Acht Tage vor Anpfiff des ersten WM-Spiels in Brasilien präsentierte die Frauensolidarität am 04.06.2014 im Lateinamerikainstitut (LAI) ihre neue Zeitschrift „Sehnsuchtsort Brasilien“. Anschließend sprachen zwei der Autorinnen, Olivia Machado (Studentin) und Christine Esterbauer (Südwind) über ihre Sicht auf die momentane Situation in Brasilien.In Brasilien regiert seit 14 Jahren die Arbeiterpartei PT. Sie konnte große Erfolge in der Armutsbekämpfung erzielen und vor allem auch die Position von Frauen stärken. Warum sind die BrasilianerInnen trotz dieser Erfolge so unzufrieden? Auf diese Frage möchte die Zeitschrift eine Antwort finden. Helga Neumayer (Frauensolidarität) gab zunächst einen kurzen Überblick über die Artikel der Zeitschrift. In den neun unterschiedlichen Beiträgen zum Schwerpunktthema werden die Rolle der Regierung, der Medien und der FIFA und Auswirkungen der gegenwärtigen Entwicklungen auf marginalisierte Gruppen der Bevölkerung thematisiert. Daneben wird aber auch das Handlungspotential von AktivistInnen, KünstlerInnen, Gewerkschaften und anderen zivilgesellschaftlichen Organisationen betrachtet.
Auswirkungen der WM (der Männer) auf Frauen
Olivia Machado beleuchtete anschließend speziell die Position von Frauen im Kontext der Männer-WM. Wie auch Christine Esterbauer war sie Anfang des Jahres selbst in Brasilien und konnte von persönlichen Erfahrungen berichten.
Als Hauptgründe für die Unzufriedenheit der brasilianischen Bevölkerung nannte sie die elitäre Durchführung der Männer-WM von Seiten der FIFA. Der/die „normale“ BrasilianerIn würde vom sportlichen Großevent nicht profitieren, im Gegenteil. Für Frauen besonders negative Auswirkungen hätten Zwangsräumungen und steigende sexuelle Ausbeutung. Zunächst nannte sie einige traurige Zahlen des paternalistisch geprägten Landes: In Brasilien würden täglich 16 Frauen von Männern umgebracht, 500 000 Kinder und Jugendliche seien in der Sexarbeit tätig. Die WM schaffe durch die vielen TouristInnen Rahmenbedingungen für steigende Sexarbeit.
Desweiteren müssten im Zuge der WM-Vorbereitungen rund 250 000 Menschen ihre Wohnungen verlassen. Die Prozeduren seien teilweise sehr undurchsichtig und oft würden die Rechte der Betroffenen nicht respektiert. Von dieser Praxis seien Frauen in besonderer Weise betroffen, da sie (oft alleinerziehend) die Verantwortung für die Kinder hätten, und das Leben der Familie neu organisieren müssten. Weitere Auswirkungen des Ortswechsels seien oft der Verlust des Arbeitsplatzes und des sozialen Netzwerkes.
Wieviel Demokratie verträgt die WM?
Durch die WM der Männer sei nun das Interesse der Weltöffentlichkeit auf Brasilien gerichtet. Was einerseits die Regierung dazu nutzen möchte, das Image des Landes aufzupolieren, andererseits schaffe diese Öffentlichkeit auch eine politische Arena für KritikerInnen.
Christine Esterbauer erörterte, wie die WM demokratische Prozesse verändere. Sie ging dabei vor allem auf die Rolle der Medien ein, denn ohne kritische Berichterstattung sei Demokratie undenkbar. In Brasilien gebe es leider ein starkes Medienmonopol mit Verbindungen zur Wirtschaft und zur Politik, was eine unabhängige Berichterstattung praktisch unmöglich mache. So werde über Menschenrechtsverletzungen wie Zwangsräumungen, prekäre Arbeitsbedingungen beim Stadienbau und den Ausschluss des informellen Sektors während dieser WM kaum berichtet. Das Auftreten der FIFA und die Aufstockung des Polizeiapparates im Zuge der WM schränke die Demokratie eher ein. So forderte die FIFA von der brasilianischen Regierung ein WM-Gesetz, welches weitreichende Änderungen des aktuellen Rechts vornahm. Die Gesetzesänderung betreffe unter anderem Bereiche der Sozialgesetzgebung (kein ermäßigter Eintritt für Studierende/SeniorInnen), des Verbraucherschutzes (in brasilianischen Stadien ist Alkohol eigentlich verboten) und fordert Steuerfreiheit für die FIFA und deren Sponsoren. „Da nimmt sich die FIFA sehr viel heraus und untergräbt eigentlich die Souveränität des brasilianischen Staates“, so Esterbauer.
Forderung nach Raum
Doch die Demonstrationen zeigten das gewachsene politische Bewusstsein einer breiten Masse. Es bildeten sich mehr und mehr kritische Medien wie beispielsweise die aktionsjournalistische Gruppe Midia Ninjas. Sie berichten live, ohne Bildbearbeitung, ohne Schnittte und ohne Zensur von den Protesten und veröffentlichen ihre Berichte in den sozialen Medien. In diesem Bereich eröffnen sich auch neue Räume für demokratische Prozesse.
Auch nach Ansicht von Olivia Machado eroberten sich Minderheiten durch sozialen Medien und die Proteste einen öffentlichen Raum. Sie hätten schon viel erreicht, mittlerweile werde nicht mehr nur die Stimme der Mittelschicht gehört, sondern auch Schwarze, Indigene, FavelabewohnerInnen etc. fänden zunehmend Gehör und würden die Mittel- und Oberschicht mit ihrer Anwesenheit und ihren Raumansprüchen konfrontieren. Und dennoch sei es noch ein sehr langer Weg zu einer gerechteren Gesellschaft.
Und wie geht es nun während und nach der WM in Brasilien weiter? Olivia Machado befürchtet, dass sich die BrasilianerInnen am Ende doch von ihrer Fußballbegeisterung mitreisen lassen würden und eine große Party die politischen Forderungen überdecken würde.
Die Zeitschrift kann über die Frauensolidarität abonniert werden und liegt in der C3-Bibliothek aus.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Weiterführende Links:
- C3-Bibliothek für Entwicklungspolitik: https://www.centrum3.at/bibliothek/home/
- Frauensolidarität: https://www.frauensolidaritaet.org/
- LAI: https://www.lai.at/
- Midia Ninjas: https://ninja.oximity.com/
- Nosso Jogo: https://nossojogo.at/
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Globales Fairplay
Auch diese Diskussionsrunde fand im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Nosso Jogo“ statt. Die Initiative möchte vor, während und nach der WM auf die Situation in Brasilien aufmerksam machen, Hintergrundinformationen liefern und ein differenzierteres Brasilienbild jenseits der Klischees vermitteln. Außerdem sollen die Auswirkungen der WM aufgedeckt werden. So werden momentan Unterschriften für eine Petition gesammelt, die von FIFA, olympischem Komitee, ÖFB und der brasilianischen Regierung die umfassende Durchsetzung der Menschenrechte in Vorfeld und Umfeld sportlicher Großereignisse und globales Fairplay fordert.
Zur Petition: https://nossojogo.at/aktiv-werden/petition/#targets-tab