Vielfalt erkennen – Vielfalt schätzen lernen

Am 10. April 2013 fanden sich ca. 90 Interessierte in der Aula am Campus der Universität Wien zur Tagung „Migration(en) im Schulbuch“ ein, um sich die Ergebnisse des zwei Jahre zuvor angelaufenen Sparkling Science-Projektes anzuhören. Wissenschafterinnen des Ludwig Boltzmann Instituts untersuchten gemeinsam mit SchülerInnen und LehrerInnen Schulbücher auf die dort zu findenden Migrationsnarrative.


Migration – Hat (nichts) mit mir zu tun?

Schnell wurde deutlich, dass Migration dort oft defizitorientiert behandelt und negativ konnotiert, etwa in Verbindung mit Flucht und Bedrohung, dargestellt wird. Auch die Verbindung von Migration und Bildung erfolgt zumeist als Problemdiskurs mit dem Fokus auf die fehlende deutsche Sprachkompetenz. Das Ziel des Projektes war es, diese Implikationen zu analysieren und die österreichische Geschichte als Migrationsgeschichte zu verstehen, da sie nicht ausschließlich Menschen mit Migrationshintergrund betrifft, sondern Teil des Alltags aller ist.

Nach einer kurzen Begrüßung folgte ein Vortrag von Barbara Christophe vom Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung Braunschweig. Im Zuge einer Studie stellte sie fest, dass unter LehrerInnen eine große Unsicherheit bezüglich des alltäglichen und fachlichen Umgangs mit Migration herrscht. Sie würden oft für „fehlende Integration“ schuldig gemacht, müssten aber mit unklaren, teils widersprüchlichen Vorgaben arbeiten.

Migration als Problemdiskurs

Im Anschluss präsentierten Christa Markom und Heidemarie Weinhäupl vom Ludwig Boltzmann Institut das Projekt: Mit Hilfe von Inhalts-, Bild- und Diskursanalyse wurden 50 Schulbücher der Fächer Deutsch, Geschichte, Geographie und Wirtschaftskunde, die in den teilnehmenden Klassen verwendet werden, untersucht. Sie stellten fest, dass Migration meist nur am Rande thematisiert wird und Begriffe nicht ausreichend definiert werden. Oft findet sich die Beschreibung von Migration und Integration als Herausforderung in der heutigen Zeit.

Vor allem auf der Bild-, aber auch auf der Textebene wird Migration häufig mit dem Islam gleichgesetzt. Die Nützlichkeit oder Notwendigkeit von Einwanderung spielt kaum eine Rolle. In der Geschichtsvermittlung konzentrieren sich viele Bücher auf die absoluten Zahlen von Zuwanderung („Einwanderflut“), wobei Weiter- oder Rückwanderungen unerwähnt bleiben, Diskriminierung oder Rassismus in Bezug auf Migration kaum thematisiert und auch die österreichische Auswanderung vernachlässigt wird. Es gab jedoch auch einige positive Beispiele für die Behandlung des Themas, wie von den Vortragenden mehrfach betont wurde.

Begrenzte Möglichkeiten

In der folgenden Podiumsdiskussion war die Frage zentral, inwiefern Schulbücher für die Auseinandersetzung mit dem Thema Migration verwendet werden und wie es im Unterricht am besten vermittelt werden könne. Der Forderung nach der Implementierung von Migration als Querschnittsthema stellte Sonja Hinteregger-Euller vom Unterrichtsministerium entgegen, dass der Anspruch an Unterrichtsmaterialien überzogen sei und die Verantwortung der Unterrichtsgestaltung bei den LehrerInnen läge. Barbara Wiesinger vom westermann-Verlag wies ergänzend darauf hin, dass Schulbücher nicht schwerpunktorientiert gestaltet werden, sondern die vorrangige Anforderung die Umsetzung des Lehrplanes sei. Durch die Lehrplanbindung und Zeitdruck seien Innovationen auf dem Schulbuchmarkt schwierig, so Christophe. Natalie Badstuber, Schülerin der sechsten Klasse des Christian-Doppler-Gymnasiums, bemängelte, dass bei der Behandlung von Migration in „Zusatzkasterln“ das Menschliche verloren gehe und forderte mehr Raum für Workshops und Diskussionen, um Klischeebilder reflektieren zu können.

Im Laufe der Diskussion kristallisierte sich die Forderung nach dem Einbezug gesellschaftlicher Debatten zu Migration heraus. Auch müsse die Vielfalt von Positionen zum Thema dargestellt werden, also auch Migration als Chance und „Normalfall in einer globalisierten Welt“ (Herbert Pichler, Lehrer einer berufsbegleitenden höheren Schule). Dies bedeute, Realitäten abzubilden statt Klischees zu bedienen. Weiters müsse sich die Kompetenzorientierung weg von Deutsch zur Mehrsprachigkeit bewegen.

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v.l.n.r.: Sonja Hinteregger-Euller, Barbara N. Wiesinger, Barbara Christophe, Christiane Hintermann (Moderation), Herbert Pichler, Natalie Badstuber; Foto: Johanna Rodehau-Noack

Der Umgang mit Vielfalt in der Schule

Die zweite Hälfte der Tagung stand unter dem Thema „Vielfalt und Diskriminierung im Schulunterricht“ und begann mit einem Input von Barbara Herzog-Punzenberger vom Bundesinstitut für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung (BIFIE) Salzburg. Sie präsentierte Statistiken zum Migrationshintergrund von SchülerInnen mit dem Fokus auf deren Sprachlichkeit. Diese zeigten, dass eine Selektion stattfindet und das sozioökonomische Umfeld, das oft verbunden mit – wenn auch nicht determiniert durch – Migration ist, in Österreich immer noch ausschlaggebend für den Bildungsweg ist.

Die anschließende Podiumsdiskussion zeigte, dass kulturelle Vielfalt zwar der Normalfall an österreichischen Schulen ist, aber problematisch sein kann. So stellten die Diskutierenden fest, dass mehr Zeit und Ressourcen für die Auseinandersetzung mit Migration und Diskriminierung nötig seien. Hikmet Kayahan, Konfliktmanager an Schulen, fasste dies treffend zusammen: „Migration und kulturelle Vielfalt müssen zum Thema gemacht werden, damit sie nicht mehr Thema sein müssen“.

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v.l.n.r.: Dominic Runge, Paul Donner, Barbara Herzog-Punzenberger, Hikmet Kayahan, Veronika Richter, Schaima Ali; Foto: Johanna Rodehau-Noack

Nach der Diskussion fand die sehr interessante und anregende Veranstaltung ihr Ende. Besonders positiv hervorzuheben ist, dass sowohl LehrerInnen als auch SchülerInnen in das Projekt und die Tagung einbezogen wurden. Gefehlt haben hingegen Stellungnahmen der betreffenden SchulbuchautorInnen. Die Ergebnisse der Schulbuchstudie wurden jedoch an die jeweiligen Verlage weitergegeben und lassen hoffen, dass sie als Anregung verstanden und entsprechend umgesetzt werden.

Weitere Informationen zum Projekt „Migration(en) im Schulbuch“ finden Sie hier.

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum und studiert Internationale Entwicklung an der Universität Wien. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Veröffentlicht in Entwicklungsforschung.