Soziale Innovation wurde in den letzten Jahren zu einem wichtigen Schlagwort. Doch was beinhaltet der Begriff alles? Welche Entwicklungen haben sich in den letzten Jahren gezeigt? Diese und weitere Fragen wurden bei der Präsentation des Journals für Entwicklungspolitik zum Thema diskutiert.
Anlässlich zweier Buchvorstellungen lud der Mattersburger Kreis am 29. Jänner 2018 in die ÖGB Fachbuchhandlung ein, um zum Thema „Soziale Innovationen“ zu diskutieren. Vorgestellt wurde das Schwerpunktheft des Journals für Entwicklungspolitik zu diesem Thema: „Social Innovation and Transformation of Welfare States“ (Schwerpunktredaktion: Bernhard Leubolt, Carla Weinzierl, 2017) sowie das Buch „Neu! Besser! Billiger“ Soziale Innovationen als leere Versprechen.“ (Hg: Katharina Meichenitsch/Michaela Neumayr/Manuel Schenk, 2016). Die beiden MitherausgeberInnen Katharina Meichenitsch (Diakonie) und Bernhard Leubolt (Universität Leuven) gaben unter der Moderation von Carla Weinzierl (attac, JEP-Redaktion) Einblick in die Themen der jeweiligen Bücher.
Was können soziale Innovationen sein?
Zu Beginn gab Leubolt einen Überblick über die historische Begriffsgeschichte sozialer Innovationen und ihre uneindeutige Begriffsklärung. Soziale Innovationen seien ein „quasi-Konzept“, es gebe keine einheitliche Definition, die sich über die Jahrzehnte manifestiert hätte.
Er berief sich auf zwei wichtige Definitionen: Das sei zum einen die Begriffsklärung der „Joung Foundation“, die soziale Innovationen als ein „Phänomen ohne fixe Grenzen“ betrachte. Dieses könne es überall geben und sei nicht an bestimmte Sektoren gebunden, wenn auch Schwerpunkte festzustellen seien, wie beispielsweise der Gesundheitssektor. Zum anderen sei die Definition der Europäischen Kommission hervorzuheben, die soziale Innovationen insbesondere mit neuen Ideen und Modellen verknüpfe, die auch soziale Bedürfnisse erfüllen und soziale Beziehungen stärken sollen. Trotz der schwammigen Begriffsklärungen sei das Themenfeld rund um soziale Innovationen durchaus kein neues Phänomen.
Vor allem im 19. Jahrhundert sei das Konzept verstärkt in den Vordergrund getreten. Damals sei dies meist mit sozialen und linken Bewegungen verknüpft gewesen, die durch antiautoritäre, demokratische und emanzipatorische Prinzipien geprägt waren. Heutzutage hätten in das Konzept der sozialen Innovationen zunehmend neoliberale Formen Einzug gefunden, während gleichzeitig die in den 1980er Jahren entstandene sozial-ökologische Bewegung noch stark vertreten sei. Da der Staat zunehmend Einsparungen im Bereich der sozialen Innovationen vornehme, wäre die Rolle der Zivilgesellschaft und des sozialen Unternehmertums bedeutender geworden, „um die Probleme der Austeritätspolitik auszugleichen“, so Leubolt.
Bedingungen für die Praxis?
Kritische Literatur zu sozialen Innovationen sei kaum vorhanden, daher sei es das Ziel des Buches „Neu! Besser! Billiger“ gewesen, sich eingehender mit kritischen Aspekten auseinanderzusetzen, so Meichenitsch daraufhin. Dabei hätten sich fünf Thesen herausgestellt: Erstens seien die Definitionen des Begriffs sozialer Innovationen derartig unklar und offen, dass jede/jeder den Begriff für sich nutzen könne. Zweitens, hob Meichenitsch hervor, sei insbesondere die Qualität sozialer Innovationen wichtig. Es komme nicht immer auf die neuesten Innovationen an, der Wettbewerb müsse im sozialen Bereich im Hintergrund und die Qualität im Vordergrund stehen. Außerdem müssten die Ressourcen der MitarbeiterInnen in den praktischen Einrichtungen genutzt werden, also ihr praktisches Wissen, dass entscheidend für Verbesserungen und neue Entwicklungen sein könne. Gleichzeitig sollten Non-Profit-Organisationen als 3. Sektor weiter ausgedehnt werden, da diese ein wichtiger Einflussträger seien und das zivilgesellschaftliche Engagement erhöhen. Als letztes gebe es drei verschiedene Formen von sozialen Innovationen, worunter die transformative Innovation die bedeutendste sei, da diese einen Wandel des Systems bedeute und alle AkteurInnen miteinbeziehe.
Der neoliberale Wandel.
Eine große Transformation habe in den letzten Jahren bereits stattgefunden, aber eine neoliberale Transformation. Damit einhergehend sei es zum Abbau sozialer Innovationen gekommen. Um dem entgegenzuwirken sehe Leubolt ein Potenzial in der sogenannten „Bottom-Linked Governance“, die sich als Mittelweg zwischen einem Top-Down und Bottom-Up Prinzip verstehe und die Vorteile beider Strategien verbinde. Ein positives Beispiel dafür sei eine brasilianische Initiative, die ihr Recyclingsystem nach dem Prinzip der solidarischen Ökonomie zu Gunsten sowohl der armen Bevölkerung als auch der Mittelschicht gestaltet habe.
Was kommt jetzt?
Angesichts der Wahlen in Österreich 2017 und der neuen Bundesregierung stellte sich die Frage, mit welchen Entwicklungen sozialer Innovationen zu rechnen sei. Es sei noch zu früh, um genauere Prognosen zu fällen, aber mit der unpräzisen Begriffsklärung laufe man jedenfalls Gefahr, dass Macht-und Verteilungsfragen in der Analyse ausgeblendet werden. Das Regierungsprogramm unterteile in unternehmerische und gesellschaftliche Innovationen, sei aber in den genauen Ausführungen sehr unkonkret. Im Vergleich zu vorherigen Regierungsprogrammen sei hier sehr wenig näher ausgeführt und auch keine Zuständigkeitspersonen angegeben. Weinzierl machte darauf aufmerksam, dass seit der neuen Regierung bereits drei Vereinen, die Beratungsarbeit für Frauen leisten, die Förderungen gestrichen wurden. Gleichzeitig seien 90% der Forderungen von Wirtschaftskammer und Industriellenvereinigung im Regierungsprogramm verankert. Dies sei eine Regierung der Konzerne, so Weinzierl, daher wäre das zivilgesellschaftliche Engagement nun umso wichtiger.
Soziale Innovationen wieder out?
In der Abschlussrunde mit den BesucherInnen wurde festgestellt, dass der große Hype um das Konzept sozialer Innovationen auf EU-Ebene inzwischen wieder verschwunden sei und nur noch nebensächlich eine Rolle spiele, da politische Themen sich mit den PolitikerInnen verändern würden. Kritisch fragte Weinzierl abschließend danach, ob das Konzept vielleicht seine Funktion in der Stärkung des Neoliberalismus und der Privatwirtschaft erfüllt habe und deshalb politisch nicht mehr relevant sei?
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at
Weiterführende Links:
– Nähere Infos zur JEP-Ausgabe: Social Innovation and the Transformation of Welfare States. Volume XXXIII • Issue 2 • 2017
– Link zum Journal für Entwicklungspolitik
– Link zum Mattersburger Kreis für Entwicklungspolitik