Begegnungen mit einem wandelnden Baum – Drei Tage des Gedankenaustausches im Zeichen Paulo Freires.

Wie kann uns das Denken Paulo Freires dabei unterstützen, mit den Herausforderungen einer von wachsender Ungleichheit geprägten Welt zu Recht zu kommen? Die Tagung „100 Jahre Paulo Freire – Solidarität in der globalen Gesellschaft“ an der Universität Salzburg lieferte wichtige Impulse für diese Fragestellung. Denn Freire selbst hatte gefordert, seine Ideen nicht zu reproduzieren, sondern neu zu erfinden. Insofern kann das Bild des wandelnden Mangobaumes, das Danilo Streck im vom Paulo Freire Zentrum organisierten Eröffnungspanel der Tagung zeichnet, als Auftrag an die Teilnehmer*innen gelesen werden: Im Schatten, den uns Freire in dieser Metapher als Baum bietet, zusammenzukommen, und gemeinsam daran zu arbeiten, seine Ansätze in eine neue Zeit zu übersetzen.

Die Gegenwart bewohnen.

„Stopp!“, rufen mehrere Stimmen beinahe gleichzeitig, als ein Gespräch zwischen Fahrgästen eines Salzburger Regionalzuges beginnt, rassistische Untertöne anzunehmen. Die beteiligten Personen erstarren augenblicklich. Jemand aus dem Publikum übernimmt die Rolle einer Schauspielerin, die dem Geschehen nur passiv zugesehen hat. Als die Szene weiterläuft, interveniert diese neue Person in das Gespräch und versucht, die Situation der Unterdrückung aufzubrechen.
Dem Forumtheater kommt durch die Möglichkeit zur aktiven Unterstützung für Unterdrückte eine wichtige Funktion in Projekten zu, die vom Befreiungsdenken Paulo Freires inspiriert sind. Menschen, die Herrschaft, Aggression oder Gewalt in sozialen Interaktionen wahrnehmen, müssen diese als Ausdruck der gesellschaftlichen Machtverhältnisse nicht länger hinnehmen. Die Erfahrung, „Stopp“ sagen und die soziale Umwelt aktiv gestalten zu können, ist mit einem Gefühl der Ermächtigung verbunden, das sich an jenem ersten Tag der Tagung unter den Teilnehmer*innen ausbreitet. Durch das Medium Theater wurden sie ins Jetzt geholt, um diese Gegenwart in einer bestimmten, vom Gedanken der Befreiung geleiteten Form zu bewohnen. Ganz nebenbei wurde durch das gemeinsame Theaterspiel auch ein persönlicher Rahmen für die Begegnung und den Austausch geschaffen. Denn nach einigen Aufwärmrunden waren die im Alltag des wissenschaftlichen Betriebs oft unüberwindbar scheinenden Distanzen, etwa zwischen Universitätsprofessor*innen und Studierenden, einem gemeinsamen Lachen gewichen.

Die geteilte Faszination für einen „permanenten Buben“.

In der ersten Keynote (dt.: Grundsatzrede) erinnerte Walter Kohan (Rio de Janeiro) die Tagungsteilnehmer*innen daran, dass in der Bildung vor allem die Beziehung und die Art und Weise, wie wir miteinander in Kontakt treten, im Vordergrund stehen sollten. Auch ein großer Denker wie Freire hatte über sich selbst gesagt, dass er immer am Beginn stehen würde, und die Bedeutung des Gefühls, am Anfang einer Reise zu sein, für Bildungserfahrungen hervorgehoben. Die dazu passende Information, dass er im Alter von 68 Jahren den Titel „Bambino Permanente“ (dt.: permanenter Bub) verliehen bekam, ist nur ein weiteres Detail in dem Gesamtbild von Freires Gedankenwelt, das sich im Laufe der Tagung erschließt.
Für einen wissenschaftlichen Kongress erweist es sich als Glücksfall, sich die Herangehensweise eines von kindlicher Neugier geprägten Menschen zum Vorbild zu nehmen. Doch nicht nur die Form, auch der Inhalt der Debatten der Tagung ist sehr nahe am Denken Paulo Freires, auch wenn es durchaus Beiträge gibt, die kontrovers diskutiert werden. So gab etwa die in der zweiten Keynote von Christel Adick (Bochum) postulierte Annahme, man könne die nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) als Ausdruck generativer Themen im Sinne Freires lesen, Anstoß für zahlreiche kritische Wortmeldungen. Denn für viele Teilnehmer*innen stellen die SDGs einen Top-Down (dt.: von oben kommenden) Ansatz und kein Projekt dar, das gemeinsam mit den Betroffenen die für sie zentralen Themen auffinden will. Im Paulo Freire Zentrum Wien versuchen wir in unserer Auseinandersetzung mit entwicklungspolitischen Debatten stets zu reflektieren, dass „Entwicklung“ ein eurozentrisches Konzept darstellt, das eng mit Mythen und Vorurteilen über den Globalen Süden verknüpft ist. Somit betrachten auch wir die SDGs im Rahmen unserer Beschäftigung mit den von ihnen geprägten Diskursen nicht aus einer rein affirmativen Haltung. Vielmehr betonen wir die Widersprüche dieser Agenda, die bereits im Entwicklungsdenken, aus dem sie entspringt, angelegt sind.

