Im Rahmen der Dissertation „Building Bridges – Brückenschlag zwischen Internationaler Humanitärer Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit“ wurden die Erfahrungen in der Stadtentwicklungsplanung im Kosovo nach dem Krieg 1999 wissenschaftlich aufgearbeitet. Das Ergebnis sind neue Instrumente der räumlichen Entwicklungsplanung.
Planerische Entscheidungsgrundlage nach einer Katastrophe
Die räumliche Entwicklungsplanung ist ein gutes Instrument zur Koordinierung vom Übergang von Humanitärer Hilfe zu EZA. Leider ist es bisher aber noch nicht in Wiederaufbauprogrammen integriert.
Ein Grund dafür liegt darin, dass Entwicklungskonzepte, Flächenwidmungspläne und in weiterer Folge Bebauungspläne mit meistens langwierigen Verfahren bei den einzelnen Planerstellungen zumeist aufeinander aufbauend und zeitlich nacheinander erstellt werden. Diese Vorgehensweise ist insbesondere in einer Post-Konflikt Situation mit einer starken Entwicklungsdynamik nicht zielführend, da die Pläne meist schon vor ihrem Inkrafttreten von der Realität weit überholt werden.
Nach einer Katastrophe muss die räumliche Entwicklungsplanung rasch und strategisch erfolgen. Dieses Vorgehen unterstützt den Einsatz von räumlichen Entwicklungskonzepten als planerische Entscheidungsgrundlage. Kurz- bis mittelfristig geht es nicht um die Erstellung von komplexen Planwerken, die alle sektoralen Planungsebenen flächendeckend erfassen, sondern um eine prozessorientierte, partizipative Planungsform.
Methode der Kick-Off Planung
Dazu ist die Entwicklung einer neuen Methode, der sogenannten Kick-Off Planung notwendig, deren Ziel es ist, kurzfristig eine grundlegende Steuerung der Stadtentwicklung zu ermöglichen. Die Kick-Off Planung als räumliche Post-Katastrophen Strategie muss eine Schnittstelle zwischen der lokalen, der nationalen und der internationalen Ebene bilden und zwischen diesen drei Ebenen vermitteln. Weiters muss sie kooperativ, transparent und – trotz ihrer kurzfristigen Einsatzmöglichkeit – langfristig ausgerichtet sein. Die Kick-Off Planung braucht den „Mut zur Lücke“. Sie muss auch ohne eine vollständige Bestandsaufnahme und -analyse der Grundlagendaten wesentliche Leitvorstellungen zur Entwicklung einer Gemeinde erstellen. Sie muss flexibel sein, um sich auf rasch ändernde Rahmenbedingungen wie beispielsweise ein dynamisches Siedlungswachstum oder überarbeitete gesetzliche Festlegungen einstellen zu können.
Instrumente der Kick-Off Planung
Die Kick-Off Planung basiert auf zwei spezifischen Instrumenten, zum einen sollen vereinfachte räumliche Entwicklungskonzepte, welche die grundlegende Siedlungsstruktur mit einer groben Zuordnung von Funktionen, Nutzungen und Dichten festlegen, ausgearbeitet werden. Das zweite Instrument ist ein Leitfaden für die Erteilung von Baugenehmigungen, der beispielsweise Richtlinien zur Form und Größe der Grundstücke oder zur Anordnung der baulichen Anlagen enthält. Beide Instrumente werden in jeweils zwei Phasen untergliedert, um eine schrittweise Entwicklung der Instrumente zu ermöglichen und in sich schlüssige und zeitlich überschaubare Verfahrenselemente einzuführen.
In Kombination bilden das vereinfachte räumliche Entwicklungskonzept und der Leitfaden für die Erteilung von Baugenehmigungen eine kurzfristig verfügbare Entscheidungsgrundlage für die Frage, wo und in welcher Form Baugenehmigungen erteilt werden können. Damit bilden sie eine flexible und pragmatische Lösung des komplexen Problems der Erteilung von Baugenehmigungen. Speziell in großen Städten ist für diese ein Planwerk mit dem Detaillierungsgrad eines Bebauungsplanes notwendig, der aber in den meisten Fällen einen langwierigen Erstellungsprozess voraussetzt.
AkteurInnen und Planungsprozess
Für die Erstellung des vereinfachten räumlichen Entwicklungskonzeptes und des Leitfadens für die Erteilung von Baugenehmigungen sollten zum einen fachlich besetzte Arbeitsgruppen und zum anderen politisch und fachlich besetzte, mit Entscheidungsgewalt ausgestattete, Entscheidungsgremien eingesetzt werden. Weiters sollten interessierte Geberorganisationen miteinbezogen werden.
Zu den wichtigsten AkteurInnen im Planungsprozess sowie im gesamten Wiederaufbauprozess zählt die lokale Bevölkerung. Der Wiederaufbau ist dort am effektivsten, wo die betroffene Bevölkerung direkt miteinbezogen wird und damit das Gefühl hat, die Kontrolle über die eigene Zukunft zu haben. Dazu sind ein transparenter Planungsprozess und die kontinuierliche Verfügbarkeit von Informationen wichtig.
Zeitplanung
Wesentlich für die Umsetzung der Kick-Off Planung als räumliche Entwicklungsstrategie nach Katastrophen ist, dass ihr Einsatz direkt nach der Katastrophe parallel zu den Soforthilfemaßnahmen beginnt, damit die räumliche Entwicklung frühzeitig strukturiert und Hilfsmaßnahmen koordiniert werden können. Dementsprechend sollten spätestens in der Phase des Wiederaufbaus ein vereinfachtes räumliches Entwicklungskonzept und ein Leitfaden für die Erteilung von Baugenehmigungen als Grundlagen für die Koordination eines geordneten Wiederaufbaus vorliegen.
Kick-Off Planung als integriertes Element von Wiederaufbauprogrammen
Mit der Etablierung der Kick-Off Planung in Wiederaufbauprogrammen könnte nicht nur die Qualität der Wiederaufbauaktivitäten verbessert werden, sondern durch die Verbindung von kurzfristig realisierbaren Katastrophenhilfemaßnahmen und Entwicklungsplanung mit einem mittel- bis langfristigen Zeithorizont der Brückenschlag zwischen Wiederaufbau und nachhaltiger Stadtentwicklung unterstützt werden.
Die Autorin ist Universitätsassistentin am Department für Raumplanung der TU Wien. Die Artikelserie basiert auf ihrer kürzlich veröffentlichten Dissertation: Building Bridges – Brückenschlag zwischen Internationaler Humanitärer Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit: Der Beitrag der Stadtentwicklungsplanung.
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