Städtische Mikroinitiativen werden europäisch

Aktive BewohnerInnen und lokale Initiativen aus 13 europäischen Städten wurden von 19. – 21. November 2010 nach Brüssel zur Urban Platform eingeladen, um sich auszutauschen, Ideen zu sammeln und gemeinsam über die großen Herausforderungen unserer Städte nachzudenken.

Unsere Städte werden von vielen Einzelpersonen, AktivistInnen, Initiativen, Organisationen und Institutionen gestaltet. Wie unsere Parks aussehen, wo Parkplätze gebaut werden und was im öffentlichen Raum stattfindet, basiert nicht nur auf Entscheidungen der öffentlichen Stadtplanung und der Magistrate. Auch die BewohnerInnen einer Stadt verleihen ihren Vorstellungen, Bedürfnissen und Überzeugungen Ausdruck im urbanen Raum.

Die Idee der Urban Platform

 CityMined3.kl.JPG
Eine Gruppe von AktivistInnen mit dem Namen City Mine(d) nahm die Aktivitäten von aktiven BewohnerInnen und kleinen Initiativen in der Stadt zum Ausgangspunkt für eine grenzüberschreitende Vernetzung von lokalen AkteurInnen auf der europäischen Ebene.

Ziel dieser Vernetzung war es einerseits zu zeigen, welch Vielfalt es an Auseinandersetzung mit städtischem Raum und Teilhabe an der Gestaltung von diesen Räumen gibt.

Die Vernetzung sollte diese Personen, ihre Ideen, ihr politisches Engagement und ihre Kreativität sichtbar für die europäische Öffentlichkeit machen. Für die Einbindung dieser Menschen, die normalerweise keinen Platz in europäischen Netzwerken finden, waren 13 PartnerInnen von City Mine(d) in verschiedenen Städten zuständig, die als lokale Drehscheibe und Brücke dienten.

Andererseits beschäftigte sich City Mine(d) und die 13 PartnerInnen im Rahmen dieser Vernetzungsaktivität, die sich über ein Jahr erstreckte, mit der Frage, wie Aktionen auf der lokalen Ebene mit den großen gesellschaftlichen Herausforderungen auf europäischer und globaler Ebene, wie Klimawandel, Wirtschafts- und Finanzkrise oder sozialem Zusammenhalt, zusammenhängen. Es ging also sowohl organisatorisch als auch thematisch um das Verbinden von globaler, europäischer und lokaler Ebene.

Wie hängt Urban Gardening mit alternativen Formen von Ernährung und Konsum zusammen, beschäftigen sich RadfahrerInneninitiativen auch mit Fragen der Mobilität und Klimaerwärmung und kann ein gemeinsames Essen im öffentlichen Raum von verschiedenen Personengruppen zu Solidarität und Demokratie in einer Stadt beitragen? Dies waren Fragen, die von den TeilnehmerInnen aufgeworfen wurden.

Was wurde konkret gemacht?



Die konkrete Bearbeitung dieser Ziele begann mit einer kollektiven Vorbereitungsphase mit Treffen in Brüssel und Ljubljana und einem gemeinsamen Aktionstag im Mai 2010 im öffentlichen Raum von Städten wie Amsterdam, Istanbul, Kopenhagen, Brüssel und Berlin. Während dieser Zeit hatten die PartnerInnen des Netzwerks die Aufgabe, lokale Mikroinitiativen zum großen Treffen in Brüssel im November 2010 einzuladen.

Ein breit gestreutes Programm

Von 19. – 21. November 2010 war es dann soweit. Über 30 Initiativen aus ganz Europa kamen nach Brüssel und hatten ihre Erfahrungen und Wünsche im Gepäck. Die Themen, die vertreten waren, erstreckten sich von Urban Gardening, über lokale Ökonomie, Recycling, Solidarität, Kampf um soziale Inklusion, neue Medien und Kunst. Die VertreterInnen aus Wien waren Elisabeth Ettmann und Djurica Nikolic vom Verein Im.Ausland.

