Mehr Kriege, mehr Vertreibung, mehr Hunger, mehr Erderhitzung – und gleichzeitig weniger Geld für internationale Hilfe. Dieses Paradox stand im Zentrum der Veranstaltung „Aid in Crisis: Humanitäre Herausforderungen in einer Zeit der Mittelkürzungen“, zu der die Österreichische Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE) am 21. April 2026 ins C3 – Centrum für Internationale Entwicklung einlud. Anlass war die Präsentation der neuen ÖFSE-Flagship-Publikation „Österreichische Entwicklungspolitik 2025“.
„Aid in Crisis“ bringt die doppelte Krise auf den Punkt. Gemeint sind einerseits die humanitären Krisen, auf die Hilfe reagieren soll, andererseits die Krise der Hilfe selbst. Entwicklungszusammenarbeit (EZA) und humanitäre Hilfe geraten unter Druck – finanziell, politisch und gesellschaftlich. Werner Raza, wissenschaftlicher Leiter der ÖFSE, formulierte dieses Spannungsverhältnis als paradox: Gerade in einer Zeit, in der internationale Zusammenarbeit notwendiger wäre denn je, werden ihre Grundlagen zunehmend infrage gestellt.
Österreichs Rückzug aus der internationalen Verantwortung.
Wie konkret diese Krise bereits geworden ist, zeigte Lukas Schlögl, Senior Researcher der ÖFSE, in seiner Präsentation zu den finanziellen Leistungen Österreichs an Länder des Globalen Südens. Der Finanzteil der ÖFSE-Publikation betrachtet nicht nur die öffentliche EZA, also Leistungen im Rahmen der Official Development Assistance (ODA), sondern auch weitere entwicklungsrelevante Finanzflüsse wie private Investitionen, Exportkredite, Zuschüsse privater Organisationen und Rücküberweisungen von Migrant*innen.
Die zentrale Diagnose lautet: Österreichs ODA befindet sich in einer Rezession. Seit drei Jahren geht die ODA-Quote zurück. 2022 lag sie noch bei 0,39 Prozent des Bruttonationaleinkommens, 2024 bei 0,35 Prozent und nach vorläufigen Daten 2025 nur noch bei 0,33 Prozent. Damit liegt Österreich weiterhin deutlich unter dem vor Jahrzehnten formulierten internationalen Ziel der 33 Mitgliedsstaaten des Development Assistance Committee (Dt. Ausschuss für Entwicklungshilfe, DAC) der OECD von 0,7 Prozent. Auch im EU-Vergleich bleibt Österreich unter dem Durchschnitt: Der DAC-EU-Schnitt lag 2025 bei 0,42 Prozent.
Der Rückgang der österreichischen ODA ließ sich zunächst noch durch sinkende anrechenbare Asylkosten im Inland erklären, da die Zahl der Asylanträge stark rückläufig ist. Doch laut Schlögl werden die seit dem letzten Jahr vorgenommenen gezielten budgetären Kürzungen erst in den kommenden Jahren voll sichtbar. Das aktuelle EZA-Sparbudget wird in der ÖFSE-Publikation als stärkste Kürzung der bilateralen EZA der letzten 20 Jahre beschrieben. Gleichzeitig können private Mittel diese Lücke nicht schließen. Private Zuschüsse waren in den vergangenen Jahren durch die Ukraine-Hilfe stark angestiegen, gingen 2024 aber erstmals seit Langem zurück. Auch andere Finanzflüsse wie private Investitionen oder Exportkredite sind schwankungsanfällig, hielt Schlögl fest. Gerade für viele afrikanische Länder bleibt die ODA eine der wenigen wirklich relevanten Finanzflüsse aus Österreich.
Mehr als (nur) eine Budgetfrage.
In der anschließenden Podiumsdiskussion mit Christian Brunmayr vom Außenministerium, der Zeithistorikerin Sarah Knoll und Johannes Trimmel (Sightsavers, langjähriger Präsident von CONCORD, dem europäischen Dachverband für entwicklungspolitische NGOs) wurde deutlich, dass es auch um eine politische und gesellschaftliche Verschiebung geht.
Hilfe war nie unpolitisch.
Sarah Knoll (Univ. Wien) brachte dabei eine historische Perspektive ein. Humanitäre Hilfe sei nie außerhalb von Machtpolitik gestanden. Wer wem hilft, unter welchen Bedingungen und mit welchen Interessen, war immer auch Teil geopolitischer Konstellationen – im Kalten Krieg ebenso wie danach. Neu sei daher nicht, dass Hilfe politisch ist. Neu sei vielmehr, dass humanitäre Hilfe heute von Teilen der Öffentlichkeit und Politik stärker angegriffen und delegitimiert werde.
