Bhikkhunis in Thailand – zwischen spiritueller Praxis und Emanzipation Teil II.

Im zweiten Teil geht es um die Praxis der Bhikkhunis und die Entwicklung neuer, fördernder Strukturen. Bhikkhuni Munissara erklärt, dass die Praxis der ersten Bhikkhuni Generation auch für zukünftige Generationen einen verbesserten Zugang zur Lehre des Buddha mit sich bringt. So kann Frauen in Zukunft der Zugang zu Bildung und Training des Dharma erleichtert werden.

Schaffung von Strukturen

Das langfristige Ziel ist klar: Es geht darum Strukturen zu schaffen, die Frauen die Möglichkeit bieten, als voll ordinierte Nonnen zu praktizieren. Dieses Ziel ist eng mit der Intention der Unterstützung des Weiterlebens des Dhamma verknüpft. Die 20-jährige Nonne Siri erklärt: „Das Dhamma lehrt uns den Weg zur Beendigung des Leidens. Es ist deshalb so wertvoll, weil es uns klare Hilfestellungen gibt, wie wir diesen Weg gehen können.“ Sie wurde in Deutschland geboren und hatte die letzten drei Jahre als mae chi in Deutschland und Thailand gelebt, bevor sie 2015 in Sri Lanka als Novizin ordinierte.

Obwohl sich die Anzahl der einzuhaltenden Regeln im Klosteralltag nur gering verändern, empfindet sie den Übergang als spürbare Veränderung, nicht nur wegen der Farbe der Roben, sondern insbesondere auch wegen dem Verzicht auf die Nutzung von Geld: „Wenn ich etwas haben möchte, kann ich es mir nicht einfach kaufen. Das geht jetzt nicht mehr, ich hänge viel stärker von der Gemeinschaft ab. Die Regel unterstützt mich in meiner Praxis, Verzicht zu üben und auf Kontrolle zu verzichten“, erklärt Samaneri Siri. Sie fügt hinzu, dass es ihr Wunsch war, in Strukturen praktizieren zu können, so wie sie der Buddha ursprünglich vor 2500 Jahren für Frauen eingeführt hatte.

IMG_0004.JPGAlltägliche Praxis im Bhikkhuni Kloster

Der Tag in Nirotharam beginnt um 3.30 Uhr morgens. Um 3.45 treffen sich die Nonnen zum 45-minütigen Chanting, anschließend gibt es eine Dhamma-Lesung oder eine Dhamma-Rede. Um 6 Uhr geht eine Gruppe von drei Nonnen auf ‚Almosenrunde‘ (bintabaht), wo sie Essens-Spenden der umliegenden BewohnerInnen entgegennehmen, während die anderen Nonnen allfällige Arbeiten erledigen. Nach einem etwa 30-minütigen Chanting gibt es eine Mahlzeit, die einzige des Tages. Anschließend fährt eine Gruppe von Nonnen in das nahegelegene Mönchskloster um die buddhistischen Schriften zu studieren, während andere Nonnen im Kloster bleiben und in Kleingruppen studieren. Von 16.00 bis 17.00 Uhr werden diverse Arbeiten und Aufgaben erledigt, wie Straßen fegen oder andere Reinigungsarbeiten. Danach beginnt um 17.45 Uhr das abendliche Programm bestehend aus Chanting, Meditation und Dhamma-Reden, das um 21.00 Uhr endet. Manche Nonnen meditieren anschließend noch weiter, während sich andere in ihre Kutis zurückziehen.

