Clemens Pfeffer (Mattersburger Kreis) präsentierte gemeinsam mit Ilker Ataç (Uni Wien, Politikwissenschaften), Claudia Dal Bianco (Frauensolidarität) und Misa Krenceyova (Uni Wien, Afrikawissenschaften) am 17. März im Depot das neue Journal für Entwicklungspolitik (JEP) Rethinking Resistance in Development Studies.
Suche nach einer Definition
Eingeleitet wurde der Abend von Clemens Pfeffer, Schwerpunktredakteur dieses Bandes. In seinem Input thematisierte er die Breite des Begriffes „Widerstand“. Dieser werde von Medien für verschiedenste Phänomene verwendet, wie für den „Arabischen Frühling“, anti-kapitalistische Proteste, „Pussy Riot“ oder individuelle Frisuren.
Ebenso gebe es keine einheitliche Definition der Widerstandsforschung: Sie bezeichne Studien über Nationalsozialismus, anti-kolonialen Widerstand, sowie oppositionelle Aktivitäten von Jugendlichen in den 1970ern. Daher bestehe die Gefahr, dass der Begriff an theoretischer Relevanz verlieren werde, warnte Ilker Ataç.

Foto: Clemens Pfeffer, Claudia Dal Bianco, Misa Krenceyova, Ilker Ataç; © Monika Austaller.
Verschiedene Herangehensweisen werden praktisch angewandt
Die Vortragenden kommentierten ausgewählte Artikel aus dem JEP und diskutierten mit dem interessierten Publikum über offene Fragen und weitere Überlegungen. Pfeffer begann mit dem Artikel von Maria Markantonatou, die mithilfe der Theorie der doppelten Bewegung von Karl Polanyi die Austeritätspolitik in Griechenland analysierte. Widerständigen Gruppen bleibe für ihren eigenen Schutz vor Verelendung nichts anderes übrig, als Proteste und Streiks zu organisieren. Widerstand trage in dem Fall zur Resilienz bei: Es gehe um den Willen zu überleben, trotz der drastischen Folgen der Liberalisierungen.
Im zweiten Beitrag des JEP schrieb Tina Seppälä über ihre eigenen Erfahrungen. Sie ging als westliche Forscherin nach Indien, um dort widerständische Frauenbewegungen gegen Vertreibung und Landgrabbing zu untersuchen. Dafür wollte Seppäla Foucaults Konzept der Bio-Politik anwenden. Clemens Pfeffer schilderte, dass sie dort auf folgende Kritik durch die lokalen PartnerInnen stieß: Sie wende individualistische Konzepte an, richte den Blick auf Subjektivierung statt auf das Kollektiv und verhalte sich ignorant bezüglich der lokalen Theorieproduktion. „Bei der Widerstandsforschung geht es um eine Perspektive aus dem Globalen Süden, nicht darum, eigene Theoriekonzepte anzuwenden!“ resümierte Claudia Dal Bianco diese Kritik.
Der Politikwissenschaftler Ilker Ataç kommentierte den Artikel von Nicola Piper und Stefan Rother. Diese beschäftigten sich mit einer Bewegung für MigrantInnenrechte in Südostasien. Organisationen im Migrationsbereich seien außerordentlich stark vernetzt und kritisch gegenüber Diskursen der International Organization for Migration (IOM) und der International Labour Organization (ILO). Im Raum von Global Governance und Migration wenden Nationalstaaten und Organisationen mehrere Strategien an. Dabei werden auch unsichtbare Kämpfe ausgetragen und individuelle Taktiken angewandt, wie zum Beispiel das Verbrennen von Pässen. Widerstand wurzle in diesem Kontext in einem von unten erkämpften Wandel zu transformativer Gerechtigkeit.
Misa Krenceyova nahm sich des Beitrags von Daniel Bendix an und beschrieb die Situation deutscher EntwicklungsarbeiterInnen im Gesundheitswesen in Tansania. Einige Deutsche zweifelten am Projekt, da sie sich von TansanierInnen ausgenützt fühlten. Außerdem warfen sie den TansanierInnen vor, unverantwortlich gegenüber dem Gemeinwohl zu handeln und führten dies auf Mängel im Schulunterricht zurück. Das Konzept der kolonialen Macht sei immer noch wirksam, meinte Krenceyova. Die im Artikel beschriebenen TansanierInnen stellten das Entwicklungsparadigma an sich in Frage und seien daher widerständig, nach Definition des Widerstands als einen anti-imperialistischen, anti-kapitalistischen, anti-patriarchalen, anti-development Akt im Globalen Süden.
AktivistInnen selbst sprechen lassen
Claudia Dal Bianco von der Frauensolidarität griff diese Kritik auf. Sie betonte, dass JournalistInnen ihrer Organisation vermehrt Interviews mit widerständischen AktivistInnen aus dem Globalen Süden wortwörtlich veröffentlichen, um nicht „über“ sie zu schreiben, sondern ihnen selbst eine Stimme zu geben. „Wir wollen niemandem aus dem Globalen Süden theoretische Konzepte oder Ideale aufdrängen“ erklärte Dal Bianco „sondern unser Ziel ist es, eine Plattform zu bieten, um Menschen selbst sprechen zu lassen!“
Begriff ideologisch besetzen
In der abschließenden Diskussion wurden die verschiedenen Bedeutungen von Widerstand noch einmal deutlich: reflektierte Anfechtung von Herrschaftsverhältnissen, Resilienz, Wandel zu Gerechtigkeit oder ein anti-kapitalistischer Akt im postkolonialen Entwicklungsdiskurs?
Im Publikum Anwesende wünschten einen normativen Zugang zum Widerstandsbegriff. Widerstand sei historisch anti-reaktionär. SozialforscherInnen könnten und sollten die Definition analytisch besetzen und damit Bedeutungsverlust und Missbrauch des Wortes verhindern.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at
Weiterführende Links:
– Zum JEP „Widerstand und Entwicklungsforschung – Rethinking Resistance in Development Studies“: https://www.mattersburgerkreis.at/jep/20141.php