Ethnologische Museen stehen vor der Herausforderung, Ressourcen für anti-koloniale Forschung zu bewahren, dabei aber nicht rassistische Ideologien zu reproduzieren. Wie die ethnologischen Museen in Wien und Berlin mit kolonialen Kontinuitäten umgehen, war am 4. Dezember 2019 im C3 – Centrum für Internationale Entwicklung Thema.
Journalistin Vanessa Spanbauer (Fresh Magazin für Black Austrian Lifestyle) und Elisa Frei, Absolventin des Masterstudiengangs Internationale Entwicklung, sprachen über die von letzterer kürzlich veröffentlichte Masterarbeit mit dem Titel „Ethnologische Museen im 21. Jahrhundert. Eine vergleichende Fallstudie des Berliner Ethnologischen Museums im Humboldt-Forum und des Weltmuseums Wien in der Neuen Burg“. Die Studierende ging der Frage nach, wie die beiden Museen mit der kolonialen Vergangenheit der Einrichtungen umgehen und wie koloniale Aufarbeitung betrieben wird. Als Orte der Wissensvermittlung und Bildung kommt insbesondere ethnologischen Museen die Deutungshoheit bezüglich der Darstellung „des/der Fremden“ zu. Sie bestimmen welches Wissen über das Andere, sowie das Selbst geformt und verbreitet wird. Die Präsentation der eigenen und der fremden Geschichte erfolgt demnach durch gezielte Konstruktionen, die entscheiden, auf welche Art und Weise welche Geschichte(n) erzählt und zu welchem Zweck instrumentalisiert wird/werden.
Objekte und Narrative bleiben in europäischer Hand.
Seit den 1990er Jahren findet vermehrt eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus statt. Dennoch erkennt Frei einen entdeckungsgeschichtlichen Ansatz: Die Expansionsreisen werden verklärt als ein der objektiven Wissenschaft verpflichtetes Projekt betrachtet und, im Sinne eines wissenschaftlichen Anliegens, versucht, zu legitimieren. Somit erscheinen die Sammlungen und Ausstellungen der Objekte in Museen außerhalb eines kolonialen Kontextes. Dieser Argumentation folgend reproduzieren sich Machthierarchien. Anstelle einer Auseinandersetzung mit den Konzepten des ethnologischen Museums werden Strategien zum Erhalt des Status Quo entwickelt. So werden ethnologische Objekte häufig zu Kunst erklärt, welche als Teil des Weltkulturerbes keine*n eindeutige*n Besitzer*in kenne. Dadurch kommt es zu einer Verschleierung von Besitzansprüchen, ebenso wie von den historischen Zusammenhängen des Erwerbs der Ausstellungsstücke. Auch Rückgabeforderungen werden bis jetzt wenig beachtet. Damit bleiben nicht nur die Objekte in europäischer Hand, sondern auch die Gestaltungmacht über die Narrative, die sie begleiten.
Erste Schritte einer kritischen Auseinandersetzung.
Die Kritik an Darstellung und Weitergabe bestimmter Bilder der Kolonialgeschichte habe sich jedoch in den letzten Jahren intensiviert, so Frei. Der Druck der Öffentlichkeit auf ethnologische Museen ist gestiegen. Das liegt zum einen an kritischen Stimmen aus den Herkunftsländern der Ausstellungsstücke, sowie der zunehmend migrantischen Zivilgesellschaft, die sich nicht angemessen repräsentiert sieht. Zum anderen erlangen postkoloniale Studien mehr Aufmerksamkeit in wissenschaftlichen Auseinandersetzungen. Dementsprechend involvieren sowohl das Humboldt-Forum als auch das Weltmuseum Wien neue Methoden wie das transparente Darstellen der eigenen Kolonialgeschichte, das Prinzip der Multiperspektivität oder Provenienzforschung. Dies greife laut Frei aber noch immer zu kurz.
Wissen diversifizieren.
Sie betont, wie essenziell die Schaffung eines Bewusstseins für koloniale Gegenwarten ist. Kritisches Hinterfragen von westlichem Wissen und dem Zugang zu diesem ist dabei unerlässlich, um das altbekannte Muster „Europäer*innen reden über Andere“ aufzubrechen. Praktisch bedeutet das: Diese „Anderen“ müssen in die Wissensproduktion einbezogen werden. Die Museen sollten daher Menschen aus den ausgestellten Ländern einstellen oder eine Zusammenarbeit mit den entsprechenden Communities anstreben. Das Erreichen einer Diversität des Wissens muss für Bildungsstätten zentral werden, um eine umfangreichere Wirklichkeit abbilden zu können.
Kaum sichtbare Aufarbeitung kolonialer Themen.
Frei erwähnt in ihrer Arbeit Schwierigkeiten damit, in Wien Gruppen zu postkolonialer Kritik zu finden. Vanessa Spanbauer, die selbst der Schwarzen Community angehört, konnte dies widerlegen. So existieren diese Gruppen sehr wohl, nur fehlt es ihnen an medialer Präsenz. Die Community von Schwarzen Österreicher*innen hat großes Interesse an der Aufarbeitung kolonialer Themen und verfügt ebenso über ein breites Wissen darüber, nur erfolgt ihre Auseinandersetzung nicht in einem institutionellen, sondern einem künstlerischen Rahmen. Wieder wird deutlich, welches Wissen als legitim betrachtet und an die Öffentlichkeit weitergegeben wird und wem die Entscheidung darüber zufällt.
Museen als koloniale Orte und Orte kolonialer Vergangenheit bieten Chancen.
Festzuhalten ist, dass ethnologische Museen koloniale Orte und Orte kolonialer Vergangenheit sind, die weiterhin das Bild „des Anderen“ reproduzieren. Für die Museen ist es notwendig, sich dieser Kritik auszusetzen und verschiedenes Wissen sowie diverse Perspektiven in ihre Arbeit einzubeziehen. Die Angst vor Verlust der Macht und Deutungshoheit, sowie vor Reflexion und dem Aussetzen schmerzhafter Erfahrungen hindert jedoch daran. Nur so könnte aber eine adäquate Weitergabe von Wissen gewährleistet werden und auch eine (Weiter-)Bildung der Museen selbst erfolgen. Ansonsten führt Bildung in diesem Fall nur zu einer Reproduktion von Ungleichheiten.
Dieser Bericht entstand im Rahmen der Ringvorlesung “Bildung und ungleiche Entwicklung”, die Autorin studiert Internationale Entwicklung an der Uni Wien. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at
Foto: Art at Ethnologisches Museum © Multitude. Flickr. All creative commons license.