Katastrophen rufen oft große Hilfsbereitschaft in den Menschen hervor. Besonders wenn Bilder notleidender Menschen durch die Medien „gejagt“ werden und an die finanzielle Hilfe von Privatpersonen appelliert wird. Leider führen diese Spenden aber oft zu einer Reduktion der Finanzmittel für die Entwicklungszusammenarbeit.
Suhareka nach dem Krieg 1999
Auch in der Gemeinde Suhareka im Kosovo hat die humanitäre Katastrophe, die bereits 10 Jahre vor dem Krieg im Jahr 1999 begonnen hat, eine große internationale Spendenbereitschaft hervorgerufen. Dementsprechend war nach dem Krieg 1999 eine Vielzahl von Hilfsorganisationen in Suhareka tätig, die im Rahmen des Wiederaufbaus eine starke Bautätigkeit in der Stadt auslösten. Vor allem bei privaten SpenderInnen erfolgte die Auswahl der Projekte, die umgesetzt wurden, jedoch ohne Entwicklungsstrategie oder städtebauliches Konzept und richtete sich mehr nach den Schwerpunkten und Interessen der Spendenden als einer tatsächlichen Bedarfsanalyse. Die Standortauswahl war vor allem an der einfachen Verfügbarkeit des Standortes orientiert. Zwischen den einzelnen Organisationen fand nahezu keine Koordination statt und Hilfsprojekte wurden parallel und ohne Abstimmung durchgeführt.
Katastrophenmanagement und unkontrollierte Siedlungsentwicklung
Die Gemeinde Suhareka musste sich nach Kriegsende vor allem auf das Katastrophenmanagement konzentrieren und stand dabei vor zwei großen Herausforderungen: Auf der einen Seite die sehr dynamische Siedlungsentwicklung, die durch den notwendigen Wiederaufbau und nicht zuletzt durch die Hilfsprojekte verschiedener Organisationen angeheizt wurde. Demgegenüber standen schwache Strukturen der Gemeindeverwaltung und Stadtplanung, fehlende Grundlagendaten, geringe finanzielle Mittel und nicht ausreichende Kapazitäten, um dieser Entwicklung zu begegnen und steuernd einzugreifen. Dementsprechend erfolgten der massive Wiederaufbau und der Neubau ohne jegliche städtebauliche Konzeption. Dies hatte eine massive Ausdehnung der Stadt, insbesondere an den Ausfallstraßen und den Siedlungsrändern zur Folge. Diese Siedlungserweiterungen erfolgten weitgehend ohne Baubewilligung und ohne einen dementsprechenden Ausbau der technischen Infrastruktur. Die Koordination zwischen den einzelnen Organisationen war mangelhaft und Hilfsprojekte wurden parallel und ohne Abstimmung durchgeführt.
Instrument zur Koordination der Hilfsmittel
In dieser Situation wollte die Gemeinde mit einem strategischen Hintergrunddokument ein Instrument zur Koordination der zukünftigen Hilfsmittel und damit einen Übergang von reiner Nothilfe zu langfristiger Entwicklung schaffen. Dabei hat sie an einen Stadtentwicklungs- bzw. Flächenwidmungsplan gedacht, hatte aber nicht die Kapazitäten einen solchen zu entwickeln.
Während der ersten Fact Finding Mission der Technischen Universität Wien im Juni 2001 wurde deutlich, dass der Aufbau einer Stadtentwicklungsplanung in Suhareka nicht nur technische Kenntnisse erforderte. In dieser Post-Konflikt Phase waren u.a. durch die Abwanderung von ExpertInnen und massive Probleme im Bildungsbereich kaum Kapazitäten in der Stadtplanung vorhanden. Darum musste nicht nur der Plan fachlich erstellt werden sondern insbesondere MitarbeiterInnen ausgebildet und eine Datenbasis aufgebaut werden. Der gleichzeitige Aufbau einer entsprechenden Basis (Grundlagendaten, EDV-Kenntnisse und Ausstattung, Planungsmethoden…) und partizipativer Strukturen und Kapazitäten in der Stadtverwaltung und der Stadtplanungsabteilung waren erforderlich. Nur so konnte die mittel- bis langfristige Umsetzung gewährleistet werden. Der Prozess der Erstellung eines Bezirks- und Stadtentwicklungsplanes muss unter begleitender Beratung in der Kommune selbst erfolgen. Stadtplanung ist immer eng verbunden mit einem politischen Entscheidungsprozess. Daher ist die Erstellung eines Stadtentwicklungsprogramms gleichzeitig auch ein Beitrag zur Gestaltung und Weiterentwicklung demokratischer Entscheidungsfindungsprozesse. Darüber hinaus musste die Akzeptanz der Bevölkerung für Stadtentwicklungsplanung erhöht werden. Durch die Sichtbarmachung der Planung anhand kleinerer, konkreter Projekte wurde ein Bewusstsein für die aktive Gestaltung der Stadt geschaffen.
Stadtentwicklungsplanung Suhareka
Die Umsetzung des Projektes Stadtentwicklungsplanung in Suhareka startete mit mehrjähriger Verzögerung im Jahr 2006. Zu diesem Zeitpunkt war der überwiegende Teil der Hilfsorganisationen bereits weitergezogen und Suhareka durch eine ungesteuerte Stadtentwicklung geprägt. Das primäre Projektziel war, die Gemeinde in der zukünftigen selbständigen Gestaltung der laufenden Prozesse der Stadtentwicklung zu unterstützen. Das Projekt verfolgte folgende drei Ziele:
- Stärkung von Planungs- und Entscheidungsfindungsstrukturen im Planungsprozess (Institution Building, Aufbau von Institutionen)
- Unterstützung der Stadtplanung als Grundlage für eine geordnete Entwicklung (Capacity Building, Kapazitätsaufbau)
- Weiterbildung im Bereich der Stadtentwicklungsplanung (Training, Human Resources Management)
Geordnete langfristige räumliche und wirtschaftliche Entwicklung
Als Projektergebnis wurde eine geordnete langfristige räumliche und wirtschaftliche Entwicklung von Suhareka auf Basis des Stadtentwicklungskonzeptes erwartet. Nach einem nahezu zweijährigen Planungsprozess mit intensiver Kooperation zwischen der Gemeinde, dem österreichisch-kosovarischen Planungsteam und der lokalen Bevölkerung wurden der Stadt- und Bezirksentwicklungsplan im März 2008 von der Gemeinde Suhareka einstimmig beschlossen. Ein Besuch in Suhareka im Jahr 2014 hat gezeigt, dass die im Rahmen des Projektes erstellten Pläne von den ausgebildeten Mitarbeitern der Stadtplanungsabteilung auf aktuellem Stand gehalten und als Entscheidungsgrundlage für die Entwicklung der Gemeinde Suhareka verwendet werden.
Teil 3 der Artikelserie finden Sie hier.
Die Autorin ist Universitätsassistentin am Department für Raumplanung der TU Wien. Die Artikelserie basiert auf ihrer kürzlich veröffentlichten Dissertation: Building Bridges – Brückenschlag zwischen Internationaler Humanitärer Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit: Der Beitrag der Stadtentwicklungsplanung. Reaktionen an: redaktion@pfz.at