Warum wir nicht anders handeln, obwohl wir es besser wissen

Der Griff zum Autoschlüssel oder zum Schweinsbraten ist immer häufiger mit einem schlechten Gewissen verbunden. In Kenntnis um die Folgen wie Luftverpestung, Ressourcenverbrauch und Abholzung ist den meisten Menschen bewusst, dass Brokkoli und Rad nachhaltiger wären. Wissen und Handeln sind aber zwei verschiedene Paar Schuh. Warum Kultur bei diesen Überlegungen eine entscheidende Rolle spielt, davon handelt das Buch von Gabriele Sorgo.
Als eines der wenigen Bücher zum Thema Nachhaltigkeit, das ohne Zahlen auskomme, beschrieb Moderator Hans Holzinger von der Robert-Jungk-Bibliothek das im Zentrum des Abends stehende Werk von Herausgeberin Gabriele Sorgo. Holzinger wies gleich zu Beginn darauf hin, wie wenig im Bereich der Nachhaltigkeit bisher passiert sei und warnte davor, Politik und Unternehmen aus ihrer Pflicht zu entlassen. Die Verantwortung könne nicht nur auf die KonsumentInnen abgewälzt werden. Diese allerdings zeigten ihr Interesse am Thema und erschienen am 23.2.2012 dem strömenden Salzburger Regen trotzend zahlreich in den Räumlichkeiten der Bibliothek für Zukunftsfragen.

Mit dem Titel Die unsichtbare Dimension der Nachhaltigkeit. Bildung für nachhaltige Entwicklung im kulturellen Prozess will Sorgo auf die Lücke zwischen den Themenbereichen Nachhaltigkeit und Kultur aufmerksam machen. Zumindest im deutschsprachigen Raum fehle der kulturelle Blick in der Nachhaltigkeitsforschung, so die Kulturwissenschafterin. Denn von Menschen geschaffene Institutionen, die unseren Alltag und unser Handeln prägen, seien kulturell vorgegeben und somit auch veränderbar. So werde beispielsweise die Institution der Mahlzeit uns von klein auf mit bestimmten, kulturell unterschiedlichen Praktiken weitergegeben. Würde sich auch noch so viel in ländlichen Regionen ändern, als ordentliche Mahlzeit hätte der Schweinsbraten weiterhin überlebt. Auch der Supermarkt, als Subinstitution des Marktes, gebe Praktiken vor, die gar nicht mehr reflektiert würden. Umweltbildung solle sich mehr dafür interessieren, wie diese Institutionen funktionieren, um Änderungen herbeiführen zu können.

Das Spiel mit der KonsumentInnensouveränität

Dass Menschen nicht nur nach rein wirtschaftlichen Motiven ihre Einkäufe tätigen als homines economici , sondern Einkaufen immer auch mit Status und der gesellschaftlichen Positionierung zu tun hat, erkannte die englische Anthropologin Mary Douglas bereits in den 1970ern. Der Mensch kauft also nicht nur das, was er benötigt. Dennoch wurde und wird der/dem KonsumentIn auch weiterhin mehr und mehr Verantwortung übertragen, währenddessen Unternehmen sich aus dieser stehlen, indem sie sich darauf berufen, lediglich das zu produzieren, was gekauft wird. Dieser KonsumentInnensouveränität widersprach auch Pierre Bourdieu, der einen stählernen Käfig aus gesellschaftlichen Werten und sozialen Zuordnungen diagnostizierte, dem als Individuum nicht leicht zu entkommen sei.

Nachhaltiges Handeln als Einzelperson könne den Ausschluss aus der peer group bzw. der Referenzgruppe und somit ein Statusproblem und fehlende Anerkennung mit sich bringen, so Sorgo weiter. Zudem hätten US-amerikanische Studien in den 1970ern gezeigt, dass ohne Werbung, also dem künstlichen Hervorrufen von Bedürfnissen, gar nicht erst produziert werde und dass Werbeausgaben und Absatzzahlen in klarer Korrelation zueinander stünden.

Fehlende Kooperationen

Schade findet es Gabriele Sorgo, dass die Forschungsergebnisse von Douglas und Bourdieu keinen Eingang in die Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) fänden. Dabei wäre es für die BNE außerordentlich förderlich, würde sie sich vermehrt der strukturellen Ebene, dem kulturellen Erbe, den symbolischen Werten und ästhetischen Prinzipien widmen, bevor sie auf die Handlungsperspektiven einginge. Diese lieferten starke innere Motivationen zum nachhaltigen Handeln, die mit Freude verbunden seien und durch Belohnungen verstärkt werden könnten. Denn bekanntermaßen ist es ja keineswegs Unwissenheit, die die Menschen vom richtigen Handeln abhält.  

Vom Verzicht zu neuen belohnenden Routinen

Es sind vielmehr eingefleischte Routinen, die wir nicht mehr reflektieren, sondern die uns bereits natürlich erscheinen, unser Denken und Agieren bestimmen, eben beinahe unsichtbar wirken.  Sorgo plädierte für mehr Aufmerksamkeit in der BNE auf genau diese kulturell definierten Alltagspraktiken, die es neu zu gestalten und einzuüben gelte, sowie auf eine verstärkte Markt- und Gesellschaftskritik, die ihrer Meinung nach zu kurz käme. Nachhaltigkeit dürfe weder als autoritäre Ideologie noch als kulturelles Sparprogramm verstanden werden, bei dem der Verzicht im Mittelpunkt stünde. Um dem in ihren Augen zu individualistischen Verzichts-Diskurs der BNE entgegenzuwirken, müsse Kultur richtig eingesetzt werden. Es bedürfe der Veränderung politischer Strukturen; auch eine politische Bildung, bei der es um das Gestalten gehe, müsse sich mehr einschalten. Die materielle Verzichtsschiene solle gegen immaterielle Belohnung wie die anstrengende aber lohnende Praktik des Selbermachens eingetauscht werden. Ziel müsse demnach sein, dass die vorrangige Nutzung von um beim eingangs erwähnten Beispiel zu bleiben Fahrrad und Brokkoli zu einer gesellschaftlich anerkannten Routine werden.

Die abschließende Diskussion brachte eine Bandbreite von Beispielen und Fragen zu nachhaltigem Handeln: War das Projekt von Starkoch Jamie Oliver, gesundes Essen in Schulen für Unterschichtskinder zu kochen, ein reiner Werbegag, ein guter Versuch oder von vornherein zum Scheitern verurteilt? Sind Bioprodukte in den Supermärkten nur ein schwindendes Segment, das im Endeffekt unter den gleichen Bedingungen produziert wird wie andere Produkte oder ein Hoffnungsfunke, dass auf sich ändernde Lebensverhältnisse reagiert wird? Sollen Parkplätze reduziert oder die intrinsische Motivation zum Radfahren, wie z.B. durch Vorbildwirkung eines radfahrenden Salzburger Bürgermeisters, gefördert werden?

Wer jedenfalls an diesem Abend mit einem von all diesen Fragen überhitzten Kopf auf zwei Rädern nach Hause rollte, der wurde recht rasch vom weiterhin beständigen Regen abgekühlt.

Eine Rezension des Buches von Gabriele Sorgo finden Sie auf der Homepage der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen.

Die Autorin studierte Kultur- und Sozialanthropologie sowie Portugiesisch und ist eine ehemalige Mitarbeiterin des Paulo Freire Zentrums.

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Veröffentlicht in Entwicklungsforschung.