In einer vierteiligen Serie gibt der Autor einen Überblick über sechs
Jahrzehnte internationaler Entwicklung. Teil II: Die erste und die zweite Entwicklungsdekade.
Die zweite Entwicklungsdekade der 1970er Jahre erlebt nur unzureichende Erfolge: der Übergang von der leichten zur schweren Phase der ISI gelingt nicht, das Wachstum führt zu wachsender Heterogenisierung, die nachholende Demokratisierung bleibt aus. Dies führt zusammen mit dem zunehmenden Einfluss der Sowjetunion und der VR China in arabischen und afrikanischen Ländern zu einem doppelten Paradigmenwechsel. Die lateinamerikanische Dependenztheorie thematisiert erneut die strukturellen Faktoren des kolonialen Erbes und der weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Die alte Prebisch/Singer-These lebt wieder auf. Die geänderten Mehrheitsverhältnisse in der UNO als Folge der Entkolonialisierung und die erfolgreiche OPEC-Strategie, über eine Kartellpolitik die Renteneinnahmen aus dem Ölsektor zu erhöhen, führen zur Forderung nach einer strukturellen Veränderung der weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen.
Externe Umverteilung versus interne Umverteilung
Angeführt von der Gruppe der 77 stehen unter dem Begriff "Neue Weltwirtschaftsordnung" (NWO) die externe Umverteilung über Erhöhung und Stabilisierung der Rohstoffrenten, die Steigerung der Entwicklungshilfe und der Abbau des Protektionismus der Industrieländer auf der Agenda. Forum dieser Forderungen ist die UNCTAD.
Dagegen stellt die Weltbank seit 1973, maßgeblich initiiert durch ihren neuen Präsidenten Robert McNamara und flankiert durch Internationale Arbeitsorganisation (ILO) und Welternährungsorganisation (FAO), ihr Konzept der internen Umverteilung. Agrarreformen, Grundbedürfnis-, Beschäftigungs- und Armutsorientierung, der Einsatz angepasster Technologien und die Ausweitung und Umwidmung der Finanzhilfe soll die Produktivität der Armen steigern. "Umverteilung mit Wachstum" lautet die neue, angebotsorientierte Devise. Die 1980er Jahre sind zugleich die Hochphase der langfristig angelegten Projekthilfe, wobei die Projekte Modellcharakter reklamieren und breit wirken sollen.
Die Grenzen des Wachstums
Während die Forderungen nach einer NWO auf den Widerstand des Nordens treffen, was 1981 auf dem Gipfel von Cancun zum Ende der NWO-Perspektive führt, verweigern die Eliten des Südens die neue Armutsstrategie. Die durch den Club of Rome angestoßene Diskussion über "die Grenzen des Wachstums" eröffnet ein neues Thema, das auch die entwicklungspolitische Diskussion betrifft und zum Konzept des nachhaltigen Wachstums führt. Die Arbeiten von Bela Balassa, der die Industrialisierungserfolge der asiatischen Schwellenländer theoretisch reflektiert, stellen die staatliche Rahmenplanung in Frage und bereiten dazu konträr die Renaissance des neoliberalen Paradigmas vor. Dieser Paradigmenstreit wird selbst innerhalb der Weltbank ausgetragen, denn grundlegende Arbeiten zum Basic Needs-Ansatz (von Paul Streeten u.a.) entstehen parallel zu den Forschungen von Balassa.
Neoliberalismus wird Mainstream
Die dritte Entwicklungsdekade der 1980er Jahre erlebt die Heterogenität der Ansätze durch die Konkurrenz dreier Paradigmen. Die NWO-Strategie ist politisch gegenüber dem Norden nicht mehr durchsetzbar. Der Entwicklungskeynesianismus gerät in die Defensive, da der durch Bhagwati, Balassa, Krüger u.a. wiederbelebte Neoliberalismus auf allen Feldern, also auch in der Entwicklungsökonomie, zum neuen Mainstream wird. Weltbank und Weltwährungsfonds sorgen für die Durchsetzung des neoliberalen Ansatzes, der zum Washington-Konsens führt. Statt grundbedürfnisorientierter Projekthilfe geht es seitdem unter den Stichworten Strukturanpassung, Deregulierung und Privatisierung um die Änderung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen auf Kosten der Armen. Rückzug des Staates und erneute interne Umverteilung zugunsten der Wohlhabenden sollen die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Entwicklungsländer steigern und ein weltmarktgeleitetes Wachstum nach Maßgabe komparativer Vorteile einleiten. Ins Visier der Neoliberalen gerät aber auch die Rentenorientierung (Rentseeking) der Staatsklassen. Das neue Motto lautet "Entwicklung durch Außenhandel".
Schuldenkrise und Plaza-Akkord
Nachdruck verliehen hat diesem neuerlichen Strategiewechsel die Schuldenkrise seit 1982. Hintergrund waren die anlagesuchenden und von den internationalen Banken recycelten Petrodollars, die vor allem an lateinamerikanische Schwellenländer ausgeliehen wurden, dort aber nicht produktiv absorbiert werden konnten. Hintergrund war aber auch der Plaza-Akkord von 1985, der als Auftakt der Globalisierung gewertet wird. Die damalige Neuordnung des internationalen Wechselkursgefüges setzte ungeheure Kapitalströme als Folge der Handelsbilanzungleichgewichte wichtiger weltwirtschaftlicher Akteure in Gang und forcierte den internationalen Wettbewerb und die internationale Standortkonkurrenz.
Konträr dazu steht die Fortsetzung der Diskussion um die Grenzen des Wachstums, die ein ungehemmtes Wachstum, sei es binnenmarkt- oder weltmarktinduziert, sei es an Grundbedürfnissen oder an Industrialisierungserfordernissen orientiert, grundsätzlich in Frage stellt. Sie setzt stattdessen auf Nullwachstum, kontrolliertes Wachstum oder zumindest nachhaltiges Wachstum. Alternativ diskutiert werden Konsumverzicht in der radikalen Variante oder der Einsatz von Wissenschaft und Technik, um die Engpässe bei Rohstoffen, Energie und Agrarprodukten zu beheben. Die Vorstellung einer Wachstumsbegrenzung trifft im Süden auf heftige Ablehnung, da diese als neuer Versuch des Nordens gewertet wird, das Entwicklungsgefälle zu zementieren.
Global Governance
Ein Versuch, die widerstrebenden Interessen zu versöhnen, sind die Weltberichte der 1980er Jahre. Auf Initiative von "elder statesmen" wie McNamara, Brandt, Palme, Brundlandt, Nyerere u.a. werden unter dem Stichwort "global governance" Kompromisslinien gesucht, die auf der Basis eines "gemeinsamen Interesses" der ungleichen Partner den umweltpolitischen, friedenspolitischen und entwicklungspolitischen Gesichtspunkten gleichermaßen Rechnung tragen wollen. Dieser idealistische und multilaterale Ansatz stößt aber auf die Grenzen des nationalen Eigeninteresses insbesondere der großen internationalen Akteure, neben den USA sind damit die "BRICs" (Brasilien, Russland, Indien, China) gemeint.
Lesen Sie in Teil III der Serie am 6. Juni 2007: Vom verlorenen Jahrzehnt zur Krisendekade.
Der Autor ist Universitätsprofessor am Institut für Sozialwissenschaften der Technischen Universität Braunschweig.