Welche Erfahrungen gibt es zu Volksbildung, Solidarökonomie und Stadtentwicklung in Österreich und welche in Amerika? Wie sind diese aus heutiger Perspektive zu betrachten und was kann voneinander gelernt werden? Eine Podiumsdiskussion mit internationalen Gästen widmete sich am 13. Mai 2009 diesen Fragen.“Eine Reise durch Raum und Zeit“ sollte die Podiumsveranstaltung zu den Themenfeldern Volksbildung, solidarische Wirtschaftsformen und Stadtentwicklung sein, die im Rahmen der Social Polis Konferenz in Wien stattfand. Dementsprechend international waren die ReferentInnen, die das Paulo Freire Zentrum ins Lateinamerika Institut eingeladen hatte. In einer ersten Diskussionsrunde wurden Erfahrungen der experimentellen Arbeitsmarktpolitik der 1980er in Österreich reflektiert und aus einer brasilianischen Perspektive kommentiert. Der zweite Teil widmete sich Projekten in den USA, in Kanada und Brasilien, die wiederum aus Wiener Sicht diskutiert wurden.
Innovative Arbeitsmarktpolitik in Österreich
Den ersten Teil eröffnete Peter Ulrich Lehner (Mitarbeiter von mitbestimmung – zeitschrift für demokratisierung der arbeitswelt) mit einem Bericht zu der in den 1980er Jahren initiierten „Aktion 8000“. Ziel dieses Programms des Sozialministeriums war es, 8000 neue
Arbeitsplätze für Langzeitarbeitslose im Non-Profit-Sektor zu schaffen. Arbeit musste also dem öffentlichen allgemeinen Interesse entsprechen, Privatfirmen waren vom Förderprogramm ausgeschlossen. Diese Doppelstrategie führte auch zu einer Verbesserung des Angebots an sozialen öffentlichen Diensten. Den Erfolg des Aktion 8000-Programms sah Lehner durch die niedrigen Arbeitslosenzahlen des Jahres 1998 bestätigt, die deutlich unter dem OECD- und EU-Schnitt lagen.

Marietta Schneider, Mitarbeiterin des Magazins AUF (Aktion Unabhängiger Frauen), war auch Teilnehmerin am Aktion 8000-Programm. Im Rahmen der innovativen Arbeitsmarktpolitik entstanden so einige Projekte und Arbeitsplätze von und für Frauen.
Die feministische Erwachsenenbildnerin kritisierte an der Aktion 8000 jedoch das Fehlen von expliziter Frauenförderung. Diese wäre aber, angesichts der besonders schwierigen sozioökonomischen Bedingungen für Frauen am Arbeitsmarkt, dringend nötig gewesen. Weiters berichtete sie über die alternative Arbeitsorganisation beim Frauenmagazin AUF. Die Mitarbeiterinnen haben eigene basisdemokratische Arbeitsstrukturen entwickelt, die kollektives Lernen ermöglichten und die Menschen auch zu den Themen Frieden, Migration, Bildung und Anti-Faschismus politisierten.

Paul Singer, brasilianischer Staatssekretät für Solidarische Ökonomie, kommentierte diese österreichischen Erfahrungen aus brasilianischer Sicht. Solidarische Ökonomie dürfe nicht auf eine Methode der Arbeitsplatzbeschaffung reduziert werde. Der Arbeitsplatzmangel in den 1990er Jahren sei
zwar ein wichtiger Antrieb für die solidarökonomischen Betriebe in Brasilien gewesen, die wesentlichen Prinzipien dieser Wirtschaftsform seien aber die kollektive Selbstorganisation und die Selbstbestimmung. Gemeinsames Lernen sei ein weiterer integraler Bestandteil dieses Prozesses der Selbstermächtigung, so der Staatssekretär.
Erfahrungen aus den USA, Kanada und Brasilien

Die zweite Diskussionsrunde betrachtete die Thematik aus amerikanischer Perspektive. Die Geografin Helga Leitner berichtete von „Community Development“ in den USA. In den 1990er Jahren entstand die nationale Allianz „Jobs with Justice“, die Gewerkschaften,
religiöse und zivilgesellschaftliche Organisationen sowie lokale Bewegungen vereinte. Ihre Aufgabe lag einerseits darin, die Initiativen auf Kommunalebene zu vernetzen und somit ihre politische Kraft zu stärken, und andererseits Bildung, Unterstützung und Beratung für ArbeiterInnen und Arbeitslose anzubieten.

Juan-Luis Klein, Geograf, stellte anschließend die kanadische Antwort auf die Arbeitslosigkeit vor, die einen institutionalisierteren Charakter als die zivilgesellschaftlichen Initiativen in den USA aufweist. In Montreal wurden Organisationen für Sozialökonomie gegründet, die „Community Economic Development
Corporations“, die als Bindeglied zwischen lokalen Bewegungen und Unternehmen fungierten, mit dem Ziel, wirtschaftliche Entwicklung und Arbeitsplätze zu fördern.

Ana C. Fernandes, Universitätsprofessorin in Recife/Brasilien, brachte wie Paul Singer in der vorherigen Diskussionsrunde ein anderes Verständnis von Solidarischer Ökonomie ein, das sich durch seinen radikaleren politischen Anspruch auszeichnete.
Die Bewegung der Solidarischen Ökonomie sei für sie eine Bewegung der Befreiung aus Unterdrückungsverhältnissen durch kollektive Selbstorganisation. Volksbildung und Solidarische Ökonomie seien dabei organisch miteinander verbunden.

Die Kommentatorin der amerikanischen Beiträge, die Wiener Gemeinderätin Tanja Wehsely, sah keine Vergleichbarkeit zwischen den Beispielen aus Amerika und der Situation in Wien. Die Rahmenbedingungen seien zu verschieden. Österreich verfüge über ein
ausgezeichnetes Sozialsystem, das in den behandelten amerikanischen Ländern in dem Maß nicht vorhanden sei. Es werde hier nach dem Prinzip der Sozialpartnerschaft ohnehin stark mit den verschiedenen Interessensgruppen zusammengearbeitet. Eine Kooperation zwischen Menschen und Unternehmen mit dem Ziel der Arbeitsplatzschaffung sei hier gängige Praxis, meinte die Wiener Gemeinderätin.
Die facettenreiche Diskussion zeigte die verschiedenen Zugänge und Vorstellungen zur umfangreichen Thematik Volksbildung, Solidarische Ökonomie und Stadtentwicklung auf. Gerade die vielfältigen Perspektiven und Erfahrungen aus dem In- und Ausland ermöglichten eine interessante Diskussion. Dennoch gilt es zu betonen, dass der Norden bei diesem Thema sehr viel von Brasilien und anderen Ländern des Südens lernen könnte, wenn die dafür nötige Selbstreflexion und Offenheit aufgebracht wird.
Die Autorin ist Mitglied des online-Redaktionsteams des Freire Zentrums.