In einer zweiteiligen Serie beschreiben die AutorInnen die Konsequenzen des
Eindringens des kapitalistischen Verwertungsprozesses in die Natur
wirtschaftlich unterentwickelter Länder. Teil II: Vertreibungen aus
Naturschutzgebieten.
Von der Fragwürdigkeit der Inwertsetzung biologischer Vielfalt und traditionellen Wissens abgesehen, versteckt sich hinter den positiv belegten Schlagworten "Naturschutz" und "Nachhaltigkeit" oftmals großes Unrecht für die lokale Bevölkerung, die in der Regel nichts von der gepriesenen Verbesserung "der Gesundheit und des Wohlbefinden des Menschen" zu spüren bekommt. Zum Schutz der schwindenden Ressourcen erfolgt, verbunden mit der großen Bestandsaufnahme (Bioprospektion), die Etablierung diverser Schutzgebiete, deren Fläche sich in den letzten anderthalb Jahrzehnten schätzungsweise verdoppelt hat. Der globale Katalog umfasst inzwischen über 105 000 Schutzgebiete, 49 000 davon, die 4.3% der globalen Landfläche einnehmen, sind Schutzkategorien zugeordnet, die erhebliche Beschränkungen oder den völligen Ausschluss menschlicher Nutzung bedeuten.
Seit der Etablierung des Yellowstone-Nationalparks im Jahr 1872 ist die Schaffung von Schutzgebieten mit der Unterdrückung und Vertreibung der lokalen Bevölkerung verbunden. Daran hat sich trotz schönfärberischer Worte und der Verbesserung in Einzelfällen bis heute nichts Grundsätzliches geändert.
An den Nationalparks klebt Blut
An den Nationalparks, die nach den Worten eines deutschen Naturschutzbeamten die "international erfolgreichste Schutzgebietskategorie" darstellt (1), klebt Blut. Inzwischen gibt es von ihnen über 2200 in 120 Ländern. Zugedeckt von einem Mantel des Schweigens, der aus einem Geflecht von "Ökotourismus"-Reklame und Naturromantik besteht, sind nach Schätzungen von Charles Geisler, Professor für ländliche Soziologie an der Universität Wisconsin (USA), allein in Afrika 14 Millionen Menschen im Namen des Naturschutzes vertrieben worden (2).
Kai Schmidt-Soltau (3) analysierte die Situation in 15 zentralafrikanischen Schutzgebieten, die er zwischen 1996 und 2004 besuchte. Keines der von ihm untersuchten Gebiete hatte eine offizielle Strategie zur Integration der örtlichen Bevölkerung in das Nationalpark-Konzept. Nur zwei hatten ein reguläres Umsiedlungsprogramm. Bei den anderen war Vertreibung pur angesagt. Diese Nationalpark-Programme werden von ausländischen NGOs gefördert und betreut, allen voran der WWF.
"Mit den Pygmäen können wir machen, was wir wollen."
Was Schmidt-Soltau 1999 bei seinem Besuch im Noubale Ndoki Nationalpark (Republik Kongo) erlebte, wirft ein Licht auf die offizielle Vorgehensweise. Dort stellte er fest, dass die einzigen permanenten BewohnerInnen des Parks amerikanische ForscherInnen waren. Auf die Frage, warum es dort keine Babenzélé-Pygmäen gäbe, wurde ihm gesagt: "In der Vergangenheit kamen sie oft, aber sie dürfen den Nationalpark nicht mehr betreten." Die Babenzélé wurden aus dem zum Park erklärten Gebiet vertrieben, ohne Entschädigung oder irgendein Lebensalternative. Der befragte Regierungsvertreter war von Schmidt-Soltaus Fragen überrascht. Nach anfänglichen Scheinargumenten – "Wie kann man Menschen umsiedeln, die nicht sesshaft sind?" – brach er die Diskussion schließlich entnervt ab und sagte: "Mit den Pygmäen können wir machen, was wir wollen."
(1) Knapp, H.D.: Geschichte des Naturschutzes. In: Naturschutz in Entwicklungsländern. Neue Ansätze für den Erhalt der biologischen Vielfalt. Heidelberg, 2000, S. 25-38.
(2) Geisler, C. und de Sousa, R.: From refugee to refugee: the African case. In: Public Administration and Development 21 (2001), Nr 2, S. 159-170.
(3) Schmidt-Soltau, K.: The environmental risks of conservation-related displacements in Central Africa. In: Ohta, I und Gebre, Y.D. (Hg.): Displacement risks in Africa. Kyoto University Press, 2005, S. 282-311.
Die AutorInnen arbeiten in der Buko (Bundeskoordination Internationalismus)-Kampagne gegen Biopiraterie.