Am 10. November wurde im Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten das neu erschienene Buch Nachbar Afrika präsentiert. Die HerausgeberInnen Georg Lennkh und Irene Freudenschuss-Reichl wollen damit den Blick auf die neue Dynamik am Nachbarkontinent Afrika lenken.
Eröffnet wurde der Abend von Außenminister Michael Spindelegger, der in seiner Rede die Wichtigkeit dieses Buches betonte: Es zeige das Interesse Österreichs, sich intensiver mit den Ländern Afrikas zu beschäftigen. Die Zusammenarbeit in verschiedenen Bereichen sei für ihn von großer Bedeutung und solle in Zukunft noch verstärkt werden, auch wenn die aktuelle Lage durch die Budgetkürzungen im Bereich Entwicklungszusammenarbeit für die nächsten drei Jahre herausfordernd sei. Xolisa Mabhongo, Botschafter von Südafrika, begrüßte diese österreichische Initiative und deutete das präsentierte Buch als positives Zeichen. Die Beziehung zwischen Europa und Afrika weise eine gegenseitige Abhängigkeit auf. Afrikas Staaten seien auf dem richtigen Weg; in zahlreichen Ländern habe in den letzten zehn Jahren ein Wandel zur Demokratie stattgefunden. Ein neuer Geist wehe am Kontinent, so der Botschafter. Mabhongo betonte ebenso die Rolle Europas als eine der wichtigsten Investoren am afrikanischen Kontinent. Die Quote der Investitionen im Infrastrukturbereich liege derzeit bei fünf Prozent, dies lasse große Verbesserungen erwarten, auch wenn zur Zeit die Milleniums Ziele nicht erreicht werden können.
Das Buch tanzt aus der Reihe
Anschließend stellte Peter Engelmann vom Passagenverlag das Buch vor, das er als Einführungsbuch für Studierende und PraktikerInnen versteht. Für ihn symbolisiere der Sammelband den Beginn eines neuen Ansatzes: Das Buch Nachbar Afrika ist das erste Buch des neuen Programms Passagen Afrika“, das die gesamte Region als komplexen Raum darstellen solle. Das Thema Afrika habe ein großes Potential und gehöre gefördert und gestaltet. Engelmann würde nun gerne das Thema der afrikanischen Identitäten behandeln, aber auch dem Klimawandel solle ein Band gewidmet werden. Afrika solle nicht mehr länger als humanitäres Desaster, sondern als Nachbar gesehen werden. Irene Freudenschuss-Reichl, Leiterin der entwicklungspolitischen Sektion im Außenministerium, berichtete vom Entstehungsprozess des Buches, den sie für sehr kostbar hält. Ein Teil der Artikel sei durch Lectures zu Afrika im Bruno-Kreisky-Forum entstanden. Der Dialog, der bei diesen Veranstaltungen zustande kam, solle nun durch dieses Buch aufrechterhalten werden.
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Gerald Faschingeder, Irene Freudenschuss-Reichl, Christian Ultsch, Georg Lennkh (Foto: Claudia Niedermayr)
Neben den beiden HerausgeberInnen und Moderator Christian Ultsch, befand sich Gerald Faschingeder, Direktor des Paulo Freire Zentrums, am Podium. Das Buch enthalte eine Menge interessantes Material zu den aktuellen politischen und ökonomischen Prozessen in Afrika. Allerdings sei immer auch zu fragen, wer aus welcher Perspektive das Bild von Afrika präge. Hier gefalle ihm als Kulturwissenschafter der erste Satz des Buches sehr gut: Die Brille, mit der Europa, ja die internationale Gemeinschaft insgesamt, auf Afrika zu blicken pflegte, war lange Zeit jene der Entwicklungspolitik. Hier zeige sich ein selbstreflexiver Zugang. Das Buch deute darauf hin, dass die EZA nicht als alleinige Brille gesehen werden kann, sondern durch andere Perspektiven ergänzt werden müsse. Für die Zukunft stelle sich die Frage, welche Rolle EZA spielen werde: Bei hohen Wachstumsraten in afrikanischen Ländern relativiere sich die Bedeutung der EZA, die gleichzeitig von Staaten wie Österreich zurzeit stark beschnitten werde.
Irene Freudenschuss-Reichl sieht zurzeit wachsende Möglichkeiten der afrikanischen Partnerländer, ihre Entwicklung selbst in die Hand zu nehmen. Afrika werde als ein Markt gesehen, ein zwar noch schwieriger Markt, aber mit vielen zukünftigen Potentialen. Georg Lennkh meinte, dass der Entwicklungsaspekt nicht mehr zentral sei. Wirtschaftswachstum und der Aufbau von Infrastruktur seien wichtige Bereiche, um Afrikas Zukunft positiv zu gestalten.
China in Afrika
Das Auftreten Chinas als immer stärkerer Handelspartner in Afrika wird vor allem aus europäischer Sicht kritisch beäugt. Für Moderator Ultsch stehen in dieser Partnerschaft lediglich die ökonomischen Interessen im Mittelpunkt. Hat auch Europa eine bestimmte Strategie in Afrika? Lennkh verwies als Antwort auf die europäische Afrika-Strategie und erinnerte daran, dass in den letzten Jahren im österreichischen Außenministerium eine eigene Afrika-Gruppe eingerichtet worden sei. Man habe heute mehr Strategie als früher. Abschließend fasste Lennkh neue Tendenzen zusammen, die sich für ihn in der Zusammenarbeit abzeichnen. Afrikas Probleme und Herausforderungen könne man nicht mit Dreijahresprojekten lösen; Afrika benötige viel Selbstvertrauen, Europa und andere PartnerInnen viel Geduld, um zu nachhaltigen Lösungen zu kommen.
Der sogenannte Paradigmenwechsel
Mehr als von der Entwicklungszusammenarbeit war Afrikas Geschichte von Kolonialismus und asymmetrischen Beziehungen in der Nachkriegszeit geprägt. Für die Zukunft stelle sich die Frage, ob es gelingen wird, ein hohes Wirtschaftswachstum in afrikanischen Staaten im Rahmen einer klaren und gemeinwohlorientierten governance zu erzielen.
In der anschließenden Publikumsdiskussion wurde eingefordert, die afrikanische Zivilgesellschaft mehr zu beachten, und zwar nicht als Welt der NGOs. Es gehe vielmehr um jene sozialen Bewegungen, die tatsächlich von den Menschen selbst getragen werden. Zuletzt wurde die Frage in den Raum gestellt, ob es nicht mehr wahrhaftigen Dialog brauche: Der Begriff Strategie stamme aus dem militärischen Wortschatz und einem Nachbar solle man eigentlich nicht militärisch, sondern dialogisch begegnen.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum und studiert internationale Entwicklung und Bildungswissenschaften an der Universität Wien.
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