„Ungleiche Vielfalt“ trifft IE

„Entwicklung“ in Wien? Gerald Faschingeder und Sebastian Howorka eröffneten am 10. Oktober 2012 die Veranstaltungsreihe „ie.talks“ und stellten das Projekt „Ungleiche Vielfalt“ vor ein transdisziplinäres Forschungsvorhaben zum Thema Alltagsstrategien von Jugendlichen.Das Forschungsprojekt Vielfalt der Kulturen Ungleiche Stadt (kurz: Ungleiche Vielfalt) wurde durch das BMWF Programm Sparkling Science finanziert und von 2010 bis 2012 vom Paulo Freire Zentrum gemeinsam mit der Wirtschaftsuniversität Wien (WU), der Internationalen Entwicklung (IE), einer Kooperativen Mittelschule (KMS18) und einem Gymnasium (BG18) im 18. Wiener Bezirk durchgeführt. Wenn auch der Großteil des Projekts in Wien stattfand, bestand durch die Kooperation mit dem Istanbul Lisesi in Istanbul und der Aleksa Santic Hauptschule in Secanj (Vojvodina) eine internationale Dimension.

Freireanisches Forschungsdesign

Das Ziel des Projekts sei, so Gerald Faschingeder (Projektkoordinator, Paulo Freire Zentrum), kulturelle und sozioökonomische Dynamiken von Vielfalt und Ungleichheit in der Stadt zu erforschen. Ausgehend von der Frage wie gestalten Kinder und Jugendliche ihren Alltag? wurden Zusammenhänge zwischen individuellen Erfahrungen und Handlungen der SchülerInnen mit der Gesamtgesellschaft in Beziehung gesetzt und neue Handlungsspielräume aufgezeigt.

Freireanisch sei das Projekt insofern, als es neben der Bearbeitung theoretischer Fragestellungen auch Veränderung im Alltagsgeschehen der Schulen und -handeln der Jugendlichen erwirken wollte. Paulo Freire forderte schließlich die Ermächtigung der AkteurInnen zur aktiven Gestaltung ihrer Lebenszusammenhänge und eine Verbindung von Aktion und Reflexion, betonte Faschingeder. Weiters habe das Projekt im Sinne Freires Verbindungen zwischen lokalen und globalen Themen hergestellt und dialogisches Lernen zwischen Schule und Wissenschaft angestrebt.

„Niemand weiß alles und niemand weiß nichts“

Mit diesem Freire Zitat erläuterte Faschingeder den Grundgedanken von Transdisziplinarität im Projekt Ungleiche Vielfalt: SchülerInnen werden als ExpertInnen ihres Alltags zu ForscherInnen und bringen ihr Erfahrungswissen in den Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis ein. Dadurch werde ein tieferes Verständnis sozialer Realitäten und somit eine bessere Qualität von Forschung ermöglicht. Im Rahmen von Ungleiche Vielfalt sei Transdisziplinarität sowohl als Dialog zwischen wissenschaftlichen Disziplinen als auch zwischen Wissenschaft und Erfahrungswissen bzw. AkteurInnen aus der Praxis definiert (siehe Aktion & Reflexion Heft 2).

Faschingeder berichtete, dass SchülerInnen und StudentInnen in sogenannten Forschungslabs zuerst eine Einführung in Grundlagen des wissenschaftlichen Arbeitens erhielten und danach in kleinen Forschungsteams Themen aus ihrem Alltag wie Mobilität, Homosexualität, Geschlechterrollen oder Motivation in der Schule auswählten und gemeinsam bearbeiteten. Die Zusammenarbeit auf Augenhöhe, erzählte Faschingeder, sei in so unterschiedlichen Kontexten wie einem bürgerlichen Gymasium, einer Hauptschule, an der 98% der SchülerInnen nicht Deutsch als Muttersprache haben, einer türkischen Eliteschule und einer durchschnittlichen ländlichen Hauptschule in Serbien stets eine Herausforderung gewesen.

Forschungsergebnisse

Sebastian Howorka (Diplomand und Projektmitarbeiter, Paulo Freire Zentrum) stellte anschließend den theoretischen Hintergrund und die Forschungsergebnisse aus acht qualitativen Interviews vor. Das Projekt sei nach dem Soziologen Pierre Bourdieu von einem Zusammenhang zwischen sozioökonomischer Lage und Alltagspraxis der Jugendlichen ausgegangen. Diese Annahme wurde durch die Forschung klar bestätigt: Nicht zufällig waren Freizeitaktivitäten der BG- und KMS-SchülerInnen anders, legte Howorka dar. So gehörten etwa BG-SchülerInnen häufiger Vereinen an, während KMS-SchülerInnen eher nicht-organisierten Freizeitaktivitäten nachgingen, wie etwa in Einkaufszentren herumzuhängen oder im Käfig Fußball zu spielen. Neben ökonomischem Kapital waren auch Bourdieus Kategorien des sozialen Kapitals (z.B. Ressourcenpersonen, Freundeskreis) und kulturellen Kapitals (z.B. klassenspezifische Selbstverständlichkeiten, wie etwa Besuch der Tanzschule, und familiäre Förderung) maßgebend. BG-SchülerInnen sind besser mit verschiedenen Arten des Kapitals ausgestattet, erklärte Howorka.

Das Forschungsteam schlussfolgerte, dass Vielfalt in diesem Kontext eher im Sinne von Ungleichheit zu verstehen sei. Die Segmentierung in sogenannte communities berge tendenziell das Risiko von Angst und Vorurteilen sowie die Gefahr sozialer Fragmentierung. Andererseits biete Schule als Brücke gemeinsame Erfahrungen. Die Reflexion über gesellschaftliche Zusammenhänge sei jedenfalls tendenziell auf Widerstand gestoßen. Schließlich sei es nicht einfach, darüber nachzudenken, dass Privilegien nicht selbst erarbeitet wurden oder man weniger Chancen auf sozialen Aufstieg hat.

Diskussion

Der Dialog auf Augenhöhe war Thema der anschließenden von Kommentator Stefan Ossmann geleiteten Diskussion. Um diesen zu ermöglichen, hätten Schule und Universität ihren verinnerlichten Habitus, aufeinander herab- bzw. hinaufzuschauen, aufgeben müssen, so Faschingeder. Die SchülerInnen und StudentInnen mussten weiters die Bereitschaft entwickeln, von der Realität des anderen zu lernen.

Das Publikum auf der IE stellte die Verwendung des Begriffs Transdisziplinarität als Synthese zwischen Wissenschaft und Praxis sowie dessen Umsetzung unter Einbindung der SchülerInnen in Frage. Weiters äußerten sich einige Anwesende kritisch über die Verwendung der Begriffe Nationalkultur sowie des Migrationsdiskurses und orteten die Gefahr einer Reproduktion populistischer Diskurse. Die Vortragenden erklärten, sich auf jenen Diskurs bezogen zu haben, den sie vorgefunden hätten. Die Projektkoordinatoren mussten leider feststellen, dass dieser Diskurs ebenso wie die Ergebnisse der Studie großteils und eindeutig nicht überraschend waren.

Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Veröffentlicht in Entwicklungsforschung.