Wer kann für die Unterdrückten sprechen?

Die Frage nach der Verortung von Denktraditionen in Zentrum oder Peripherie sowie nach der grundlegenden Möglichkeit einer universalistischen Unterdrückungserzählung, die das Potential für gemeinsame Befreiungsbemühungen bieten würde, erweist sich schließlich als eines der zentralen Themen der Tagung. Jonathan Scalet (Mattersburger Kreis für Entwicklungspolitik) verteidigt in seinem Beitrag in der Sektion „Kritische Pädagogik und Befreiung“ Freires Pädagogik der Unterdrückten gegen radikale Modernekritik, welche Freire ein Festhalten am modernen Fortschrittsdenken vorwirft. Wenn man, wie Scalet vorschlägt, das freireanische Selbst jedoch nicht als autonome Handlungsmacht, sondern als dialektisch verwobenes Subjekt betrachtet, so wird schnell klar, dass auch für Freire kein Wissen vollkommen und keine gesellschaftliche Formation absolut ist.
Ein eindrückliches Bild von der Verknüpfung verschiedener Wissensformen zeichnet Joachim Schröder (Hamburg) in der dritten Keynote, in der er das Werk Hundert Jahre Einsamkeit des kolumbianischen Literaturnobelpreisträgers Gabriel García Márquez als literarische Version der Pädagogik der Unterdrückten beschreibt. Der Gedächtnisschwund, der das Dorf Macondo in García Márquez‘ Roman befällt, kann laut Schröder als Allegorie auf die Wirkungen des Kolonialismus verstanden werden. Bildung wirkt dabei gegen das erzwungene Vergessen, indem sie den Menschen ermöglicht, die eigene Wirklichkeit zu leben und sich ihrer Lebensrealität bewusst zu werden.
Nicht ganz nachvollziehbar erscheint im Lichte der Debatten der ersten beiden Tage des Kongresses jedoch die daran anschließende Kritik Schröders, dass das Befreiungsnarrativ ein zutiefst weißes sei, weil sich Freire in seiner Pädagogik der Unterdrückten allein auf europäische Denker*innen bezieht. Denn in einer dialektischen Herangehensweise wie der freireanischen ist es wenig produktiv, Subjekte oder Orte absolut zu setzen und sie nicht in der ihnen innewohnenden Widersprüchlichkeit zu denken.

Die ungebrochene Aktualität Paulo Freires.

Auch mit 100 Jahren und beinahe 25 Jahre nach seinem Tod bringt es Paulo Freire zustande, Menschen zusammen zu bringen und durch die Beschäftigung mit seinem Denken Bildungserfahrungen zu stiften. Der Akt der permanenten Problematisierung als Kern seiner Pädagogik macht es jedoch auch notwendig, sich unangenehmen Fragen zu stellen und Debatten nicht aus dem Weg zu gehen. Denn die Auseinandersetzung mit Ungleichheit und das aktive Eintreten gegen Unterdrückung erfordert immer auch die Reflexion der eigenen Position in der Welt.

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Weiterführende Links:

Zur Tagung „100 Jahre Paulo Freire – Solidarität in der globalen Gesellschaft

Titelbild © flickr, creative commons

Veröffentlicht in Paulo Freire, Entwicklungspolitik, Globale Ungleichheiten, Themen.