Entwicklungsforschung ist ein Feld der Widersprüche. Antworten auf die
Frage, was Entwicklungsforschung ist, fallen sehr unterschiedlich aus.
Der Autor beschreibt Entwicklungsforschung als umkämpftes Terrain.
Erklärungen für und Definitionen von Entwicklungsforschung unterscheiden sich je nach wissenschaftstheoretischer Position und politischem Hintergrund. Entwicklungsforschung zu definieren ist daher nicht einfach. Dies lässt sich an einem x-beliebigen Definitionsversuch aufzeigen, etwa wenn man die Enzyklopädie Wikipedia dazu befragt. Der dortige Eintrag zu Entwicklungsforschung definiert diese wie folgt:
"Unter Entwicklungsforschung ist die wissenschaftliche Beschäftigung mit den Ursachen, Aspekten, Kennzeichen und Folgen von Entwicklung und Unterentwicklung zu verstehen. Mit dem aus ihr resultierenden Erkenntnisgewinn soll ein Beitrag zum Verständnis der Probleme von Entwicklungsländern und zu deren Lösung geleistet werden."
An einer solchen Definition hängt ein Rattenschwanz an weiteren Fragen: Was ist Entwicklung? Was ist Unterentwicklung? Was sind "Probleme der Entwicklungsländer"? Was sind überhaupt Entwicklungsländer? Ist nicht jedes Land ein Entwicklungsland?
Von Entwicklungsforschung in einem engeren Sinn ist die Rede, seit von Entwicklung in einem engeren Sinn die Rede ist. Dies ist seit dem Vier-Punkte-Programm des US-Präsidenten Truman von 1949 der Fall. Seit damals wurde eine Reihe von Entwicklungstheorien erarbeitet, standen in Konkurrenz zueinander, haben einander abgelöst.
Große Theorien
Als "große Theorien" der Zeit bis in die 1980er Jahre standen einander die Modernisierungstheorien und die Dependenztheorien gegenüber. Im aktuellen Diskurs zu Entwicklungspolitik und Entwicklungszusammenarbeit wird wenig Bezug auf diese historischen Theorien genommen. Dies erzeugt den Eindruck als wären sie gleichermaßen überholt oder widerlegt. Aus Sicht einer Entwicklungsforschung, die dem aktuellen mainstream gegenüber kritisch eingestellt ist, wird dies allerdings in Frage gestellt.
Die Modernisierungstheorien feiern in verändertem Gewand ihre Auferstehung. Sie finden ihre Fortsetzung in Form der neoklassischen und liberalen Politikmuster, die zur Zeit den mainstream der Entwicklungspolitik bilden.
Aber auch die Dependenztheorien scheinen ihre Gültigkeit nicht verloren zu haben: Haben nicht viele Prozesse eigentlich deren Ansatz bestätigt? Gleichzeitig sind aber auch die historischen kritischen Theorien auf ihren Aktualitätsgehalt zu befragen: Welche Herangehensweiseist der aktuellen Lage der Welt angemessen? Was kann aus den Schwächen und Erklärungslücken der historischen Theorien gelernt werden?
Die offizielle Entwicklungsrhetorik unserer Tage greift nicht auf einen geschlossenen Corpus von Entwicklungstheorien zurück, sondern versucht, ihre Beschreibung der Welt als empirisch fundierte und damit einzig gültige darzustellen. Berichte der UNO, des UNDP oder der Weltbank befragen selten ihre eigene wissenschaftstheoretische Position und weltanschaulichen Grundannahmen, sondern sind bis zu einem gewissen Grad anschauliche Lehrbeispiele für Positivismus.
Der Positivismus ist jene wissenschaftstheoretische Strömung, die die Erkennbarkeit der Dinge über empirische Forschung postuliert. Die Person des Forschers oder der Forscherin, der "subjektive Faktor" spielt in der Vorstellung des Positivismus ebenso wenig eine Rolle wie der ideologische Hintergrund eines Forschungsvorhabens. "Entwicklung" wird im heute dominanten Verständnis von Entwicklungsforschung ethisch-normativ definiert, als Referenzpunkt dienen die vermeintlichen Errungenschaften der Industrieländer des Nordens. Aus dieser Sicht lässt sich die Welt in "entwickelt" und "unterentwickelt" einteilen.
Dies steht in Kontrast zu selbstreflexiven Theorien, die als Folgeprodukte der Postmoderne verstanden werden können:
Die Postmoderne kritisiert den Anspruch, jemand könne im Besitz von Wahrheit sein. Wahrheitsansprüche seien Herrschaftsansprüche und daher zu denunzieren. Gegen eine von oben oktroyierte Einheitlichkeit stellt sie Fragmentierung als einen positiven Wert. "Hybridität", also die Mélange als Strukturprinzip des Sozialen, wird zu einem Kernkonzept,
Diskursanalyse und Postkolonialismus hinterfragen jene Herrschaftsstrukturen, die in der Sprache selbst, aber auch in Denkmustern, Gewohnheiten und erst in weitere Folge in Institutionen ihre wichtigsten Instrumente finden. "Zentren" sind hier jene Personen, Organisationen und Orte, in denen definiert wird, wer oder was anderswo "unterentwickelt" ist, "fremd" bleibt, "subaltern" ist. Aus dieser Sicht lässt sich die Menschheit in jene einteilen, die anderen mangelnde "Entwicklung" zuschreiben und jene, denen dieser Zustand zugeschrieben wird.
Widersprüche in der Entwicklungsforschung
Wir haben es heute mit einer widersprüchlichen Situation zu tun: Einerseits stellt Entwicklungsforschung eine Disziplin dar, die so normativ und positivistisch arbeitet, als hätte es nie eine Wissenschaftskritik gegeben; andrerseits gibt es Entwicklungsforschung, die den Gegenstand ihrer Forschung, die Idee der "Entwicklung" selbst, hinterfragt, dekonstruiert und sich fallweise ihrer sogar entledigt. Dazwischen besteht ein breites Feld an Möglichkeiten, Entwicklung und die Diskurse darüber wie Praktiken der Entwicklung zu erforschen, in denen Normativität und Selbstreflexivität in unterschiedlichen Kombinationen anzutreffen sind.
Entwicklungsforschung ist ein kontrastreiches Feld. Die unterschiedlichen Ansätze scheinen nicht zusammen zu passen; es ist, als würden sie sich mit unterschiedlichen Welten befassen. Die Wissenschaftstheorie lehrt uns, dass Wissen eine Funktion hat, und zwar nicht nur eine Erkenntnisfunktion: Wer welches Wissen wann wo produziert, ist auch eine Funktion von Machtverhältnissen. Dies gilt auch für die Entwicklungsforschung. Aus diesem Grund ist es lohnend und spannend, sich mit Entwicklungsforschung zu beschäftigen.
Wenn Entwicklungsforschung als umkämpftes Terrain verstanden wird, dann lassen sich dort Bastionen und Positionen gewinnen, aber auch verlieren.