
Der 2012 erschienene Band „Ökonomie der internationalen Entwicklung. Eine kritische Einführung in die Volkswirtschaftslehre“ aus der Reihe Gesellschaft – Entwicklung – Politik (GEP) des Mattersburger Kreises für Entwicklungspolitik befasst sich mit den Grundzügen der Volkswirtschaft und beleuchtet diese aus der Perspektive der drei Paradigmen Neoklassik, Keynesianismus und politische Ökonomie.Den Großteil des Buchs haben Johannes Jäger und Elisabeth Springler verfasst, von elf weiteren AutorInnen wurden Vertiefungstexte beigesteuert. Das selbsterklärte Ziel des Bandes ist es, eine „kritische – und möglichst verständliche – Einführung in ökonomisches Denken“ (S. 8) zu bieten. Er zeichnet sich durch einen multiparadigmatischen Zugang aus, der neben der Neoklassik auch die weniger dominanten volkswirtschaftlichen Ansätze des Keynesianismus und der politischen Ökonomie beachtet.
Multiparadigmatisch und problemorientiert
Das Buch ist in zwei Abschnitte mit insgesamt sieben Kapiteln gegliedert. Der erste Teil erläutert die wissenschaftstheoretischen Grundlagen der verschiedenen Ansätze, schildert die Entstehung der Ökonomie als Problemfeld und Disziplin und legt die elementaren Konzepte der behandelten Paradigmen Neoklassik, Keynesianismus und politische Ökonomie dar. Der zweite Teil stellt diese anhand bestimmter Themenfelder gegenüber. Das Kapitel zu Staat, Gesellschaft und Wirtschaft befasst sich mit der Rolle des Staates in ökonomischen Prozessen. Der folgende Teil setzt sich damit auseinander, wie und ob Wachstum zum Zweck der Wohlstandsmehrung erreicht werden kann und soll und welche Erklärungen die Paradigmen für Krisen haben. Im anschließenden Kapitel werden Verteilungsgerechtigkeit und diesbezügliche Eingriffe durch den Staat thematisiert. Nach einem Abschnitt über Geld- und Finanzmarktpolitik befasst sich das letzte Kapitel mit globalen wirtschaftlichen Beziehungen und wie Ungleichheiten geographisch verteilt sind.
Die kurzen Einleitungen zu Beginn jedes Kapitels bieten eine Orientierung und am Ende eines thematischen Abschnittes werden die wichtigsten Punkte knapp resümiert. Der Grundstruktur des vorangehenden GEP-Bandes folgend, finden sich am Ende der Kapitel Reflexionsfragen, mit denen das Gelesene wiederholt werden kann. Zwischen den Abschnitten gibt es kurze Exkurse mit spezifischen Themenbezügen, die meist ebenfalls aus den Perspektiven der drei Denkweisen betrachtet werden. Die Abfolge von Neoklassik, anschließend Keynesianismus und zuletzt politische Ökonomie ist nicht wertend, sondern mit den Bezügen der Paradigmen aufeinander logisch begründet. Diese aufbauende Anordnung erweist sich fast immer als sinnvoll, manchmal sind dadurch jedoch Vorgriffe nötig, die verwirren können.
Das Buch bietet eine hohe Konzentration an Informationen, dem Anspruch der Verständlichkeit wird es allerdings dabei nicht immer gerecht. Das Begreifen von wirtschaftlichen Zusammenhängen erweist sich als schwierig, wenn das Verständnis für mathematische Modelle fehlt – das in diesem Band vorausgesetzt und nicht eingehender erläutert wird.
Eine Einführung?
An einigen Stellen gehen die Konzepte für eine Einführung zu tief ins Detail. Abstraktion und Erklärungen in einfacheren Worten wären dort wünschenswert. Zur vermeintlichen Erläuterung werden zu viele Termini genannt, auf die jedoch nicht weiter eingegangen wird. Verweise auf eine im Buch an anderer Stelle genannte Definition fehlen öfters. Auch wenn dies nicht der üblichen Struktur der GEP-Bände entspricht, wäre hier, da es sich um ein Lehr- und Lernbuch handelt, ein Verzeichnis der wichtigsten Konzepte mit Angabe der Seitenzahlen zum Nachschlagen wünschenswert gewesen.
Weiters ist der Schreibstil der AutorInnen unterschiedlich, wodurch sich manche Kapitel auf Grund der Satzkonstruktionen und Vokabularauswahl schwieriger lesen als andere. Etwas störend ist die uneinheitliche Handhabe kontroverser Begrifflichkeiten. So wird von „westlichen“ Nationen, „Entwicklungs-“ bzw. „Industrieländern“ gesprochen oder die Nord-Süd-Dichotomie genannt, je nach Abschnitt mit oder ohne Anführungszeichen. Da das Buch allerdings einen kritischen Anspruch hat, sollte die Terminologie hier einheitlich sein oder/und fragliche Begriffe geklärt werden.
Nach der Lektüre bleibt festzustellen, dass die angekündigte internationale Dimension zu kurz kommt, da die Analysen zumeist auf nationaler Ebene stattfinden. Daher ist auch unklar, worauf sich der Titel „Ökonomie der internationalen Entwicklung“ bezieht. Thematiken der Entwicklungsökonomie sind zwar in den Themenfeldern implizit enthalten (z.B. im Abschnitt zu Wachstum), auf den Entwicklungsbegriff als solchen wird aber nur im letzten Kapitel eingegangen.
Fazit – nicht einfach, aber informativ
Das Buch ist größtenteils ansprechend geschrieben und die problem- statt disziplinorientierte Sicht durch die Behandlung der Paradigmen anhand der verschiedenen Themenfelder erweist sich als sinnvoll, um das Wissen über Ökonomie, v.a. heterodoxe Zugänge zu dieser, zu vertiefen. Dem Anspruch, die Ansätze einer „breiteren Öffentlichkeit zugänglich“ (Buchrücken) zu machen, wird es jedoch nicht ganz gerecht und ist somit als Einstieg eher nicht geeignet. Positiv zu bemerken ist, dass es alternativen Zugängen abseits des in der universitären Lehre und der Öffentlichkeit allgegenwärtigen neoklassischen bzw. neoliberalen Mainstreams Raum gibt. Daher bleibt zu hoffen, dass es vor allem in der von diesen Strömungen geprägten Lehre rezipiert wird.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum und studiert Internationale Entwicklung an der Universität Wien. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Jäger, Johannes / Springler, Elisabeth (Hg., 2012): Ökonomie der internationalen Entwicklung. Eine kritische Einführung in die Volkswirtschaftslehre. Wien: Mandelbaum Verlag. ISBN: 978385476-386-4.