Diese Frage stellte Georg Grünberg implizit in seinem Vortrag „Die indigene Bevölkerung Brasiliens“ am 09.April 2014. Dass die Antwort darauf keine einfache ist, zeigte sich im Verlauf des Vortrags, der im Rahmen der Nosso Jogo Veranstaltungsreihe des Lateinamerikainstituts (LAI), rund um die kommende Fußballweltmeisterschaft in Brasilien stattfand.
Vorbildlich im Umgang mit den „Wilden des Waldes“?
Georg Grünberg, Kulturanthropologe an der Universität Wien, lebte viele Jahre in Lateinamerika, einige Jahre davon in Brasilien. Seine persönlichen Erfahrungen bettete er am Beginn des Vortrags in den politisch historischen Kontext ein, welcher den Umgang mit der indigenen Bevölkerung in Brasilien bis heute präge. So war die Grundhaltung bis in die 1960er Jahre hinein von der Überzeugung geprägt, dass die die so genannten „Wilden“, gejagt und getötet werden müssten, um die Entwicklung Brasiliens vorantreiben zu können. Das dahinterstehende Ziel der Politik – Ordnung und Fortschritt – ziert heute noch die Flagge des Landes. Diese Strategie änderte sich in den darauffolgenden Jahren mit der Etablierung von sog. „Pazifizierungsmissionen“, mit denen man versuchte, die indigenen Bevölkerungsgruppen zu „integrieren“ und zu „richtigen BrasilianerInnen“ zu machen. Erst 1988 schrieb die brasilianische Verfassung die permanenten Rechte und damit erstmals das „Recht auf Rechte“ der Indigenen fest.
„Die Indigenen“ im brasilianischen Turbokapitalismus
Wie unterschiedlich sich aber die tatsächliche Umsetzung dieser Rechte für die verschiedenen indigenen Gruppen gestaltet, zeigte Grünberg am Vergleich der im Amazonastiefland lebenden indigenen Bevölkerungsteile mit der Lebenssituation der im südlichen Brasilien lebenden Gruppen. Nur die Hälfte der indigenen Bevölkerung Brasiliens lebe im Amazonasgebiet, verfüge aber über 98,5% des offiziellen „indigenen Territoriums“. Dabei spiegle sich die Ungleichverteilung von territorialer Autonomie in der Rechtssicherheit wider: Die Rechte „der Indigenen“ im Amazonasgebiet schütze Brasilien vorbildlich, die Situation im Süden des Landes zeige jedoch ein völlig anderes Gesicht des Landes: Hier zwinge das brasilianische Agrobusiness den Großteil der auf dem Land lebenden indigenen Bevölkerung in die Slums der Städte; nur 1,5% der gesamten terra indigena befinden sich über die südliche Hälfte Brasiliens verstreut. Der „brasilianische Turbokaputalismus“ dränge die Indigenen dort in soziale Segregation und führe zu neuen Formen von Rassismus.
Foto: Gudrun Reisinger
Schutz „der Indigenen“ zum Schutz der Natur
Aber auch durch aktuelle Trends der „Bekämpfung“ des Klimawandels durch den Schutz der Amazonaswälder entstehe ein Spannungsverhältnis mit dem Lebensumfeld „der Indigenen“. Was wir als „Wildnis“ vor Abholzung schützen wollen, so Grünberg, sei vielmehr von indigenen Gruppen gepflegte Kulturlandschaft. Naturschutz könne daher nicht gegen die lokale Bevölkerung durchgesetzt werden. Im Gegenteil, „die Indigenen“ betrieben den besten Naturschutz den man in einem Gebiet etablieren könne; je mehr Rechte sie über die Ressourcen ihres Territoriums bekämen, umso größer sei die Wahrscheinlichkeit, dass diese nachhaltig genützt und bewahrt würden.
Dem Naturschutz und den anerkannten indigenen Territorien zum Trotz, zeigen sich in der Amazonasregion die stärksten Schäden des brasilianischen Sojabooms. Mit Fotos visualisierte Grünberg die Ausmaße der Abholzungen für die Monokulturwüsten sowie die „Kollateralschäden“: Abgebrannte Siedlungen in geschützten terras indigenas, zerstört durch überspringende Flammen bei Brandrodungen. Auch wenn der Großteil der Zerstörung oft nur an den Grenzen der Territorien „der Indigenen“ stattfände, zeigten Gemälde von Kindern und Angehörigen indigener Gruppen, wie stark die Veränderungen ihrer Umwelt durch diese Eingriffe erfahren wird.
Foto: Gudrun Reisinger
Das habe auch damit zu tun, dass die Wahrnehmung der Umwelt bei „den Indigenen“ eine völlig andere sei: Der Mensch würde als integraler Bestandteil des umgebenden natürlichen Systems wahrgenommen, nicht einmal sprachlich gebe es eine Trennung zwischen Mensch und Natur, sondern vielmehr eine Reihe von Begriffen für die gesamte belebte Umwelt. Würde der Natur Schaden zugeführt, wirke das direkt auf die in dieser Natur lebenden Menschen. Auch würden die künstlich gezogenen Grenzen zwischen den Gebieten der indigenen Gruppen und den agroindustriellen Nutzflächen selten in das Bild passen, das „die Indigenen“ von ihrer Umwelt haben.
Gleiche Rechte, ungleiche Verhältnisse
Gegen wirtschaftliche Interessen und Ressourcenpolitiken scheinen die Rechte der indigenen Gruppen nur an bestimmten Orten, wie dem Amazonas, geschützt werden zu können, wenn auf die Hintergründe davon auch leider nicht genauer eingegangen wurde. Deshalb kann von „den Indigenen“ in Brasilien keine Rede sein. Zuweilen entstand der Eindruck, dass die indigenen Gruppen insgesamt vorrangig „Opfer“ des globalen wirtschaftlichen Systems seien, was im Widerspruch zu den gezeigten Fotos von Protestbewegungen und Widerstandsgruppen stand. Die Bezeichnungen „Indianer“ und „Indianerland“ wirkten etwas unpassend und nicht zeitgemäß.
Foto: Gudrun Reisinger
Die Diskussion am Ende regte zum Weiterdenken an. Besonders groß war das Interesse an der möglichen zukünftigen Entwicklung der Situation „der Indigenen“, vor allem auch vor dem Hintergrund der Proteste in Brasilien im vergangenen Jahr. Optimistisch schloss Grünberg dazu den Vortrag mit der Vermutung, dass die Geschehnisse derzeit, besonders das Agieren des Agrobusiness im Süden des Landes, von einer solchen Irrationalität geprägt seien, dass sich die Situation wohl bald ändern müsse.
Veranstaltungsreihe „Nosso Jogo“
Der Vortrag war Teil der Veranstaltungsreihe der „Nosso Jogo“ (Unser Spiel). Die Initiative setzt sich für globales Fairplay und die Einhaltung von Menschenrechten im Rahmen sportlicher Großveranstaltungen ein, vor allem im Kontext der WM in Brasilien 2014 und der olympischen Spiele in Rio de Janeiro 2016. Außerdem möchte die Initiative versuchen, ein Brasilienbild jenseits der gängigen Vorurteile zu zeichnen und die vielseitigen Facetten des Landes aufzuzeigen.
Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.