Internationale Humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit (EZA) können nicht länger isoliert voneinander betrachtet werden. Wachsende Zahlen an Katastrophen vor dem Hintergrund tendenziell stagnierender Gesamtmittel werfen die Frage auf: Wie kann der Übergang von kurzfristiger Humanitärer Hilfe zu langfristiger EZA und die sich daraus ergebenden Herausforderungen gestaltet werden?
Verknüpfung von Internationaler Humanitärer Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit
Internationale Humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit unterscheiden sich in erster Linie durch ihren Zeitrahmen; sie verfolgen jedoch auch unterschiedliche Zielsetzungen. Während Humanitäre Hilfe Opfern von Katastrophen kurzfristige Überlebenshilfe bereitstellt, verfolgt Entwicklungszusammenarbeit langfristige soziale, ökonomische und politische Ziele. In der Praxis findet zumeist kein geregelter Übergang zwischen diesen beiden Instrumenten statt, auch wenn die unterschiedlichen AkteurInnen, Prinzipien, Strategien und Instrumente – speziell in Langzeitkrisen – immer wieder ineinander verschwimmen.
Katastrophen als Chance
Katastrophen bieten auch die Chance für eine langfristige und nachhaltige Verbesserung der Lebensbedingungen. Ziel der Humanitären Hilfe sowie insbesondere der Entwicklungszusammenarbeit sollte deshalb nicht sein, den Status quo ante wiederherzustellen, sondern Entwicklungsplanung zu betreiben. Diese sollte Perspektiven für eine bessere Zukunft beinhalten und Raum für nachhaltige Entwicklung erhalten.
Dazu muss die Humanitäre Hilfe den Grundstein für eine sich selbst tragende Entwicklung legen. Darüber hinaus kann ein sinnvoller Wiederaufbau nur stattfinden, wenn die vielfältigen Projektaktivitäten der unterschiedlichen Organisationen koordiniert werden.
Welchen Beitrag kann nun die Stadtentwicklungsplanung leisten, um den Übergang zwischen Humanitärer Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit möglichst effizient zu gestalten?
Strategieelemente für die Stadtentwicklungsplanung
In einer Analyse wurde die Stadtentwicklungsplanung der Post-Konflikt Gemeinde Suhareka im Kosovo nach dem Ende des Krieges im Jahr 1999 mit Konzepten zur Verknüpfung von Humanitärer Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit gegenübergestellt. Dies hat folgende Strategieelemente für die Stadtentwicklungsplanung als Brückenglied zwischen Humanitärer Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit ergeben:
a) Nachhaltige Entwicklungsplanung
Ein Grundprinzip aller analysierten Konzepte zur Verknüpfung von Humanitärer Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit ist die prinzipielle Entwicklungsorientierung der Projekte. Die Projekte sollen ein Ausgangspunkt für einen langfristigen, nachhaltigen Entwicklungsprozess sein und zu einer qualitativen Verbesserung der Lebensbedingungen beitragen. Darüber hinaus fordern insbesondere das Konzept der Entwicklungsorientierten Nothilfe und das LRRD Konzept (Linking Relief, Rehabilitation and Development), dass es sich um integrierte Projekte, die übersektoral angelegt sind, handelt. Speziell in Nachkriegssituationen mit multiplen Problemlagen stellen einzelne fachspezifische Projekte in ausgewählten Sektoren keinen adäquaten Ansatz dar.
b) Hilfe zur Selbsthilfe
Die Stärkung und Weiterentwicklung lokaler Strukturen sowie die Forderung der „Hilfe zur Selbsthilfe“ sind wesentliche Bestandteile aller Konzepte. Physische Wiederaufbaumaßnahmen sind oftmals nur dann erfolgreich, wenn sie mit einer Unterstützung der administrativen und sozialen Strukturen kombiniert werden. Die Partizipation der Bevölkerung ist eine weitere Voraussetzung.
c) Kooperation und Partizipation
In der Entwicklungszusammenarbeit ist die Einbindung lokaler Partnerorganisationen in die jeweiligen Projekte sowie ihre Förderung bereits etabliert. Nunmehr wird auch in der Humanitären Hilfe versucht Partnerorganisationen vor Ort möglichst früh mit einzubinden. Ihre Ziele und Projekte sollen möglichst selbst definiert werden. Durch die Beteiligung der Zielgruppen bereits bei der Planung der Projekte werden zum einen die lokale Ownership und zum anderen das Capacity Building vor Ort gestärkt. Nur durch die Einbringung von spezifischem regionalem Wissen kann gewährleistet werden, dass die einzelnen Maßnahmen den lokalen Gegebenheiten entsprechen. Je stärker die Bevölkerung in die Hilfsaktion mit einbezogen wird, umso mehr übernimmt sie die Verantwortung für das Ergebnis und die Weiterführung über die Projektlaufzeit hinaus.
d) Längerfristige systematische Hilfe
In den Konzepten zur Verknüpfung von Humanitärer Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit besteht ein breiter Konsens, dass bereits in der Phase der Humanitären Hilfe die Grundlagen für spätere Maßnahmen und Interventionen geschaffen werden sollen. So können Maßnahmen der Humanitären Hilfe auch in nachfolgenden Phasen weitergeführt werden.
Das Instrument Stadtentwicklungsplanung bzw. räumliche Entwicklungsplanung ist sehr gut zur Koordinierung von kurz- bis langfristigen Maßnahmen auf Basis einer langfristigen, sektorübergreifenden Strategie zur Gesamtentwicklung eines Raumes geeignet. Es kann einen wesentlichen Beitrag zu einem nachhaltigen Übergang zwischen den Hilfephasen und einer stärkeren strategischen Ausrichtung des Wiederaufbaus leisten und sollte deshalb zu einem integrierten Element von Wiederaufbauprogrammen werden.
Teil 2 der Artikelserie finden Sie hier.
Die Autorin ist Universitätsassistentin am Department für Raumplanung der TU Wien. Die Artikelserie basiert auf ihrer kürzlich veröffentlichten Dissertation: Building Bridges – Brückenschlag zwischen Internationaler Humanitärer Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit: Der Beitrag der Stadtentwicklungsplanung. Reaktionen an: redaktion@pfz.at