Brasiliens Bevölkerung zeigt Mut zum Widerstand

Fußball wird vom Großteil der BrasilianerInnen geliebt, ist Leidenschaft, gemeinsame Freude und tief in der Kultur verankert. Doch bereits seit der Weltmeisterschaft (WM) 2010 in Südafrika werden Stimmen lauter, die besorgt das große Geschäft der Fußballvermarktung, das über nationale und internationale Konventionen hinweg zu arbeiten scheint, mit Skepsis beobachten.
Engagement Global„, die „Servicestelle Kommunen eine Welt“ und die „Kooperation Brasilien“ thematisierten am 22. Oktober 2013 in der Volkshochschule Stuttgart die wachsenden und zunehmend organisierten Proteste in Brasilien. Zentrales Thema der Diskussion war die FIFA als großes Geschäft und die Rolle der brasilianischen Bevölkerung, der Regierung und der Medien während der Proteste im vergangenen Sommer in den brasilianischen WM-Austragungsstädten. Die ReferentInnen Carlos Vainer (Universität Rio de Janeiro), Cláudia Fávaro (WM Basiskomitee Porto Alegre), Lucimara Brait-Poplawski (Expertin für soziale Sicherheit und Armutsbekämpfung) sowie Gerd Kolbe (Stadt Dortmund als WM-Austragungsort 2006) sorgten dabei für einen spannenden Perspektivenreichtum.

Teuerste WM aller Zeiten vs. grundlegende Bedürfnisse

Mit der WM 2014 und den Olympischen Spielen 2016 steht Brasilien als „neue Wirtschaftsmacht“ verstärkt im internationalen Diskussionszentrum. Doch scheint es neben der wirtschaftlichen auch um eine politische Herausforderung und Chance für die von Ungleichheit gezeichnete brasilianische Bevölkerung zu gehen, sich weitreichend Gehör zu verschaffen. Carlos Vainer überreichte Brasilien bereits jetzt gedanklich die traurige Medaille der teuersten WM aller Zeiten. Riesige Summen werden vor den Augen unzähliger Menschen ausgegeben, dessen Alltag sich um grundlegende Bedürfnisse wie ein funktionierendes Abwassersystem, Grundschulbildung, Infrastruktur und eine umfassende Gesundheitsversorgung dreht. Medienkonzerne und Unternehmen, die als VertragspartnerInnen der FIFA das Monopol für den Stadienbau inne haben, verunmöglichen der Bevölkerung jegliche Beteiligung am großen Geschäft. Im Rahmen der riesigen Bauprojekte fragt sich die Bevölkerung, warum dafür derartige Schulden möglich seien, nicht aber für grundlegende Bedürfnisse so vieler Menschen. Eine extreme Ungleichheit und Segregation in den Städten hat zum Zusammenschluss einer Widerstandsbewegung geführt, die schon lange existiert, jedoch jetzt mit der Verschärfung der Lage aktiv wird.

Gerd Kolbe, mitverantwortlich für die Stadtorganisation in Dortmund während der WM 2006, erinnerte zum Vergleich an die damalige Situation in Deutschland: „Das war unsere WM, die gemeinsam gestaltet wurde.“ Zunächst standen 65 Prozent hinter diesem Gefühl, später 90 Prozent; in Brasilien war es genau umgekehrt. Zu den positiven Errungenschaften in Deutschland zählte Kolbe das Wir-Gefühl, gemeinsam etwas Großes auf die Beine gestellt und sich als Gastgeberland bewiesen zu haben. Doch auch für Deutschland blieb die Unterwerfung unter die FIFA-Regeln nicht aus. Es geht letztlich um ein kommerziell ausgerichtetes Geschäft.

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v.l.n.r.: Lucimara Brait-Poplawski, Carlos Vainer, Thomas Fatheuer (Moderator), Gerd Kolbe, Cláudia Fávaro; Foto: Christian Hass

Ungerechtigkeiten sichtbar machen

Die Kluft zwischen nicht erfüllten Grundbedürfnissen und horrenden WM-Investitionen verdeutlicht, dass Brasilien politische Reformen braucht. Die momentane Demokratie repräsentiere durch ihre hierarchische Struktur nicht die Bevölkerung, so Cláudia Fávaro. Sie müsse von unten, also vom Volk als Basis eines Landes ausgehen, forderte die Referentin des Basiskomitees Porto Alegre. Die aktuelle Widerstandsbewegung verlangt ein umfassendes Konzept für langfristige Umstrukturierungen. Dabei ist die brasilianische Regierung unter Präsidentin Dilma Roussef von der Arbeiterpartei (Partido dos Trabalhadores) generell gewünscht, erklärte Lucimara Brait-Poplawski, weil sie grundsätzlich für gerechte Politik stehe. Öffentlich die Demonstrationen im Land zu akzeptieren und Verbesserungen in vielen Bereichen zu versprechen, werde vonseiten der Gewerkschaften jedoch mit Skepsis betrachtet und eher als reine Kosmetikreformen verstanden. Fávaro fügte hinzu, dass eine Regierung, die das Militär auf die Straße schicke und DemonstrantInnen verhaften lasse, kritisch hinterfragt werden müsse. So würden brasilianische Jugendliche immer weniger an die politischen Parteien glauben. „Demonstrationen sind die Lösung, sonst werden Ungerechtigkeiten nicht sichtbar“, so Fávaro.

Erste Erfolge: Wandel im brasilianischen Nachrichtenfeld

Über 20 Millionen Menschen, die in den letzten Monaten in brasilianischen Städten für ein gerechteres Brasilien demonstrierten, machten so international auf die Ungleichgewichte im Land aufmerksam. Nicht nur Regierung und Militäraufgebot, sondern auch die Medien spielten während der neusten Protestwellen im Land eine zwiespältige Rolle. Zunächst galten DemonstrantInnen in den Nachrichten als Vandalen. Doch als auch JournalistInnen zu den Repressionsopfern zählten und zudem durch neue Medienformen vermehrt Bilder und Videos im Internet publik wurden, nutzte dies auch der nationale Medienkonzern „Rede Globo“. Brasilianische BürgerInnen wurden zu ReporterInnen und trugen so zu einem wichtigen Perspektivenwandel im brasilianischen Nachrichtenfeld bei. „Die brasilianische Bevölkerung ist alles andere als unpolitisch“, betonte Fávaro. Das bestätigt die anhaltende und mittlerweile gut organisierte Widerstandsbewegung, die sich mutig gegen die Machenschaften der FIFA und seiner PartnerInnen zu stellen vermag.

Der spannende und informative Abend verdeutlichte, dass das „Schwellenland“ Brasilien zwar reich an Ressourcen ist, doch scheint es noch weit davon entfernt, diesen Reichtum gerecht verteilen zu können. Viele Menschen in Brasilien sind bereit und selbstbewusst genug, die Missverhältnisse rund um die von der FIFA dominierte WM offen aufzuzeigen, sich gegen sie zu stellen und alternative Lösungen zu entwickeln. Das Jahr 2014 wird zeigen, ob die brasilianische, aber auch die internationale Bevölkerung, an einem wirklichen Wendepunkt steht oder letztendlich doch dem Fußballfieber unter der FIFA-Schirmherrschaft verfällt.

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Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.