Scham und Beschämung in der Migrationsgesellschaft Deutschland

Oft kommen Menschen mit großen Träumen in ein fremdes Land. Viele dieser mutigen Frauen und Männer werden in der fremden Kultur Opfer von Zuschreibungen und Kategorisierung. Die Theaterpädagogin Maria Gorius reflektiert in der Publikation ihre über 20-jährige psychosoziale, pädagogische und soziokulturelle Praxiserfahrung. 

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Ihr Anliegen ist es, mit dieser wissenschaftlichen Arbeit eine praktische Anleitung zu geben, um Scham im Kontext der Migration zu enttabuisieren. Direkte Zitate von Interviews mit Menschen mit Migrationserfahrung lassen einen das Büchlein, herausgegeben vom Paulo Freire Institut Berlin, flüssig lesen. Die Aktualität des Themas wird durch Beispiele ihrer jüngsten Arbeit klar. Deutlich wird auch, dass die theoretische Analyse von Scham und Beschämung die Umsetzung anstrebt, Scham zu enttabuisieren, wahrzunehmen und bewusst zu machen. Gorius schlägt Workshop-Techniken vor und ermutigt, Impulse zu Aktionen zu setzen: auf individueller, institutioneller und politischer Ebene.

Von der Kultur des Beschämens zur Kultur des Schweigens

Nach Paulo Freire zeigt sie, wie der „Habitus der Dominanzkultur“ Minderheiten durch Nicht-Anerkennung, Nicht-Zugehörigkeit und Nicht-Würdigung beschämt und in eine „Kultur des Schweigens“ drängt. Dies bedeute, dass Menschen ihr Selbstverständnis durch Fremdzuschreibungen erhalten und sich nicht trauen, aktiv den gesellschaftlichen Diskurs mitzugestalten.

Defizitorientierung in der Schule

Die Autorin mit einem Abschluss in Intercultural Education kritisiert im Bereich der Bildung, dass der heutige Schulalltag Deutschlands schon viel zu lange aus Frontalunterricht bestehe. Bei dieser Methode werde der Schüler zu einem „Container, der vom Lehrer gefüllt wird“, zitiert sie Freire. Somit gelten die SchülerInnen, die sich der Dominanzkultur am besten anpassen, als am erfolgreichsten. Einsprachiger Unterricht blockiere die Entwicklung zweisprachiger Kinder und verhindere Gleichbehandlung. Leistungsdruck, Konkurrenz und Defizitorientierung beschämen bei einem Versagen in diesem Bildungssystem nicht nur die Kinder selbst, sondern auch deren Eltern.

Problemschulen und Problemviertel

In politischen Debatten und öffentlichen Diskursen werde in Deutschland Migration als gesellschaftliche Belastung dargestellt, erklärt die Sozialwissenschaftlerin. Ausländischen Familien werden negative, verletzende Stereotypen zugeschrieben: sie seien bildungsfern, schmutzig und Schuld am Entstehen von Parallelgesellschaften.

Menschen werden „fremd gemacht“, auf ihre ethnische Herkunft reduziert und wegen körperlicher „Abweichungen“, Namen oder Sprachen ausgegrenzt. Dies führe zu dem Gefühl, nicht zu jenen zu gehören, die legitim hier lebten, sondern eigentlich woanders hinzugehören, zitiert Gorius einen Interviewpartner.

Was ist Scham?

Wie entsteht sie, was bewirkt sie, wie kann man damit umgehen? Gorius erklärt, Scham zeige sich in allen Gesellschaften auf grundsätzlich gleiche Weise. Psychologisch gesehen sei Scham die Erfahrung eines inneren Widerspruchs und das Gefühl des Versagens der eigenen Identität. Sie differenziert verschiedene Formen von Scham, worauf diese basieren und wie man von einem destruktiven Umgang zu einem konstruktiven Umgang mit Scham kommen kann. Für einen positiven Umgang sei es wichtig, die Gründe der Scham aufzuarbeiten. Es müsse erkannt werden, wer man ist und wer man nicht ist, um diese Identitätskrise zu überwinden und die personale Einheit wiederherzustellen.

Ein Fallbeispiel

Anhand der Erfahrungen einer interviewten Migrantin erklärt sie, wie Teufelskreise der Scham entstehen: Eine türkische Frau kommt nach Deutschland, träumt vom Paradies, erkennt aber schnell, dass sie nicht arbeiten kann, weil sie kein Deutsch spricht. Sehr jung heiratet sie, bekommt drei Kinder und trennt sich ein paar Jahre später von ihrem alkoholkranken Ehemann. Nun ist sie Migrantin, Alleinerziehende und Hartz IV-Empfängerin. Für all das schämt sie sich und ihr Selbstvertrauen sinkt. Sie zieht sich zurück und geht kaum mit ihren Kindern in den Kindergarten oder in die Schule. Folglich lernt sie keine anderen Eltern kennen, wird als bildungsfern abgestempelt, schämt sich noch mehr und kapselt sich noch mehr ab.

Praktische Aktionen

Besonders anregend sind die praktischen Ansätze, die die Theaterpädagogin konzipiert hat: drei Workshops mit den Projektzielen, einen Raum für Dialog zu eröffnen, Fachwissen über Scham auszutauschen, für das Thema Scham in der Migrationsgesellschaft Deutschland zu sensibilisieren und Weiterarbeit am Thema anzuregen.

Gorius‘ Buch lässt einen Dynamiken, denen man im Alltag oft begegnet, durch eine soziologische und psychologische Einbettung verstehen. Als Lesende/r kann man das Phänomen Scham und persönliche Erfahrungen damit reflektieren. Das Buch sensibilisiert ebenso für den Zusammenhang von Migration und Scham. Erfrischend und ermutigend sind der Tatendrang und die praktischen Vorschläge für eine Veränderung in der Gesellschaft.

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

Weiterführende Links:

– Paulo Freire Institut Berlin: https://www.ina-fu.org/institute/paulo-freire-institut

– Maria Gorius: https://www.mariagorius.de/

Veröffentlicht in Entwicklungsforschung, Buchrezensionen, Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen.