P(A)R, PRA, RRA, REFLECT, PLA, RLA nach mehr als 30 Jahren Innovation im Bereich der partizipativen Forschungsmethoden könnte die Sammlung an Akronymen ein Wörterbuch füllen. Was steckt hinter der Idee von Partizipation?
Ein alternatives Forschungsparadigma
Partizipative Forschungsmethoden brechen mit einigen grundlegenden Gedanken des positivistischen Forschungsansatzes, wie etwa der Annahme einer objektiven Realität, die von dem/der ForscherIn unbeeinflusst beschrieben und erklärt werden kann. Realität wird stattdessen als geformt von sozialen AkteurInnen wahrgenommen zu denen auch der/die ForscherIn zählt und somit zu einem wesentlichen Teil des Bildes wird. Dieser Artikel verfolgt das Ziel, einen kurzen Überblick über Debatten um Partizipation ein Konzept, das mittlerweile zum Mainstream-Diskurs der Sozialwissenschaften und Entwicklungszusammenarbeit (EZA) zählt zu bieten.
Orlando Fals Borda, kolumbianischer Soziologe und Mitbegründer von Action Research, ortet die ideologischen Wurzeln der in den 1970er Jahren entstandenen Bewegung einer alternativen sozialen Forschung und Praxis in a) der friedlichen Bewegung des zivilen Ungehorsams in Indien, b) der Zusammenarbeit zwischen kolumbianischen NGOs und Bauernbewegungen, c) einem langjährigen, finnischen Aktionsforschungsprojekt in Tansania sowie d) Paulo Freires Pädagogik der Unterdrückten. Aktionsforschung stellte durch die Suche nach angewandtem Wissen die Idee von Wissenschaft als die Erschaffung von Wissen im Sinne von Wahrheit in Frage. Vielmehr entstand die Vorstellung, dass Wissen in der Verbindung von akademischer Forschung und Praxis liege. Die Idee war emanzipatorisch, da das Wissensmonopol der Universitäten und der dort vorzufindenden sozialen Klassen in Frage gestellt wurde, was bewusstseinsbildend und politisierend wirkte.
Der Anspruch, praxisorientiertes Wissen zu schaffen, bedeutet, dass die Trennung zwischen Theorie und Praxis sowie jene zwischen ForscherInnen und Beforschten wegfällt, da beide als denkende und fühlende Menschen und Teil ein und derselben sozialen Umgebung wahrgenommen werden. Die Vielzahl an partizipativen Methoden, die sich weltweit entwickelt haben, unterscheidet sich in Hinblick auf die behandelten Themen, den Kontext ihrer Entstehung und Anwendung sowie die Zielgruppe und das jeweilige Publikum. Ihnen liegt jedoch eine gemeinsame partizipative Weltsicht zugrunde.
Democracy of the ground
Der Begriff partizipative Methoden steht eng in Verbindung mit jenen innovativen Ansätzen, die Robert Chambers seit den 1980ern im Bereich der EZA geprägt hat. Partizipation wurde zum Leitmotiv einer Praxis, die sich als Gegensatz zum normal professionalism sah: bottom-up statt top-down, Spaß statt Frustration, Lernen statt Lehren, Fördern statt Leiten. Der Ansatz ask them und they can do it steht im Zentrum einer Vielzahl von Methoden, die sich über die Jahre in vielen Ländern (vor allem des Südens) entwickelt haben. Robert Chambers betont immer wieder, wie sehr die Lebendigkeit dieses Zugangs von ständiger Innovation abhängt es gibt kein Lehrbuch für die richtige Anwendung; Qualität wird durch gute Praxis erreicht. Robert Chambers Methoden stammen aus dem Bereich der EZA in Landwirtschaft, Gesundheit und Bildung. Während der 1980er und 1990er Jahre hat neben der geographischen auch eine starke inhaltliche Verbreitung stattgefunden z.B. auf die Bereiche des persönlichen und institutionellen Wandels sowie in die wissenschaftliche Forschung und Politik. Ende der 1990er erhielt Partizipation mit dem Einzug in die Weltbank endgültig den Stempel des mainstreams.
Partizipation mehr vom Selben oder radikal anders?