Um den Zielen dieser Vernetzung gerecht zu werden, waren die drei Tage der Veranstaltung sehr unterschiedlich gestaltet und richteten sich jeweils an ein anderes Publikum. Freitagabend fand eine öffentliche Veranstaltung statt, bei der Michel Genet, Vorsitzender von Greenpeace Belgien, mit Jon Cruddas, lokaler Politiker aus London, und Janet Nkubana, Vorsitzende einer Organisation für Kunsthandwerk und Bildungsarbeit in Ruanda, über den Zusammenhang zwischen großen Herausforderungen wie Klimawandel, Solidarität und Demokratie und lokalen Initiativen diskutierte.

Am Samstag luden dann AktivistInnen aus Brüssel in ihre Wohnzimmer, um in kleinen Workshops jedem/jeder TeilnehmerIn die Möglichkeit zu geben, sich auszutauschen und ihre/seine Anliegen vorzubringen.

 CityMined2.kl.JPG
 City_Mined1.kl.JPG

Am Sonntag wurden die TeilnehmerInnen aktiv. Jede Initiative konnte eine Aktion vorschlagen und diese dann sogleich mit Personen aus ganz Europa vor Ort in Brüssel umsetzen. Es wurde getanzt, altes Plastik in Kunstobjekte umgewandelt und wir erkundeten die europäische Nachbarschaft in Brüssel und pflanzten Roggen auf dem Rasen am Place de Luxembourg vor dem europäischen Parlament.

Sichtbarkeit und gemeinsames Nachdenken

Es waren drei sehr aktive und vielfältige Tage in Brüssel, das lässt sich mit Bestimmtheit sagen. Ob die Ziele dieser Vernetzung erreicht wurden, eröffnet eine weit schwierigere Frage. Es war in jedem Fall ein wichtiger erster Schritt, ein Stück europäische Öffentlichkeit zu schaffen. Die institutionellen VertreterInnen der politischen Öffentlichkeit, also RepräsentantInnen der europäischen Kommission, des Parlaments oder der großen NGOs glänzten bei dieser Veranstaltung mit Abwesenheit. Ein Grund dafür ist sicherlich, dass es beinahe unmöglich scheint, Personen aus anderen Milieus mit Einladungen zu Veranstaltungen, die nicht ihrer Alltagspraxis, politischen Kultur und Sprache entsprechen, zu erreichen und zu motivieren. Die Schwelle, sich in einen von AktivistInnen gestalteten Raum oder überhaupt in das Wohnzimmer von BewohnerInnen, die Machtbeziehungen und Visionen von Europa und den Städten in Frage stellen, zu begeben, scheint unüberwindlich zu sein.

Das gemeinsame Nachdenken über die großen Herausforderungen unserer Gesellschaften wie der Klimawandel, demokratische Teilhabe und solidarische Formen von Arbeit, Wirtschaft und Wohlfahrt war in Ansätzen da, aber es fehlte die gemeinsame Vision. Auch die Auseinandersetzung mit der Rolle, die lokale Initiativen bei der Bearbeitung dieser Herausforderungen einnehmen könnten, fand wenig Platz. Die ersten Schritte der Annäherung und des Austausches brauchten Zeit und waren ein langsamer Prozess. Die Urban Platform bot jedoch Platz für die Vielfalt der Personen und Initiativen und erlaubte es ihnen, sich auf die Art und Weise einzubringen, wie es ihnen möglich ist und ihrer eigenen Arbeits- und Lebensrealität entspricht. Dies bestärkte viele dieser Personen in ihrem Tun und wirkte positiv auf ihr Selbstbewusstsein und die Motivation, weiterhin ihre Stadt zu verändern und die neu gewonnenen PartnerInnen und Kontakte zu pflegen.

Die Autorin hat Internationale Entwicklung studiert und ist Mitarbeiterin im Projekt „Ungleiche Vielfalt“ und „Social Polis„.

Veröffentlicht in Entwicklungsforschung.