Mehr als Sitten und Bräuche

Der Begriff „Tradition“ erweckt zunächst Assoziationen mit Werten, Sitten und Bräuchen, weniger aber mit Macht und Identität. Hermann Mückler und Gerald Faschingeder haben zu diesem Thema einen Sammelband herausgegeben, der an Hand verschiedener Beispiele zeigt, wie Tradition ein Mittel zur Konstruktion von Zusammengehörigkeit und Legitimierung sein kann.Tradition und Identität, Tradition und Instrumentalisierung, Tradition und Globalisierung – bei der Auseinandersetzung mit dem Begriff der Tradition werden verschiedenste Themenfelder angeschnitten. Im vorliegenden Sammelband beschäftigen sich insgesamt 13 AutorInnen mit diversen Erscheinungsformen von Tradition im Spannungsfeld zwischen Authentizität und Imagination sowie der Instrumentalisierung derselben als Traditionalismus. Hierbei wird nicht der Anspruch gestellt, eine einheitliche Definition dieser Begriffe zu geben, sondern anhand von Beispielen deren Vielgestalt als auch verschiedene analytische Zugänge, Verständnisse, Kontexte und damit verbundene Problematiken aufzuzeigen.

„Erfundene“ Traditionen

Als grundlegend für die Auseinandersetzung mit Traditionalismen erscheint die Identifizierung von authentischen und „erfundenen“ Traditionen. In vielen Beiträgen wird daher auf das viel zitierte Konzept der „invented traditions“ von Eric Hobsbawm und Terence Ranger zurückgegriffen.

Der Untertitel „Zur Instrumentalisierung eines Identitätskonzeptes“ verrät bereits den Fokus auf eben jene „erfundene“, nicht-intrinsische Traditionen und deren Vereinnahmung. Die zentralen Fragen sind dabei, wer bestimmt, was „Tradition“ ist und zu welchen Zwecken diese – bewusst oder unbewusst – geschaffen und erhalten wird. Die Analyse der Funktionen von Traditionen, also der Herstellung von Zugehörigkeiten und Legitimierung von Machtverhältnissen steht somit im Mittelpunkt vieler Beiträge.

Diese decken eine Vielzahl an Thematiken ab: Es erfolgt die theoretische Auseinandersetzung mit Tradition in der Ethnologie bzw. Volkskunde, mit Tradition als Macht- und Klassenfrage, der Ökonomisierung von Tradition oder Tradition im Zusammenhang mit der Produktivität der Sprache. Anhand mehrerer Fallstudien aus verschiedenen Epochen und Regionen werden Beispiele von Traditionalismen verdeutlicht.

Mittel zum Zweck

Der Band befasst sich mit drei zusammenhängenden Phänomenen: Tradition, Traditionalismus und Tradierung. Unter letzterer wird der Prozess der Überlieferung verstanden. Traditionalismus dagegen ist, wie oben bereits erwähnt, die Veränderung und Vereinnahmung von Tradition. Durch Selektion wird diese zu bestimmten Zwecken neu interpretiert, das heißt instrumentalisiert.

Der Begriff der Tradition selbst vermisst hier eine klare Definition. Wie in der Einführung erklärt wird, ist dies aber auch nicht der Anspruch des Buches. Die verschiedenen Verständnisse von Tradition der  AutorInnen widersprechen sich nicht, sondern ergänzen sich und zeichnen ein vielfältiges Bild der Facetten von Tradition: Die erste, oberflächliche Assoziation betrifft die Gesamtheit der „Sitten und Bräuche“. Tradition wird im Allgemeinen mit dem Dauerhaften, Archaischen verbunden und als Gegensatz zur Moderne dargestellt. Die Dauerhaftigkeit kann auch zu Legitimierungszwecken imaginiert werden. Dies erleben wir selbst zum Beispiel, wenn etwas gerechtfertigt wird, „weil es ja schon immer so war“.

In fast jedem Beitrag wird die identitätsstiftende Funktion der Tradition betont. Tradition dient demnach zur Konstruktion von (kollektiven) Identitäten, wobei die Gemeinsamkeit der als der gleichen Identität zugehörigen imaginierten Gruppe schon deren gemeinsame Andersartigkeit sein kann. Projektionen, Illusionen und Ideologien sind demnach ebenfalls Komponenten von Tradition. Neben der Konstruktion von Identitäten fungieren Traditionen außerdem normativ, indem sie Werte und Verhaltensmuster schaffen, erhalten und weitergeben. In Zeiten des Wandels dienen Traditionen der Selbstbestätigung, indem an tatsächlichen andauernden traditionellen Praktiken und Werten festgehalten wird oder in Form von Traditionalismen, bei denen „Überliefertes […] selektiv verwendet angewandt [wird], um Rezentes zu legitimieren“ (S. 19).

Tradition und Moderne – ein Gegensatz?

Marie-France Chevron nimmt in ihrem Beitrag die Materialität der Tradition unter die Lupe. Durch die Globalisierung erkennt sie einen vermehrten Bedarf zur Identitätsfindung, die durch die Ökonomisierung von Tradition erleichtert wird: Identitäten werden z.B. durch Kleidung oder Objekte, die man nach außen zur Schau stellen kann, materiell und erwerbbar. Während andere Beiträge des Buches den Gegensatz zwischen dem anscheinend dichotomen Paar von Tradition und Moderne nicht aufzubrechen vermögen, sieht Chevron Traditionalisierungen als einen Teil der Moderne, da es dieser überhaupt bedarf, um sich von ihr absetzen zu können. Somit fungiert Tradition zum Einen als Abgrenzung zur, zum Anderen aber auch als strukturierendes und sinngebendes Element in der (Post-)Moderne.

Eine sich in vielen Beiträgen wiederfindende Interpretation von Traditionalisierungsbewegungen ist die der Zivilisationskritik. Es erfolgt ein Rekurs auf Traditionen in Umbruchszeiten, die von allgemeiner Unsicherheit begleitet sind und den Wunsch nach vergangenen Lebensumständen formen. Diese werden als idyllisch, friedlich, sicher und einfach imaginiert, ohne dass es tatsächlich so gewesen sein muss.

Fazit

Das Buch bietet eine große Vielfalt von Ansatzpunkten und Beispielen für das Verständnis von Traditionalismen. Das breite Spektrum ist jedoch zugleich seine Stärke und Schwachpunkt. Der Zusammenhang der Beiträge erscheint etwas lose: Innerhalb der Fallstudien ist der Bezug zu Tradition und Traditionalismus zwar immer deutlich, aber einige gegenseitige Rückgriffe der Texte aufeinander wären durchaus denkbar. Dazu ist allerdings zu erwähnen, dass in der Einführung ausdrücklich erklärt wird, dass viele AutorInnen verschiedener Disziplinen ausgewählt wurden, um die Vielseitigkeit von Traditionalismen aufzuzeigen, was durchaus gelungen ist.

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum und studiert Internationale Entwicklung an der Universität Wien. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.


Mückler, Hermann; Faschingeder, Gerald (Hg., 2012): Tradition und Traditionalismus. Zur Instrumentalisierung eines Identitätskonzeptes. Wien: Promedia. ISBN 978-3-85371-343-3.

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