Bhikkhunis in Thailand – zwischen spiritueller Praxis und Emanzipation Teil I.

„Ich bin keine Frau, ich bin eine Bhikkhuni. Daher muss ich meine Aufgaben als Bhikkhuni erledigen, das ist mein Job“, erklärt mir Bhikkhuni Nantayani während einer Autofahrt zum Kloster Nirotharam in Nordthailand. Sie ist die Leiterin der größten Gemeinschaft voll-ordinierter Nonnen des Landes.Aufgeteilt in zwei Klöstern leben hier 26 Nonnen (Bhikkhunis) und etwa 25 Novizinnen, die orange Roben tragen. „Konkret sind es die Aufgaben, unheilsame Qualitäten zu vermindern und heilsame Tugenden, Meditation und Weisheit zu entwickeln, und diese Lehren des Buddha dann mit anderen zu teilen“, erklärt die 62-jährige Nonne.

Erst 2003 wurde die wachsende Gemeinschaft voll-ordinierter Nonnen (Bhikkhunis) in Thailand eingeführt. Anders als in Ländern, die der Mahayana Tradition des Buddhismus folgen, sind voll-ordinierte Nonnen in Theravada-Ländern, wie Thailand, noch eine Seltenheit. Mittlerweile sind es mehr als 100 Bhikkhunis, die in unterschiedlichen Klöstern in Thailand leben. Die Zahl ist beachtlich, betrachtet man die erschwerten Bedingungen der Ordination, die mit dem umstrittenen Status der Nonnen und dem fehlenden politischen Rahmen zusammenhängen. Die Nonnen werden gesetzlich nicht als Teil der monastischen Gemeinschaft anerkannt, daher wird ihnen beispielsweise keine kostenfreie gesundheitliche Versorgung gewährt. Ein Gesetz von 1928 verbietet die Ordination von Frauen als Bhikkhunis im Land. Trotz umstrittener Gültigkeit des Gesetzes, wurde es bis heute nicht revidiert.

Mae Chi – Nonnen in weiß

Üblicherweise leben Nonnen in Thailand als so genannte ‚mae chi‘. Sie tragen weiße Roben, haben glattrasierte Köpfe und leben meist in den Klöstern von Mönchen, wo sie unterschiedliche Aufgaben erledigen, wie Kochen oder Reinigungsarbeiten. Ihr Status gilt als ambivalent: Offiziell werden mae chi – wie auch die voll-ordinierten Nonnen – als ‚Laien‘ kategorisiert und daher gewährt ihnen die Regierung keine kostenfreie medizinische Versorgung und keinen kostenfreien öffentlichen Transport – Privilegien, die Mönchen gewährt werden. Auch im Kontakt mit den KlosterbesucherInnen ist der ambivalente Status beobachtbar. Während Mönche mit teuren Spenden beschenkt werden, bekommen mae chi sehr selten etwas, obwohl sie meist einen ähnlichen klösterlichen Lebensstil führen.

Veränderungen auf mehreren Ebenen

Dies hat sich mit der Einführung des Bhikkhuni Ordens geändert. Parallel zum Aufkommen des Bhikkhuni Ordens können weitere Veränderungsprozesse für Nonnen in Thailand beobachtet werden. Dazu zählen die Etablierung von mehr unabhängigen Nonnenklöstern und eine wachsende Zahl von Bildungseinrichtungen für Nonnen, sowie veränderte Rollen; Nonnen fungieren nun häufiger als Meditationslehrerinnen oder Dhamma-Lehrerinnen und übernehmen so ursprünglich männlich-definierte Rollen. Auch eine Tendenz zu einem höheren Bildungshintergrund der Nonnen ist zu verzeichnen. Die offensichtlichste Veränderung kann jedenfalls im Bhikkhuni Orden beobachtet werden: Frauen in orangen Roben, eine nicht übersehbare Veränderung innerhalb der Theravada Gemeinschaft.

Bhikkhunis – Eine konfliktreiche Debatte

Ihre umstrittene Position ist den Nonnen in orange sehr wohl bewusst. Während in der Umgebung der Nirotharam-Klöster überwiegend positive Reaktionen beobachtbar sind, kommt es auch manchmal zu negative Reaktionen, die an den Kontext eines größeren Konflikts erinnern: Die Nonnen werden im Land nicht offiziell als Teil der buddhistischen Gemeinschaft anerkannt und die Legitimation ihrer Präsenz wird heftig debattiert, vor allem innerhalb der Mönchs-Gemeinschaft. Für die Ordination als Bhikkhuni und Novizin müssen die Frauen nach Sri Lanka reisen, wo es bereits eine größere und etablierte Theravada-Bhikkhuni Gemeinschaft gibt, die die Voraussetzungen erfüllen, andere Nonnen zu ordinieren. Es wurden zwar bereits Ordinationen in Thailand durchgeführt, jedoch sind diese durch politische Regelungen nur unter erschwerten Bedingungen möglich und bergen die Gefahr einer Intensivierung des Konflikts.

Die Veranstaltung einer Ordinationszeremonie ohne der aktiven Unterstützung von genügend einflussreichen Mönchen könnte als Provokation verstanden werden und damit aufgebaute gute Beziehungen gefährden. „Die Unterstützung der Mönche ist wesentlich“, erklärt Bhikkhuni Nantayani.

GegnerInnen der Ordination argumentieren ihren Standpunkt häufig mit dem historischen Aussterben des Bhikkhuni-Ordens und den daher fehlenden technischen Voraussetzungen der Ordinationszeremonie. Aufzeichnungen zeigen einen starken Rückgang und ein eventuelles Aussterben des Theravada Bhikkhuni Ordens im 11. Jahrhundert in Sri Lanka, wo es bis dahin eine starke Bhikkhuni-Gemeinschaft gab. Die Ordinationslinie wurde daraufhin von Mahayana-Bhikkhunis weitergeführt. Die Unterscheidung zwischen Mahayana und Theravada wurde erst lange nach Buddha’s Zeit vorgenommen, deswegen wäre die Weiterführung der Ordinationslinie legitim, erklärt die 37-jährige Bhikkhuni Munissara, die seit drei Jahren als Bhikkhuni lebt. BefürworterInnen der Nonnen beziehen sich häufig auf das Mahaparinibbana Sutta: Hier beschreibt Buddha die buddhistische Gemeinschaft als bestehend aus Bhikkhus (Mönche), Bhikkhunis (Nonnen), sowie aus männlichen und weiblichen Laien.

Im Angesicht des Konflikts, der wohl im Theravada- und im Gender-Kontext angesiedelt ist, verweist Bhikkhuni Nantayani immer wieder auf die Bedeutung, die eigene Praxis so gut wie möglich zu verbessern. „Wir sind Pionierinnen. Wir müssen mit unserer Praxis ein gutes Vorbild für die zukünftigen Bhikkhunis sein“, sagt Bhikkhuni Nantayani. Im Interview mit Bhikkhuni Munissara, beschreibt sie den steinigen Weg und die Strapazen, die mit der Ordination und Praxis als einer der ersten Bhikkhunis verbunden sind, wie etwa die kostenaufwendige Reise nach Sri Lanka für die Ordination oder die geringe Anzahl an Bhikkhuni Klöstern im Land, die den Nonnen nur wenig Auswahlmöglichkeiten geben.

Hier gehts zum zweiten Teil des Artikels: https://www.pfz.at/article1808.htm

Foto: Bhikkhuni Nantayani hält eine Dhammarede in Nirotharam. ©Carina Pichler

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