt sich eine am Unternehmen zentrierte Haltung der Verantwortlichen feststellen, die einer Zustimmung der Rechtsverletzungen gleichkommt.
Gibt es Perspektiven?
Martin Keßler zeigt in seiner Dokumentation unverblümt, welche Menschenrechtsverletzungen rund um den Bau des Staudamms Belo Monte passieren. Der Film zeichnet ein düsteres Bild von der Situation und hinterlässt so teilweise ein deprimierendes Gefühl bei den ZuschauerInnen. Die Frage nach Perspektiven ist daher eine zentrale, bleibt am Ende des Films aber ambivalent.
Der Film versichert, dass die Proteste weiter gehen. Nicht nur in Brasilien, auch in Europa werden die beteiligten Konzerne von der Bevölkerung mit ihren umwelt- und menschenschädlichen Vorhaben konfrontiert. Aber ist „Norte Energia“ nicht bereits zu mächtig? Die einzige Hoffnung, die den Indigenen bleibt, ist das Oberste Gericht. Dort sollten sie, wenn der Umstand beachtet wird, dass das 11.000 Jahre alte Modell von indigener Selbstverwaltung der Staudammregion in kürzester Zeit zerstört wurde, endlich Recht zugesprochen bekommen. Martin Keßler betont in der Diskussion nach der Filmpremiere erneut das Potenzial der Zivilgesellschaft. Für ihn sind die Proteste von großer Bedeutung, denn ohne den Druck der Zivilgesellschaft kann nichts verändert werden.
Die Botschaft des Films ist klar: Die Fortsetzung der systematischen Unterdrückung der Indigenen muss ein Ende finden.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.