Alltag in Afrika

Eine Präsentation des Buches „Hundert Jahre Finsternis. Afrikanische Schlaglichter“ von Michael Bitala.

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Der Titel weckt unweigerlich Assoziationen zu Gabriel Garcia Marquez Hundert Jahre Einsamkeit und Joseph Conrads Im Herzen der Finsternis.

Die ausgewählten Reportagen von Michael Bitala, der seit 1999 als Afrika-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung in Kapstadt lebt, beinhalten sowohl familiäre Epen als auch Berichte über relativ unzugängliche Gebiete Afrikas. So gesehen muten die Anleihen an die Weltliteratur bei der Wahl des Titels nicht befremdlich an. Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht

Dieses afrikanische Sprichwort zitiert der Journalist Michael Bitala in seinem Vorwort, das gleichzeitig eine Danksagung an seine zahlreichen InterviewpartnerInnen ist. Respektvoll, selbstironisch und immer im Kontext der historischen Entwicklungen berichtet der Autor von den medial oft strapazierten Widersprüchen Afrikas. Sein Interesse gilt differenzierten Hintergrundrecherchen der Krisen und Katastrophen, die Eingang in die westlichen Nachrichtenagenturen finden. Im Mittelpunkt seiner Reportagen stehen Menschen, an deren Zivilcourage, Mut und Erfindungsreichtum die LeserInnen teilhaben.

Elefantenrüssel aus Abflussrohren

So kann man gemeinsam mit Bitala durch einen schmutzigen Stadtteil Nairobis waten, um schließlich auf einer Müllhalde einem einundvierzigjährigen Massai zu begegnen, der zu den höchstbezahlten KünstlerInnen Kenias zählt. Keniareisende werden sich an die großen Altmetall-Elefanten auf dem Flughafen Nairobi erinnern. Kioko Mwitiki kreiert seine Skulpturen aus scheinbar wertlosen Dingen. Die Geschichte des Künstlers Mwitiki und seiner Figuren aus rostigen Abflussrohren und Zündkerzen entwickelt Michael Bitala zu einem gesellschaftspolitischen Porträt einer Mega-City, in der sich Arme und Reiche auf einem Müllplatz treffen.

Ein Schneidermeister und Schlafplatzwächter

Nicht nur Metropolen wie Nairobi, Lagos, Accra oder Johannesburg sind Schauplätze der facettenreichen Berichte aus Afrika. Gemeinsam mit Bitala kann man nach Kisangani reisen, einer unzugänglichen und von Rebellen besetzten Stadt im Regenwald des Kongo, man beobachtet einen "fliegenden Arzt" bei seinen Operationen in einem Landkrankenhaus in Tanzania. Im Norden Ugandas herrscht von der Welt weitgehend unbemerkt ein Terrorregime. Ihr Anführer Joseph Kony hat in den letzten Jahren mehr als zwanzigtausend Kinder entführt. Der Begriff "Kindersoldaten" wird in westlichen Medien hin und wieder thematisiert. Michael Bitala berichtet von den Schrecken und Ängsten der Menschen in Norduganda. Und von einem Schneidermeister in der Kleinstadt Gulu, der seine Veranda jede Nacht für Kinder aus den umliegenden Regionen als Schlafplatz zur Verfügung stellt, um sie in relativer Sicherheit vor den Übergriffen der Miliz zu wissen.

Das Gesicht der Welt

Die komplexen Zusammenhänge von Kolonialismus und Neokolonialismus, von Korruption und den vielen Facetten von Machtmissbrauch untermauert der Journalist mit zahlreichen Aussagen von WissenschafterInnen und PolitikerInnen.
Interessant wird es immer dann, wenn es Bitala gelingt, alltägliche Begebenheiten, Aussagen der Bevölkerung in unterschiedlichen Lebenslagen einzufangen. Diese Stimmen machen das Buch zu einem Leseerlebnis. Und sie erinnern an eine Spruchweisheit der Mandinka (Westafrika): "Viele kleine Leute, in vielen kleinen Orten, die viele kleine Dinge tun, können das Gesicht der Welt verändern."


Michael Bitala: Hundert Jahre Finsternis. Afrikanische Schlaglichter. Wien: Picus Verlag, 2005. 160 Seiten. 14,90 . ISBN
3-85452-902-3.


Die Autorin ist Afrikanistin und Literatin. Sie lebt und arbeitet in Wien.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik, Buchrezensionen, Themen.