Andreas Exenberger, Wirtschaftshistoriker an der Universität Innsbruck,
leitete auf der Dritten Österreichischen Entwicklungstagung in Linz den
Workshop Verteilung, Armut und Eigentum. Miteinander sprechen lernen.
Andreas Exenberger präsentierte einleitend einen geschichtlichen Abriss der Armutsforschung bis hin zum Verhältnis zwischen Armut und Eigentumsformen. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde, in der die TeilnehmerInnen des Workshops die Motivationen sowie die theoretischen und praktischen Hintergründe der anderen erfuhren, stand bald die Frage "Was ist Armut?", die Problematik einer geeigneten Begriffsdefinition, im Zentrum der Überlegungen.
Defizite des orthodox-ökonomischen Armutsbegriffs
Andreas Exenberger wies darauf hin, dass orthodoxe ÖkonomInnen Armut auf einen als quantitativ messbar angenommen Mangel an Rechten und Ressourcen reduzierten. Unter diesem orthodox-ökonomische Blickwinkel hieße Armut schlicht und einfach unzureichendes Geldaufkommen und Eigentum. Mängel im Bereich von sozialen Beziehungen, demokratischen und sozialen Rechten würden ebenso wenig als Armut angesehen wie Ungleichheit. Somit blende die orthodox-ökonomische Armutsbekämpfung Verteilungsprobleme gänzlich aus. Vielmehr werde angenommen, dass Wirtschaftswachstum automatisch zu Armutsreduzierung führe. Der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Internationale Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (IBRD, vulgo "Weltbank") verfolgten weitgehend diese Logik. Angesichts der steigenden Ungleichheiten zwischen Arm und Reich seien Verteilungsfragen jedoch aktueller denn je.
Geld alleine reicht nicht aus
Exenberger lenkte die Aufmerksamkeit auf die Armutsdefinition des Nobelpreisträgers für Ökonomie, Amartya Sen. Dieser wende sich mit seinem "Fähigkeitenansatz" gegen die orthodox-ökonomischen Ansätze der Armutsbekämpfung. Armut bestehe in einer unzureichenden Ausstattung ("Entitlement"), wobei nicht die materiellen Ressourcen von Bedeutung seien, sondern die konkreten Möglichkeiten, die Ressourcen in "capabilities" (Fähigkeiten) und "functionings" (Funktionen) zu übersetzen. Damit sei gemeint, dass jemand seine/ihre Ressourcen auch sinnvoll einsetzen könne und dass – bildhaft gesprochen – jemandem, der/die ein Fahrrad besitze, auch ermöglicht werde, Fahrradfahren zu erlernen.
Anfänge der Armutsforschung
Nach der theoretischen Verortung des Problems wurden die WorkshopteilnehmerInnen eingeladen, gedanklich an die Anfänge der Armutsforschung zurückzukehren. Obgleich bereits im christlichen Mittelalter religiös motivierte Diskussionen über Armut stattgefunden hätten, habe die aktuelle Debatte über Armutsforschung erst in den 1950er Jahren begonnen. Das Festlegen eines bestimmten Durchschnittseinkommens als materielle Armutsgrenze habe die erste Blütezeit für wachstumsorientierte Einkommensansätze gebracht. Armutsbekämpfung hieß fortan, das Einkommen der Menschen an bzw. über die Armutsgrenze zu heben.
In den 1970er Jahren seien schließlich Lebensstandard und Grundbedürfnisse berücksichtigt worden. Der Schwerpunkt sei auf der Bereitstellung von unentgeltlichen Bildungs- und Gesundheitssystemen gelegen, sowie auf der Verteilung von lebensnotwendigen Gütern. Viele orthodoxe ÖkonomInnen hätten dagegen jedoch eingewandt, dass den Menschen keine Güter gegeben werden dürften, da sie dadurch nicht mehr selbst entscheiden könnten, was für sie gut sei. Die 1980er Jahre seien schließlich im Zeichen von Weltbank und IWF gestanden, die zu den wenig erfolgreichen wachstumsorientierten Einkommensansätzen zurückgekehrt seien.
Hunger ist mehr als nur Armut
Die 1990er Jahren seien das Jahrzehnt des United Nation Development Programs (UNDP) gewesen, das die menschliche Entwicklung zum obersten Ziel auserkoren habe. Zur Messung von Armut sei der Human Development Index, ein Index aus BIP pro Kopf, Lebenserwartung und Bildung, entwickelt worden. Dieser sollte maßgeblichen Einfluss auf entwicklungspolitische Entscheidungen haben. Im Jahr 2000 habe die UNO schließlich die Millenniumsziele formuliert, darunter die Halbierung des Anteils der Menschen, deren Einkommen weniger als einen Dollar pro Tag beträgt. Gleichzeitig sollte der Hunger bekämpft werden. Dabei sei jedoch, so Exenberger, zu berücksichtigen, dass Unterernährung nicht zwangsläufig mit materieller Armut zu tun habe. Hunger sei viel schwerer zu bekämpfen.
Armut und Eigentum
Im zweiten Teil des Workshops wurde Armut mit unterschiedlichen Eigentumsformen in Verbindung gebracht. Im Kontext von kapitalistischem Privateigentum, das auf der Verkaufbarkeit von Eigentumstiteln basiere, werde Armut als unzureichendes Eigentum verstanden. Dagegen bedeute Armut im Kontext von kommunistischem Gemeineigentum, wo es nur gemeinsames Eigentum an Produktionsmitteln gebe, einen unzureichenden Lebensstandard. Während auf Privateigentum basierende Gesellschaften das Problem der mangelnden Kaufkraft von weiten Teilen der Bevölkerung hätten, stelle sich in auf Gemeineigentum basierenden Gesellschaften das Problem der wirtschaftlichen Effizienz, die, wie in Kambodscha, zu einer Vergesellschaftung von Armut führen könne. Auch genossenschaftliche Konzepte verstünden Armut als unzureichenden Lebensstandard. Doch ließen sie im Gegensatz zum kommunistischen Gemeineigentum auch Privatbesitz zu, oder befänden sich überhaupt innerhalb einer privateigentumsrechtlich organisierten Gesellschaft.
Der Kapitalismus ist wandlungsfähig
In Kleingruppen wurde schließlich über geeignete Eigentumsordnungen für Subsistenzwirtschaft, regionale Wirtschaftsförderung, ökosoziale Marktwirtschaft sowie über Solidarökonomie diskutiert.
Abschließend wurden die Diskussionsinhalte der einzelnen Gruppen in der gesamten Arbeitsgruppe zusammengeführt. Einmal mehr stand die Frage nach geeigneten Alternativen zu Privateigentum im Raum. Eine einzige Antwort gibt es wohl nicht. Wenngleich das die einen resignieren lassen mag, gibt es doch andere, die an die Wandlungsfähigkeit des Kapitalismus glauben. Weitgehender Konsens bestand in der Arbeitsgruppe darüber, dass es eines sozialen Ausgleichs des Kapitalismus bedarf.
Die Autorin studiert Politikwissenschaft in Wien.