Jene, die mit Paulo Freires Werk vertraut sind, stoßen in der Beschreibung partizipativer Methoden vor allem im Aktion-Reflexion-Aktion-Zyklus sowie der Auflösung des Gegensatzes zwischen Lehrenden und Lernenden auf bekannte Ideen. Partizipation ist jener Gedanke, der den gemeinsamen Nenner der Vielzahl an Methoden bildet. Laut AutorInnen des Sammelbandes Action Research hat Partizipation positive Konsequenzen auf verschiedenen Ebenen: Menschen werden zum Handeln angeregt, was soziale Beziehungen dynamisiert (Empowerment); ein breiterer Begriff von Wissen erkennt den Wert von Erfahrung und Praxis an; Wissen, das auf Erfahrung gründet, garantiert die Relevanz von (Forschungs-)Arbeit und ermöglicht veränderte Praxis; Veränderung findet auf persönlicher Ebene, auf Ebene der Partner(organisationen) sowie im weiteren sozialen Kontext statt.
Die Euphorie um Partizipation ist jedoch begleitet von kritischen Stimmen (siehe Partizipation die neue Tyrannei? Herausgegeben von Bill Cooke und Uma Kothari). Der Hauptkritikpunkt bezieht sich auf die Annahme, dass Partizipation per se gut sei und dadurch zu einer Art Religion wird, die zwar in technischen Aspekten, nicht aber grundlegend kritisiert werden kann. Durch diese Annahme werden andere Motive, wie Partizipation als Managementmethode verdeckt: Durch die Miteinbeziehung der Betroffenen wird nicht nur die Relevanz der Intervention bzw. Forschung garantiert, sondern auch eine effizientere und kostengünstigere Durchführung. Die Rhetorik von Partizipation stellt Legitimität für (EZA und Forschungs-)Projekte her, was neben Ineffizienzen in der Praxis auch die Infragestellung von Machtbeziehungen verhindern kann. Uma Kothari argumentiert aus Foucaultscher Perspektive, dass der den partizipativen Methoden zugrunde liegende Machtbegriff sich auf materiellen Besitz bezieht (haves versus have-nots) und dadurch die backstage liegenden komplexen sozialen Beziehungen, welche in die Produktion von Wissen eingehen, vernachlässigt. Ohne ein realistisches Verständnis von Macht sei der Anspruch von Empowerment illusorisch.
Partizipation neu
Als Antwort auf die Kritiken haben einige AutorInnen versucht, die Idee der Partizipation in ihren ursprünglich politischen Kontext zurückzubringen (z.B.: Hickey und Mohan 2005). Ein erneuter Fokus auf soziale Bewegungen und citizenship nimmt Partizipation aus dem technischen Rahmen der EZA-Projektarbeit und stellt eine engere Beziehung mit BürgerInnenrechten, insbesondere für marginalisierte Gruppen her. Diese AutorInnen distanzieren sich von dem Gedanken, dass Partizipation notwendigerweise positiv sei und verlangen eine Auseinandersetzung mit Macht im breiteren gesellschaftlichen Kontext.
Was mich an Robert Chambers Workshops beeindruckt, sind die Konsequenz und Begeisterung, mit welchen er für eine partizipative Weltsicht eintritt und dies in einem Umfeld, in dem Vision oftmals Individualismus untergeordnet wird. Die rhetorisch sehr ansprechenden Ideen von Umkehrung der Macht, Teilen von Wissen und Können, Lernen und community sowie Empowerment müssen meiner Meinung nach von einer strukturierten Reflexion über die eigene Praxis begleitet und einem ebenso konsequenten reality check in dem die weitere soziale Umgebung im jeweiligen Kontext analysiert wird unterzogen werden.
Die Autorin beschäftigt sich im Zuge eines Masterstudiums in Großbritannien mit der Thematik und ist Mitglied des online-Redaktionsteams des Freire Zentrums.
Bibliographie:
Reason, Peter und Bradbury, Hilary (2006) (Hrsg.) Handbook of Action Research, London: Sage
Cooke, Bill und Kothari, Uma (2001) (Hrsg.) Participation, The New Tyranny? London: Zed Books
Hickey, Sam und Mohan, Giles (2005) Relocating Participation within a Radical Politics of Development, in Development and Change, 36 (3)
Texte von Robert Chambers sind auf der Website des Institute for Development Studies zugänglich: https://www.ids.ac.uk/