Damit verschiebt sich auch die Debatte. Es geht nicht mehr nur darum, wie Hilfe organisiert, finanziert und wirksamer gemacht werden kann, sondern ob internationale Solidarität überhaupt noch als politisch legitim gilt. Die ÖFSE-Publikation beschreibt diese Entwicklung als Teil einer breiteren Legitimationskrise: Multilateralismus, internationales Recht, liberale internationale Ordnung und westlich geprägte Entwicklungspolitik geraten gleichzeitig unter Druck.
Weniger Geld heißt weniger Hilfe.
Diese Verschiebung zeigt sich auch in budgetpolitischen Prioritäten. In vielen Ländern steigen die Verteidigungsausgaben, so Christian Brunmayr. Mittel für internationale Hilfe lassen sich dagegen politisch oft leichter kürzen als Ausgaben in Bereichen mit stärkerer innenpolitischer Lobby. Hilfe wird damit nicht nur finanziell knapper, sondern auch politisch neu gerahmt: Sicherheit, Grenzschutz und geopolitische Interessen treten stärker in den Vordergrund, während EZA und humanitäre Hilfe unter Rechtfertigungsdruck geraten. Johannes Trimmel machte deutlich, was solche Kürzungen konkret bedeuten: Budgets seien nie bloß technische Zahlen, sondern Ausdruck politischer Prioritäten. Wenn Mittel fehlen, bedeutet das nicht einfach, dass Organisationen effizienter arbeiten müssen, sondern dass Leistungen gekürzt werden, Projekte enden und Menschen weniger Unterstützung erhalten.
Trimmel widersprach damit einer häufigen – und nicht wirklich einleuchtenden – Formel: Man könne nicht einfach mit weniger Geld mehr Wirkung erzielen. In Wirklichkeit gehe es nicht um „do more with less money“, sondern um „do less with less money“. Kürzungen bleiben nicht abstrakt. Sie zeigen sich dort, wo Versorgung ohnehin prekär ist: bei Ernährung, Gesundheit, Bildung und Schutz – und treffen besonders jene, die zuvor bereits am stärksten von globalen Krisen bedroht waren.
Auch Reformen brauchen Mittel.
Gleichzeitig wurde am Podium nicht nur über Mangel gesprochen, sondern auch über mögliche Reformen. Humanitäre Hilfe steht seit Jahren vor der Aufgabe, lokaler, flexibler und konfliktsensibler zu werden. Dazu gehört ein stärkerer Fokus auf Prävention: Wer früh in Vorsorge investiert, kann spätere Schäden begrenzen und Hilfe wirksamer machen. Zugleich sollen lokale Akteur*innen mehr Entscheidungsmacht erhalten, Finanzierungen flexibler werden und humanitäre Hilfe, EZA und Friedensförderung enger zusammengedacht werden, so Brunmayr.
Solche Reformen können fehlende Mittel jedoch nicht einfach ersetzen. Trimmel betonte, dass unabhängig von der Finanzierungsform entscheidend bleibt, woher die Mittel letztendlich kommen. Mehr lokale Verantwortung dürfe daher nicht heißen, Aufgaben nach unten weiterzureichen, während Ressourcen oben verschwinden. Wenn lokale Akteur*innen mehr Verantwortung übernehmen sollen, brauchen sie auch verlässliche Finanzierung, Mitsprache und institutionelle Unterstützung.
Eine Krise der Solidarität.
Die Diskussion um „Aid in Crisis“ beleuchtet damit mehr als nur eine budgetäre Schieflage. Sie stellt die tiefere Frage, welchen Stellenwert internationale Solidarität hat. Gerade auch in der jetzigen Zeit, in der globale Krisen zunehmen, aber politische Antworten wieder stärker national, sicherheitsorientiert und machtpolitisch gedacht werden.
Für Österreich bedeutet das eine unbequeme Bestandsaufnahme. Die ODA-Quote sinkt, weitere Kürzungen sind absehbar, und die österreichische Unterstützung für Länder des globalen Südens wird von einem ohnehin niedrigen Niveau aus gekürzt. Gleichzeitig machen die Klimakrise, gewaltsame Konflikte, Ernährungskrisen und globale Ungleichheiten internationale Kooperation dringlicher, und nicht weniger relevant.
Entscheidend ist daher auch, von welcher gesellschaftlichen Erzählung humanitäre Hilfe und EZA getragen wird. Humanitäre Hilfe ist nicht nur von Krisen und Defiziten geprägt: Sie hat Menschenleben gerettet und Verantwortung in konkretes Handeln übersetzt. Umso wichtiger ist ihre politische Deutung: Wird sie als freiwilliger Zusatz verstanden, der in Krisenzeiten gestrichen werden kann? Oder als Teil globaler Verantwortung in einer verflochtenen Welt? Die Antwort darauf bestimmt mit, ob „Aid in Crisis“ eine vorübergehende Finanzierungskrise bleibt, oder zu einem dauerhaften Bruch im Verständnis internationaler Solidarität wird.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
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