Den Neuen Tendenzen der sozialen (Un-)Gleichheit Herausforderungen für Chile und Lateinamerika widmete sich ein zweitägiges Seminar organisiert vom Proyecto Desigualdades in Santiago de Chile. Shila Auer berichtet von den Ergebnissen des Forschungsprojekts und ihren eigenen Erfahrungen zum Thema in Chile.
Chile ist eines der Länder mit der größten Ungleichheit auf der Welt, die sich auf den verschiedensten Ebenen manifestiert und selbst im Alltag ständig präsent ist. Neben der sozio-ökonomischen Ungleichheit bestehen eklatante Unterschiede der Möglichkeiten und des Zugangs zu Ressourcen zwischen den einzelnen Regionen sowie Kulturen und Ethnien Chiles. Obwohl die Regierung betont, in den letzten Jahren viel in Richtung Armutsreduktion, Verbesserung des Gesundheits- und Bildungssystems sowie der Wohnverhältnisse erreicht zu haben, sieht sich das südamerikanische Land vermehrt mit einer neuen Form der Ungleichheit konfrontiert, die unter anderem mit der steigenden Mobilität, Dynamik und Instabilität einer globalisierten Gesellschaft zu tun hat. Die aktuelle chilenische Politik so der Tenor des Seminars müsse im Kampf gegen die Ungleichheit ihren Fokus vermehrt auf eben diese neuen Herausforderungen richten.
Das Forschungsprojekt Proyecto Desigualdades organisierte zu diesem Zweck in Santiago de Chile am 9. und 10. September 2009 ein interdisziplinäres Seminar, in dem SoziologInnen, PolitologInnen, AnthropologInnen, ÖkonomInnen, etc. dessen Resultate darstellten und diskutierten. Das Projekt, das seit 2006 zu den verschiedenen Formen von Ungleichheiten und der Zusammensetzung der chilenischen Gesellschaft arbeitet, wird getragen von staatlichen sowie privaten Universitäten, der chilenischen Regierung, der CEPAL sowie von einigen Firmen. Durch hauptsächlich quantitative Forschung in allen 15 Regionen Chiles sollen versteckte oder neu entstehende Mechanismen, Phänomene und Prozesse ausfindig gemacht, Machtbeziehungen und Veränderungen in der aktuellen Politik identifiziert sowie das Bewusstsein der ChilenInnen zum Thema (Un-)Gleichheiten erforscht werden.
Territorialität als Quelle sozialer Differenz
80% der chilenischen Bevölkerung lebt in Städten, der Großteil davon in der Hauptstadt Santiago. Dort konzentrieren sich die produktiven Prozesse und der Reichtum des Landes, wodurch eine Struktur der ungleichen Möglichkeiten entsteht, die sich einerseits innerhalb der einzelnen Regionen (intra-kommunal) und andererseits zwischen diesen (inter-kommunal) manifestiert. Das Forschungsprojekt identifizierte eine weitaus höhere Ungleichheit auf der intra-kommunalen Ebene, weshalb ein stärkerer Fokus der politischen Maßnahmen auf eben diese Form der regionalen Ungleichheit gefordert wird. Diskutiert wurde darüber hinaus die Herausforderung, eine Balance zwischen Dezentralisierung und Zentralisierung zu schaffen. Obwohl ein Konsens zu den Zielen einer chilenischen Dezentralisierung besteht, ist die Umsetzung widersprüchlich und unklar. In diesem Zusammenhang fällt auf, dass auch das Forschungsprojekt selbst bzw. das Seminar in Santiago und nicht in den Regionen stattfand.
Die Konstruktion einer neuen Mittelschicht
Einen Nachmittag lang beschäftigten sich die Seminar-TeilnehmerInnen mit den Veränderungen der Mittelschicht in Lateinamerika und untersuchten deren Wandel von einer homogenen zu einer heterogenen, fragmentierten Bevölkerungsschicht. Im Gegensatz zu ihrer integrativen, modernisierenden und demokratisierenden Funktion in den 1920er-Jahren, ist diese neue Form seit den 80er-Jahren konsumorientiert, neoliberal und individualistisch. Die ForscherInnen des Proyecto Desigualdades beobachteten dies in den zahlreichen Malls (Einkaufszentren), dem Zuhause der chilenischen Mittelschicht. Die Identität, die hier verkörpert wird, hat einen bewusst exkludierenden Charakter, wodurch sie eine neue Form der Ungleichheit konstruiert. Gleichzeitig hat sie mit Identitätsproblemen zu kämpfen und ist aufgrund des steigenden Wettbewerbs in einer immer unberechenbareren Welt mit einer riskanten sozio-ökonomischen Situation konfrontiert. Aufstieg und Fall der sozialen Gruppen liegen oft eng nebeneinander. Anhand von Beispielen aus der Praxis zeigten die ForscherInnen, dass die chilenische Mittelschicht von den einzelnen Bereichen der Wirtschaft wie dem Immobilienmarkt konstruiert wird.
Bildung und Demokratie der Elite
Wohl die klassischste aller Formen der Ungleichheit ist der Zugang zu Bildung. Obwohl sich in dieser Hinsicht in Chile in den letzten Jahren sehr viel getan hat, ist sie immer noch stark segmentiert. Dies tritt einerseits in der schlechteren Qualität der Bildungsmöglichkeiten für ärmere Bevölkerungsschichten zutage, andererseits spielt Bildung auch eine wichtige Rolle bei der kulturellen Identität einer sozialen Gruppe. Im Gespräch mit ChilenInnen taucht immer wieder die Überzeugung auf, Armut sei eine Folge von Faulheit, sich nicht bilden zu wollen. Die integrative Funktion der Bildung in der chilenischen Gesellschaft ist folglich verschwindend, was darauf schließen lässt, dass von Seiten des Staates in dieser Hinsicht noch viel zu tun ist.
Die steigende soziale Differenzierung in der chilenischen Gesellschaft im Laufe der letzten vier Jahrzehnte hat weiters entscheidende Auswirkungen auf die politische Partizipation. Im Seminar wurde gezeigt, dass vor allem die armen Bevölkerungsschichten kaum politisch aktiv sind, was wiederum zu sozialem Ausschluss beiträgt und eine Demokratie der Elite konstruiert. Dies hängt so die Ergebnisse einer Umfrage im Rahmen des Forschungsprojekts mit einem grundsätzlichen Misstrauen, Unsicherheit und Apathie in der chilenischen Gesellschaft zusammen. Diese wurden im Laufe der Geschichte insbesondere in Zeiten der Militärdiktatur ständig reproduziert und verstärkt. Eine tiefgehende Aufarbeitung der Geschichte ist demnach essentiell, um langsam wieder Vertrauen aufzubauen. Außerdem mangle es laut den Vortragenden an einer fruchtbaren Kommunikation, die es vermag, vor allem die Jugendlichen in Chile politisch zu mobilisieren.
Die Autorin ist Mitglied des online-Redaktionsteams des Freire Zentrums.