Der Alltag der Nonnen in Nirotharam ist stark vom Studium der buddhistischen Schriften und Pali, der Sprache des Buddha, geprägt. Die Nonnen essen nur einmal täglich, während in einigen Mönchsklöstern zweimal täglich gegessen wird. In Nirotharam kommt ausschließlich vegetarisches Essen auf den Tisch, eine nicht allzu gängige Praxis in thailändischen Klöstern. Ihre intensive Praxis bringt den Nonnen einen guten Ruf in der Umgebung, auch unter den Mönchen. So besuchen die Nonnen manche Mönchsklöster regelmäßig für Zwecke des Studiums und um bei diversen Zeremonien teilzunehmen. Dabei achtet die leitende Nonne ganz besonders auf die jungen Nonnen, die nicht zu nahen Kontakt mit Mönchen haben sollten, um etwaige „emotionale Verwirrungen“ zu vermeiden, die sie oder die Mönche von ihren Fokus auf den Geist abhalten würden. „Wenn wir etwas mit den Mönchen zu besprechen haben, dann schicke ich die älteren Nonnen, das ist nicht so gefährlich“, scherzt die Bhikkhuni während einer Dhamma-Rede.

Einschränkung als Weg zum Nirvana

„Kein Wollen, kein Leiden“: diesen Satz hört man immer wieder von Bhikkhuni Nantayani, die von den Nonnen und AnhängerInnen mit ‚Phra Ajahn‘ angesprochen wird, derselben ehrenvollen Anrede wie sie auch für männliche Äbte verwendet wird. Laut buddhistischer Lehre ist Gier die Wurzel von Leid: nämlich die Gier etwas haben oder sein zu wollen, und etwas nicht haben oder sein zu wollen. Die Einhaltung der Klosterregeln gelten als Hilfestellungen, Gier und andere aufkommende unheilsame Geisteszustände klar zu sehen und schließlich auflösen zu können. „Das beginnt bei alltäglichen Situationen, beispielsweise beim Kaffeekonsum“, erklärt Bhikkhuni Nantayani. Früher konsumierten die Nonnen Kaffee, was in Klöstern in Thailand nicht unüblich ist. Dann führte die Äbtin eine Zusatzregel ein: keinen Kaffee mehr. Warum? Weil viele der Nonnen,  das Kaffeetrinken sehr genossen. „Auch das ist schon Gier, und führt zu Leid“, erklärt sie.

Bhikkhuni Munissara betont vor allem den Wert der Einschränkungen im Klosterleben, die ihr dabei helfen, ihre spirituelle Praxis weiterzuentwickeln: „Das Leben im Kloster ist vergleichbar mit einem Container. Durch die vielen Klosterregeln werden Grenzen gesetzt, an denen man immer wieder anstößt. Dabei wird man damit konfrontiert, wovon man sonst gerne wegläuft: was im eigenen Geist vorgeht.“

Ausblick

Der wachsende Bhikkhuni Orden und die steigende regionale Anerkennung lassen eine zukünftige weitere Vergrößerung der Gemeinschaft vermuten. Gegenstimmen von einflussreichen Mönchen und politischen Akteuren bereiten jedoch momentan kaum durchbrechbare Schranken für die Nonnen. Bhikkhuni Nantayani ist – neben Bhikkhuni Dhammananda – eine zentrale Figur der Bhikkhuni Bewegung, da sie die größte Nonnen-Gemeinschaft des Landes führt. Bei allen Aktivitäten achtet sie stark auf die Zustimmung der Mönche in der Region, und stellt vor allem die gute Praxis als wesentliches Kriterium für eine zukünftige Anerkennung des Bhikkhuni Ordens in den Vordergrund. „Je besser unsere Praxis, desto mehr werden wir anerkannt. Es geht um die Praxis der Lehre des Buddhas“, betont sie.

Obwohl die Beendigung des Konflikts um die Bhikkhunis noch nicht absehbar ist, haben in den letzten Jahrzehnten bereits einige Veränderungsprozesse stattgefunden, die verbesserte Bedingungen für die buddhistische Praxis von Frauen in Thailand mit sich bringen.



Die Autorin studiert Kultur- und Sozialanthropologie im Doktorat an der Universität Wien. Im Rahmen ihrer Dissertation forscht sie über buddhistische Nonnen in Thailand. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at  

Weiterführende Links:

Foto: Bhikkhuni Munissara. © Carina Pichler

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